Man muss sich in René Pollesch eingehört und eingesehen haben, um intellektuellen Genuss, gepaart mit kulinarischer Ausführung, erleben zu können – das ist klar und nicht Jedermanns Sache, gibt Capa-kaum zu. Ein paar Dutzend Möglichkeiten seit seinem Auftauchen als Bühnenautor und Regisseur vor eineinhalb Jahrzehnten hatte man ja schon. Was aber sein jüngstes Werk House for Sale an der Berliner Volksbühne offenbart, ist ein Pollesch, der sich sichtlich weiterentwickelt hat.

In den eineinhalb Stunden entwirft Pollesch diesmal – im Gegensatz zu vielen anderen seiner früheren Arbeiten – einen, auch für weniger Pollesch-Gewohnte verständlichen und nachvollziehbaren, Tour d’Horizon der gegenwärtigen Gesellschaft. Selbstverständlich in der Grellheit und Sprachvirtuosität wie man es von ihm kennt. Mit oft schwarzem Humor und Sarkasmus werden die brennenden Themen unserer Zeit abgehandelt: Das Verhältnis von Jung zu Alt („wozu brauchen wir sie“), der Rechtsradikalismus („Baseballschläger statt Konzerte gegen Rechts“), die Grundlage der katholischen Kirche („der jüdische Saulus gründet als Paulus eine neue Partei“) – dazu Aggression, Macht, Eitelkeit, das Leben in Wiederholungen und und…

Dass hier wie immer bei Pollesch Philosophen und Autoren zitiert werden, dass es bewusste Anklänge an Tschechows Drei Schwestern gibt, dass es exakt passende Musikzitate sind, die auch als kurze Erholung vom überbordenden Text dienen können – das alles muss man nicht im Einzelnen wissen. Es geht um das Gesamtbild, dass in House für Sale entworfen wird. Perfekt dargeboten von den vier Schauspielerinnen, angeführt von einer herausragenden Sophie Rois, die einmal mehr zeigt, dass sie die Idealverkörperung des Pollesch’schen Darstellertyps ist, in dem sie sich zuhause fühlt und in Mimik, Gestik und mit ihrer unverwechselbaren Stimme alle Register ihres Könnens zieht. Dazu wie stets die Souffleuse auf der Bühne, die trotz der Textkomplexität kaum einspringen muss, dafür aber die Aufgabe hat, mit dem auf die Bühne gestellten Haus wie im Autodrom umher zu fahren.

House for Sale (René Pollesch). Volksbühne, Berlin. Regie: René Pollesch. Mit: Sophie Rois, Christine Groß, Bärbel Bolle, Mira Partecke, Tina Pfurr (Souffleuse).

1 Kommentar zu “Zeitgemäße Abrechnung”

  • Marianne 18. November 2014

    Danke für den Tipp – ich gehe sicher ganz bald hin. Bin sowieso ein Pollesch-Fan und mit Sophie Rois kann gar nichts mehr schiefgehen.

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