Doch noch einmal Flüchtlinge und EU. Viel wird schon geschrieben, gesagt, kritisiert. Aber Capa-kaum muss einfach nochmals die gegenwärtige Situation kommentieren. Im eigenen Blog, nicht in der Flut der sozialen Netzwerke. Denn es geschieht derzeit viel zu viel Haarsträubendes. Und sonst könnte jemand auf die Idee kommen, Capa-kaum will sich mit diesem Thema nicht ausreichend befassen.

Wie die Flüchtlingsfrage in der EU gehandhabt wird – das ist ärgerlich, bedrückend, beschämend, unglaublich. Da sterben täglich Dutzende Menschen bei ihrem Versuch, in die ersehnte EU zu gelangen. Da verdienen Schlepper runde 10.000 Euro pro Kopf, machen im Hintergrund Mafia-Organisationen Millionengeschäfte – seit diesem Jahr bessere als mit Drogen oder Prostitution.

Und was hört man von Jenen, die dagegen etwas tun sollten? Deutschlands Bundeskanzlerin spricht inhaltsleer von „Herausforderung“ und „neuen Wegen“, die in der Flüchtlingsfrage beschritten werden müssen. EU-Chef Juncker meint flapsig, er hätte doch ohnehin vor Monaten schon eine Quotenregelung für die Aufnahme der Flüchtlinge vorgelegt, nur: Ein Großteil der EU-Staaten wolle das eben nicht. Sozusagen: Pech halt, was kann die Brüsseler Spitze dafür…

Und dann der Blick aufs „große Ganze“ – leider auch, wie in dieser Woche, von den Hilfsorganisationen: Man solle doch beachten, dass weltweit 60 Millionen Menschen auf der Flucht irgendwohin sind. Und gemeinsam mit den PolitikerInnen: Man muss eben den IS-Terror abstellen, den Leuten in den betroffenen Regionen bessere Lebensbedingungen bieten und so weiter. Ja und die Entwicklungshilfezahlungen, die in vielen EU-Staaten zurückgefahren wurden, wieder aufstocken.

Ach, wie lässt sich schön über das „große Ganze“ diskutieren, dort Forderungen, und seien sie auch noch so unrealistisch, stellen. Wie praktisch, der steigenden Problematik fast tatenlos zuzusehen und sich mit Stückwerk und falschem Ansatz zufrieden zu geben. Statt sofort Entscheidungen zu treffen und Maßnahmen zu setzen. Von Woche zu Woche überlässt die Demokratie die so gern berufene „Hoheit über die Stammtische“ den Rechtspopulisten, den Rabauken, den Helfern jener Drahtzieher, die hoffen, dass ihre Zeit gekommen ist.

So eine EU brauchen wir nicht – sagen da immer mehr Menschen. Und Capa-kaum tut sich schwer dagegen zu argumentieren. Wir dachten einst, die EU verleihe Europa neue Stärke durch Gemeinsamkeit und multinationales Selbstbewusstsein. Das Gegenteil ist der Fall. Neue Barrieren an Grenzen und in den Köpfen, gefährliche politische Strömungen, aggressive Attacken und Hilflosigkeit regieren mittlerweile. Das aktuelle Gegeneinander in der EU in Sachen Flüchtlinge – aber auch, man erinnere sich, beim Thema Griechenland oder beim Thema Fracking oder TTIP – zeigt, dass das Projekt Europa scheinbar ein naheliegendes Ablaufdatum hat.

Was geschieht nun wirklich mit Hilfesuchenden aus dem Nahen Osten und aus Afrika, die bereits durch mehrere sichere Staaten nach Österreich oder Deutschland gekommen sind? Eigentlich sollten sie doch gleich beim Eintritt in die EU Hilfe erhalten statt Schleppern ausgeliefert bleiben. Aber warum gibt es noch immer keine (von der EU, also von allen Mitgliedsstaaten, finanzierte) Auffanglager in Griechenland, Italien, Spanien oder Bulgarien?

Zynismus ist es, wenn in der EU lieber über die Finanzkrise Griechenlands diskutiert wird (kein Wunder: Die wirtschaftlichen Interessen sind dort groß – siehe Kauf der Flughäfen durch die Frankfurter Flughafengesellschaft) oder gerade jetzt, im Schatten der Flüchtlingskatastrophe, der Ukraine ein 3,3-Milliarden-Euro-Schuldenerlass zugestanden wird (zur Erinnerung: Griechenland wird ein Schuldenschnitt verweigert…).

Hurra, wir spielen Europa-Monopoly, da fliegen halt Manche raus. Zynisch – oder bloß unfähig und hilflos? Mehr will Capa-kaum dazu nicht mehr sagen.

9 Kommentare zu “Zynisch! Oder bloß hilflos?”

  • Karoline 3. September 2015

    Ich frage mich in den letzten vier, fünf Wochen, ob die Deutschen einen Bundespräsidenten haben. Und wenn ja, wer den nochmal genau gewählt hat.

  • Retep8 2. September 2015

    Wo ist die Frau, der Mann mit „statesmanship“, die/der den europäischen Karren aus dem Dreck zieht. Da ist keine Zeit mehr zu verlieren!

