Einmal Mann, einmal Frau. Und beide Male der aussichtslose Kampf gegen das gut geschmierte Räderwerk von politischer Macht, wirtschaftlichen Interessen, persönlicher Willfährigkeit und der Korrumpierbarkeit durch Geld. Gleichgültig, ob Mann oder Frau: Wo bleibt das Recht, wenn es der Macht in die Quere kommt? In Berlin hat in diesem Theaterjahr Der Volksfeind Saison.

Gleich an zwei der fünf großen Bühnen wird Henrik Ibsens Stück aus dem Jahr 1882 aufgeführt. Kein Wunder: Ibsens gesellschaftskritischer Zugang ist auch 130 Jahre später topaktuell, das Thema übrigens nicht minder. Geht es doch um die Frage der Vertuschung der Gesundheitsgefährdung im wirtschaftlich bedeutendsten Betrieb einer Stadt und um das Kaltstellen eines unbequemen Aufdeckers. Zugleich auch um die Rolle der Medien in ihrer Abhängigkeit von den Mächtigen und die Befindlichkeit der Gesellschaft überhaupt.

Reizvoll ist natürlich der Vergleich der beiden Inszenierungen. Im Maxim Gorki-Theater hat Regisseurin Jorinde Dröse nicht nur den Badearzt und Aufdecker Stockmann zu einer Frauenfigur gemacht, sondern auch mit Comic-Spielstil und reduziert-plakativem Bühnenbild Ibsens Theaterstil des ausgehenden 19. Jahrhunderts radikal in die Gegenwart transportiert. An der Schaubühne dagegen von Prinzipal Thomas Ostermeier eine im Gegensatz dazu fast konventionell zu nennende Inszenierung, natürlich – wie es sich heutzutage gehört – garniert mit Action und Musik, aber Capa-kaums Meinung nach zu sehr am Gesellschaftsbild der Ibsen-Zeit orientiert. Denn Dröses Geschlechtertausch der Hauptfigur bewirkt insgesamt einen bemerkenswerten zeitnahen Drive in allen Facetten des Stückes, vor allem im dargestellten Familienbild.

Der Höhepunkt des Stücks, Stockmanns gesellschaftskritische Rede, wird in beiden Inszenierungen äußerst actionreich abgehandelt. In der Schaubühne fliegen Farbbeutel, werden Meinungen aus dem Publikum provoziert. Dröse verlagert diesen Teil ins Gorki-Foyer, mitten unter das Pausen-Publikum, was dem Ganzen eine Dichte verleiht, deren aggressive Nähe manchen Zusehern zu viel wird. Für Capa-kaum ist Dröses Zugang zu dieser Szene der eindringlichere, nicht zuletzt auch durch den eindrucksvollen Auftritt der Frau Doktor Stockmann (Sabine Weibel) mitten im Gewühl. Im Vergleich zu ihr bleibt Stefan Stern an der Schaubühne als Hauptfigur in seinem idealistischen Eifer blass – weshalb hier der Bruder und Bürgermeister (Ingo Hülsmann) zur tragenden Persönlichkeit wird.

Nun könnte man sagen: Ostermeier legt dem Publikum ein Regieangebot vor, das für den eigenen Gebrauch selbst gedanklich weiterentwickelt werden soll. Dröse breitet dagegen ihr Ideenkonzept bestimmt und klar vor dem Publikum aus, lässt ihm lediglich die Wahl, ob man ihren Gedanken folgen will oder nicht. Beide Zugänge haben natürlich etwas für sich und werden vor allem durch die jeweils klug gesetzten Stilelemente äußerst gegenwärtig. Ibsens Grundideen kommen in beiden Inszenierungen zur Geltung: Wie weit ist Verlass auf die Medien, auf Freunde und sogar auf die Familie, wenn es „ums Eingemachte“ geht? Hat Macht mit Recht zu tun? Wo ist die Grenze zwischen Aufklärung und Fanatismus? Wie sonst als durch ein radikales, gleichsam revolutionäres Umdenken lassen sich einbetonierte Funktionsstrukturen der Gesellschaft verändern?

Im Vergleich zu Ostermeier hat das Gorki-Ensemble zweifellos den schonungsloseren Zugang gegen den einfachen Weg, sich an vorgegebenem Denken zu orientieren: Mit plakativen Sprüchen, der dem Publikum gleichsam entgegen geschleuderten Aufforderung zum Nachdenken über die Situation der (heutigen) Gesellschaft, dem (zum Ende sichtbar werdenden) Eigennutz werden Kernprobleme unserer Konsum- und Spaßgesellschaft überdeutlich.

Wenn aber, wie es Capa-kaum unmittelbar nach der Vorstellung erlebt hat, ein Zuseher via Smartphone mitteilt, dass ihm die Studentenkarte im Gorki-Theater eben „nur einen Abend voll Revolutionsromantik“ beschert hat, dann wird deutlich, wie schwer es für die Theatermacher ist, ihre wirklichen Botschaften gerade jenen zu vermitteln, um die es ihnen geht.

Der Volksfeind (Henrik Ibsen). Maxim Gorki-Theater, Berlin. Regie: Jorinde Dröse. Mit: Sabine Weibel, Roland Kukulies, Julischka Eichel, Cornelius Schwalm, Gunnar Teuber, Matti Krause, Albrecht Abraham Schuch, Andreas Leupold, Philipp Haagen.

Der Volksfeind (Henrik Ibsen). Schaubühne, Berlin. Regie: Thomas Ostermeier. Mit: Stefan Stern, Ingo Hülsmann, Eva Meckbach, David Ruland, Christoph Gawenda, Thomas Bading, Moritz Gottwald.  

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