Zweifel

Posted in Blog, Blog Kultur mit 2 Kommentare

Okt2010 30

Sicherlich „nur“ ein Theaterstück, aber ein außergewöhnliches. Nicht bloß, weil der Autor für sein Drama Zweifel den begehrten Pulitzer-Preis erhalten hat, sondern weil es den Zuseher so entlässt wie es dem Titel entspricht. Was soll man glauben, wem soll man glauben, wie könnte man Recht sprechen, über jemanden urteilen? Was ist Vorurteil, Wahrheit, Lüge?

John Patrick Shanley schafft es, den Zuseher im Verlauf der knapp eineinhalb Stunden immer mehr ins Ungewisse darüber zu verstricken. Missbrauchsvorwürfe gegen einen Priester in einer katholischen Schule, die Hetzjagd der strengen Schulleiterin, Verdächtigungen ohne Beweise und wie weit darf man gehen, um aus Zweifel Gewissheit werden zu lassen? Scheinbar Wahres entpuppt sich als Betrug – doch war der Betrug gerechtfertigt, um die Wahrheit ans Licht zu bringen?

Zweifel, so meinen die Philosophen, hält das Denken in Bewegung, denn ohne Zweifel gäbe es letzten Endes keine Erkenntnis. So gesehen erfüllt Shanleys Drama auch diese Forderung, denn mögen auch dem Zuseher am Ende Zweifel an der Schuld des Beschuldigten bleiben (und wie viel Schuld hat die Schulleiterin auf sich geladen), so gewinnt er doch eine Erkenntnis: Wie schwer es ist ohne Beweis, ohne Geständnis zu urteilen.

Shanley erteilt katholischen Priestern in seinem Stück keine Generalabsolution, im Gegenteil: Er prangert an, dass dem Beschuldigten durch den Rechtsgrundsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten) in der Kirchenhierarchie sogar Vorteile entstehen. Aber Shanley lädt vor allem zum Nachdenken darüber ein, wie schnell Vorurteile und Vorverurteilungen zur Hand sind, wenn keine Beweise vorliegen. Und Zweifel ist auch ein Stück über Misstrauen und naives Vertrauen,  Geschlechterkampf in der Kirche und Gleichberechtigung.

Es ist das Verdienst der kleinen, aber mit vielen ihrer Aufführungen stets am Puls der Gesellschaft befindlichen Vaganten-Bühne, das 2008 auch mit Meryl Streep verfilmte Stück als aktuellen Beitrag zur Diskussion über Kindesmissbrauch im Bereich der katholischen Kirche nach Berlin gebracht zu haben. In einer minimalistischen, aber hautnahen Inszenierung und mit vier ausgezeichneten Schauspielern.  

Zweifel (John Patrick Shanley). Vaganten-Bühne, Berlin. Regie: Folke Braband. Mit: Doris Prilop, Tommaso Cacciapuoti, Katja Götz, Sheri Hagen.

2 Kommentare zu “Zweifel”

  • kalinka 1. November 2010

    Dieses Werk hat zurecht den Pulitzer-Preis erhalten. Was ist wahr? Was ist richtig? Wer lügt? Am Ende ist man froh, keine Entscheidungen treffen zu müssen.

  • jospal 31. Oktober 2010

    Das eigenartige Verständnis von Moral der Kirche: Ehelosigkeit der Priester, keine Pille, kein Kondom etc. Das richtet genug Schaden in der Gesellschaft und in der Dritten Welt an. Darüber gibt es keinen Zweifel.

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