  • Monika 29. August 2015

    Wie unmenschlich sind wir geworden? Die Tragödien, die sich gerade in und um Europa abspielen, sind so grausam und schienen uns einmalig und unvorstellbar. Geht uns nichts an, können wir nicht mehr sagen. Lösungen sind ganz rasch gefordert. Lager für menschenwürdigen Verbleib nahe der Heimat müssen geschaffen und finanziert werden. Die Infrastruktur unterstützen (mit Geld und Waren) und weiter verhandeln, dass auch in den Ländern der Vertriebenen wieder Gerechtigkeit einzieht. Und wenn es nur mit einer Grenze geht, zwischen zwei Landeshälften, wie Nord- und Südkorea, dann ist das auch ein erster Erfolg. Wenn Europa destabilisiert wird, was gerade geschieht, werden wir niemanden mehr helfen können.

  • Thomas 57 29. August 2015

    Der größte Skandal: Frau Merkel sagt, für einen Sondergipfel der EU ist es noch zu früh!!! Hallo? Geht’s noch? Bei Griechenland haben sie sich jede Woche treffen können, die Flüchtlinge sind nicht interessant (lukrativ) genug!! Was hindert die tollen Politiker, über dieses Problem zu sprechen? Stimmt! Sie wissen eben nicht was sie tun sollen! Grenze sperren, Wirtschaftsflüchtlinge wegschicken, das klingt ihnen zu rechtsradikal?

  • der Kaiser aus Wien 28. August 2015

    So sehr ich bei dir bin, zeigt diese Katastrophe einmal mehr, dass diese Form der Europäischen Union zum Scheitern verurteilt ist… LGW

  • Capa-kaum 28. August 2015

    Zu den Postings: Die „Politik“ versteckt sich in dieser Mega-Frage ebenso wie in vielen anderen Fällen allzu gerne hinter der Bürokratie, hinter bestehenden Gesetzen und Regelungen, „die es einfach nicht zulassen, dass…“ – dass nämlich aus besonderem Anlass besondere Möglichkeiten zu schaffen sind. Ja, ich bin prinzipiell auch gegen „Anlassgesetzgebung“, weil diese auch manche Gefahren in sich birgt. Aber einfach zu sagen „wir, die EU, können da nichts tun, die Mitgliedsstaaten müssen“ ist zu wenig. Zumindest Geld aus den EU-Töpfen für Flüchtlingseinrichtungen und sonstige Hilfe könnte doch schleunigst aus dem EU-Budget locker gemacht werden. Was machen denn die einzelnen Staaten? Auch sie müssen Budgetgelder umschichten (was leider meist Bildung, Kultur und auch Sozialbudgets trifft).

  • Renate Skoff 28. August 2015

    In Österreich, Deutschland und vielen anderen Ländern gibt es Armut und Elend. Um diese Menschen muss sich jedes Land kümmern, gar keine Frage. Die Hilfe für die „eigenen Leute“ sollte aber nicht mit der Hilfe für Flüchtlinge „aufgerechnet“ werden. In der Flüchtlingsfrage geht es um Grundrechte, die uns als Menschen ausmachen und auf die unsere Verfassung gebaut ist. Hier nicht zu handeln, ist sträflich. Handeln heißt noch nicht, alle aufzunehmen. Aber es heißt, Realitäten (und neue Normalitäten) zu sehen, anzuerkennen und ernsthaft zu versuchen, für Lösungen zu finden. Und genau das geschieht nicht. Nicht hier, nicht in Deutschland und nicht in Europa. Da zeigt sich nur Verdrängen, Wegschieben und Zögerlichkeit. Leider kann die Zivilgesellschaft, die zum Glück handelt, die Versäumnisse der Politik nicht wettmachen. In dieser immer weiter werdenden Kluft machen es sich rechtsextreme Kräfte schon sehr bequem. Überall. Das dicke Ende kommt noch.

  • Paul 28. August 2015

    Ach, dazu könnte man endlos schreiben …
    Nur so viel: „Die EU“ – Juncker & Co. – hat (auch) in dieser Frage keinerlei Möglichkeiten. Das Heft ind er Hand haben hier einzig und allein die Nationalstaaten, und die arbeiten ja eben gegeneinander.
    Weiters muss man fairerweise sagen, dass ein Schuldennachlass von € 3,3 Mrd. bei Griechenland allenfalls die sprichwörtliche Portokasse auflösen würde.
    Aber deine Analyse ist natürlich insgesamt richtig, insbesondere, was das Vorschub leisten gegenüber den Rechtspopulisten betrifft – leider.
    Und, ja: So eine EU brauchen wir nicht – was wir aber vor allem nicht brauchen, sind die nationalen Politiker, die sie kaputtmachen.
    Aber praktikable Lösung hab ich natürlich auch keine.

  • wibek 28. August 2015

    Sind das alles wirklich Flüchtlinge? Viele hoffen doch in der EU bessere Lebensbedingungen vorzufinden. Das können wir in den meisten Fällen nicht geben. Neueste Statistik: in Deutschland leben mehr als 40 Prozent nahe der Armutsgrenze. Und auch so viele Jobs wie die Flüchtlinge bräuchten haben wir nicht einmal für die derzeitigen Arbeitslosen.

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