Es ist zwei Jahrzehnte her, da prognostizierte der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington in seinem Buch „Der Kampf der Kulturen“, dass sich im 21. Jahrhundert anders als früher nicht mehr Staaten bekämpfen werden (wie im 19. Jahrhundert) oder Ideologien (wie im 20. Jahrhundert), sondern dass dann Kulturkreise aufeinanderprallen und damit die Weltpolitik beherrschen werden. Die Frage der kulturellen Identität, die Suche nach den Werten der eigenen Gesellschaft findet ihren sichtbaren Ausdruck im Symbolhaften wie Kreuzen oder Kopftüchern.

Huntingtons These, die in diesen Tagen und Monaten so besonders aktuell geworden ist, hat Capa-kaum veranlasst, einmal zu den „alten Griechen“ zurückzukehren und bei ihnen nachzusehen, was sie denn vor zweieinhalb Jahrtausenden als Konzepte und Lösungsmöglichkeiten anzubieten haben für Entwicklungen, wie sie eben in der Türkei in geradezu gespenstisch rasanter Weise stattfinden, oder für gesellschaftliche Auswüchse, die in Terrorismus, Fremdenhass und rechtspopulistischem Machtstreben münden. Und da ist bedauerlicherweise gleich beim ersten Blick erkennbar: Allzu wenig hat sich in der politischen Welt geändert. Man könnte meinen: Wir haben zweieinhalb Jahrtausende nichts dazugelernt.

Denn etwa der große Politiker Solon, der in Athen zu den „sieben Weisen“ gezählt wurde, hatte schon kurz vor seinem Tod 560 v.Chr. in einem politischen Gedicht festgestellt: „Ein gewaltiger Mann bereitet dem Staate Verderben, tief in der Knechtung Bann fällt das unwissende Volk. Wen gar leicht man erhob, den stürzt man wahrlich so leicht nicht. Alles im Voraus zu schaun, alles zu prüfen tut not.“ Was sind das für Namen der Gegenwart, die sofort auftauchen: Hitler, Berlusconi, Putin, Orban, Erdogan – ergänze Jeder die Liste für sich.

Thales von Milet – jener Gelehrte, der die Inschrift über dem Portal des Apollo-Tempels in Delphi „Erkenne Dich selbst“ formuliert haben soll – hat als Maßstab des tugendhaften Zusammenlebens ebenfalls schon vor 2600 Jahren bezeichnet: Niemals das zu tun, was wir an anderen verurteilen. Schafft das unsere heutige politische und gesellschaftliche Wirklichkeit?

150 Jahre später ging der Philosoph Protagoras noch einen Schritt weiter. Für ihn war die Erziehung der Bürger entscheidend für gutes Zusammenleben der Menschen im Staat. Die staatliche Gemeinschaft könne nur bestehen, wenn Respekt vor dem Anderen, Gerechtigkeit und Besonnenheit als Grundlagen vorhanden sind – Voraussetzungen, die durch das Bildungssystem zu schaffen sind. Wie viele unserer Bildungspolitiker, so frägt Capa-kaum, haben von dieser fast zweieinhalb Jahrtausende alten und doch so aktuellen These gehört?

Und natürlich noch Platon. Er vertrat schon vor rund 2400 Jahren die Auffassung, dass nur ein Mensch, der das Gute kennt (und lebt) auch ein guter Staatsmann werden kann. Dass dafür geistige und moralische Disziplin erforderlich ist, war für Platon selbstverständlich. Dass da Korruption (Chirac, Sarkozy usw.), falsche Wahlversprechungen (der Rechts-und Linkspopulisten), politische Intrigen (von Brutus bis Watergate und Clinton-Lewinsky) oder auch Geheimverhandlungen (Stichwort: TTIP) keinen Platz in der hohen Politik haben sollten…

Zurück in die Fast-Gegenwart. 1918 schrieb Oswald Spengler über den „Untergang des Abendlandes“. Seine These, dass die Gestaltungskraft einer Gesellschaft erlischt, wenn sie in die Phase der weltstädtischen Zivilisation eingetreten ist und dadurch Vermassung, Bürokratisierung, Technisierung und Sinnentleerung Platz greifen, hat ein Ergebnis, dass den von Huntington eingangs erwähnten Kulturkampf für Europa nicht gewinnbar machen würde: den Verfall der Kultur.

Düstere Aussichten im Jahr 2016? Ist die Weltgeschichte über die klugen Überlegungen antiker Philosophen hinweggegangen? Aber vielleicht hat der altösterreichische Philosoph Karl Popper in seinem Traktat „Hat die Weltgeschichte einen Sinn?“ einen Lösungsansatz: „Weder Natur noch Geschichte kann uns sagen, was wir tun sollen. Tatsachen, seien es nun Tatsachen der Natur oder Tatsachen der Geschichte, können die Entscheidung nicht für uns treffen, sie können nicht die Ziele bestimmen, die wir wählen werden. Wir sind es, die Zweck und Sinn in die Natur und Geschichte einführen. Die Menschen sind einander nicht gleich, aber wir können uns entschließen für gleiche Rechte zu kämpfen.

4 Kommentare zu “Zum Zustand unserer Welt”

  • AusderTonnemitBlickzurSonne 21. Juli 2016

    Hinzufügung: ich meine die Fortbewegungsmittel, die ihre Physis von A nach B befördern, nicht ihre vorstellbare oder vorgespielte Physis. Und ich meine nicht nur steuern im Sinne von befehligen, sondern im Sinne von Anfassen, Treten, Arm-Hand-Kopf-Bewegung koordinieren für Richtung geben und Kurse einhalten usw.

  • AusderTonnemitBlickzurSonne 21. Juli 2016

    Das ist eine sehr gute Frage! – Ich denke, Politiker sollten verpflichtet werden, zu laufen oder zumindest ihre Fortbewegungsmittel in ihrer Arbeitszeit selbst zu steuern. Dann würden sie auch besser denken. Mit und ohne Muße.

  • Capa-kaum 20. Juli 2016

    @AusderTonne…: Übrigens lässt sich von Spengler wieder ein passender Bogen zurück zu den Philosophen der Antike spannen. Platon hat nämlich die Muße als Grundvoraussetzung für die Weisheit, die einen Staatsmann auszeichnen muss, bezeichnet. Wie ist es heute angesichts der Überfrachtung und Hektik politischer Arbeit möglich, die Muße für das Nachdenken über Lösungen aufzubringen? Im Flug zwischen Berlin, Washington, Peking und Brüssel?

  • AusderTonnemitBlickzurSonne 20. Juli 2016

    Da hat der Popper natürlich recht! – Das einzige, das er übersehen hat oder nicht bedenken konnte mit seiner Art zu denken, ist, dass vor einen Entschluss eine Erkenntnis gesetzt ist. Erkenntnis in dem Sinn, dass etwas als sinnvoll auf einen Zweck hin getan empfunden und diese Empfindung reflektiert wird. Die Menschen sind ebenso einander gleich wie sie einander nicht gleich sind. Deshalb sind nicht alle in der Lage, Zweck und Sinn in die Natur und Geschichte so einzuführen, dass dies von jedermann so verstanden wird, dass sich die Menschen allgemein entschließen könnten, für „gleiche Rechte“ zu kämpfen. Ich weiß auch nicht, ob das ginge, selbst wenn alle in der Lage wären. Deshalb wäre es wichtiger, als für gleiche Rechte zu kämpfen, zunächst für die Einsicht zu kämpfen, dass der Mensch dem Menschen gleicht. Das das schon der ganze Zweck seiner speziellen Natur ist. Und dass die Natur, das Leben als solches, den einzigen Sinn in sich selbst hat. Der Sinn des Lebens ist das Leben. Natürlich kann man mit so einer schlichten, rusalen Erkenntnis als Philosoph sich keinen Namen machen. Aber das macht nichts. Was schon ist das Reden vom Leben gegen das Leben des Lebens?
    Schön, dass Du einmal auf die Vorsokratiker verweist, lieber Capa-Kaum – das geschieht m..E. viel zu selten, seit alle die neuere französische Philosophie so liebgewonnen haben. Die sind noch viel zu Fuß gegangen oder an einem Ort geblieben und konnten deshalb die Welt im Geist und damit den Geist der Welt besser vermessen. Während spätere Philosophen häufig den Überblick verloren haben, weil sie sich zu viel bewegten oder dachten, sie müssten sich den Bewegungen der Menschen anpassen mit ihren Reden und Schriften, und da uferten die oft aus in Geschwätz, mit dem sich immerhin Umsatz machen ließ und lässt bis heute-
    Bemerkenswert an Spengler ist bis heute seine Erkenntnis, was das urbane Leben und die Urbanisierung der Landschaft mit den Erkenntnismöglichkeiten macht. Deren Abnahme durch Technisierung und Bürokratisierung führt tatsächlich m.E. in eine Sinn-Entleerung. Es ist ja keine Zeit mehr, den eigenen Zweck zu erfüllen als Mensch dem Menschen zu gleichen und daraus den Sinn der Natur zu erkennen!
    Die Gefahr von Spenglers bekanntester Schrift ist deshalb im Moment, dass rechte Populisten sich seinen Vermassungs-Begriff als eigentliche Gefahr herausgreifen. Die Bürokratie wollen sie nicht ändern, denn sie verdienen mit ihr ihren Lebensunterhalt, die Technisierung können sie nicht ändern, das macht ihre Skepsis und ihr Misstrauen gegen ihre eigene Natur aus, die Kunst kennen sie nicht, das macht ihr Sicherheitsdenken im angeblichen Kulturerhalt dessen aus, was sie als Kunstgeschichte und Gemütsdekoration im Alltag verstehen – das einzige, wo sie Gestaltungsmöglichkeit in ihrem aktuellen Lebensraum sehen, ist die Verhinderung der Vermassung in dem Lebensraum der durch ihre Bürokratie organisatorisch abgedeckt wird. – Nun ja, ein weites Feld-

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