Die Psychologie kennt das Phänomen, wie Menschen agieren, wenn sie mit einem Schockerlebnis konfrontiert werden. Da gibt es prinzipiell drei Verhaltensmuster: Angriff, Flucht und Starre. Wer das Böse, Grässliche nicht abwehren will oder kann, ergreift lieber die Flucht. Und oft ist es auch das Totstellen, mit dem man glaubt, ungeschoren davon zu kommen. Das sind eben Grundmuster menschlichen Verhaltens, die derzeit in der europäischen Flüchtlingspolitik leider allzu deutlich werden.

Täglich Tausende Flüchtlinge in Booten, Eisenbahnzügen und klapprigen Transportern. Überfüllte Flüchtlingsunterkünfte, überforderte Registrierungsbeamte, Ärzte und Helfer, blutige Streitigkeiten um Wasser, Essen und zwischen ethnisch und religiös unterschiedlichen Gruppen, Hungerstreiks und Angriffe auf die Behörden.

Und was machen die Damen und Herren der Politik?

Sie betreiben Schaufenster-Politik, machen – nach ihrem Sommerurlaub, versteht sich – medienwirksame Begehungen in Flüchtlingsaufnahmezentren (Österreichs Polit-Spitzentroika Fischer-Faymann-Mitterlehner), kündigen Besichtigungen von Asylwerberunterkünften an (Deutschlands Übermutti Merkel) und überlegen, in den nächsten Wochen vielleicht doch einen „Flüchtlingsgipfel“ abzuhalten, um sich mit der Lage zu befassen. Capa-kaum schreibt hier über die deutschen und österreichischen Politstars.

Denn von den Politgranden der Europäischen Union ist ohnedies kaum etwas zu hören – sie machen es wie einzelne zuständige Minister der EU-Staaten, etwa in Österreich (der mit Integration befasste Shootingstar-Außenminister Kurz lässt bei diesem heiklen Thema lieber seine Parteifreundin und Innenministerin Mikl-Leitner scheitern) oder Deutschland (Innenminister De Maiziere sieht eher die Bundesländer in der Verantwortung als sein Ressort). Die EU will 2016 (!) ein Flüchtlingskonzept bereit haben – dieses Hinausschieben ist ja auch kein Wunder, sind doch Juncker & Co bereits veritabel an der Quotenfrage gescheitert, weil eben mehr als die Hälfte der EU-Mitgliedsländer einfach keine Flüchtlinge aufnehmen will. Oder keine Muslime, sondern bloß Christen (Slowakei).

Während das wirtschaftliche Problemland Griechenland unter der Einwanderungsflut ächzt und die Syrer, Iraker, Afghanen, Pakistani, Somalier (und einige Tausend Migrationstrittbrettfahrer) gerne gleich weiterschickt, bis nun Mazedonien die Grenzen dicht gemacht hat. Wieso eigentlich zu den Mazedoniern, die (wohl zu Recht) meinen, es ginge doch auch von einem EU-Staat zum nächsten, nämlich nach Bulgarien…? Auch hier ist Stillschweigen, medial und politisch.

Aber es ist eben für PolitikerInnen, die gewohnt sind, in partei- und nicht in gesellschaftspolitischen Kategorien zu denken, viel schwieriger, die Auflösung des – zugegeben – Gordischen Knotens einer solch elementaren Frage wie der modernen Völkerwanderung aus dem Nahen Osten und Schwarzafrika anzupacken als aus diesem Anlass wieder einmal schlicht politisches Kleingeld zu wechseln – im Hickhack mit dem politischen Gegner und auch Regierungspartner.

Da frägt sich nicht nur Capa-kaum, wozu haben wir gewählte Vertreter in unseren gottseidank demokratischen Gesellschaften, wenn diese nicht in der Lage scheinen, über nationalstaatliche Grenzen hinaus schnelle Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen. Etwa das Thema Aufteilung der Flüchtlinge (scheitert ja schon auf Länder- und Gemeindebene), Unterstützung der Flüchtlinge (in welcher Form, in welchem Ausmaß, wie und auf welche Zeit). Nicht zuletzt: Mit welchen Geldmitteln – in Deutschland weisen jüngste Berechnungen einen Mehrbedarf von 10 Milliarden Euro aus: Woher soll das Geld kommen, wie soll in den Budgets umgeschichtet werden, ohne dass bestehende Sozial- Bildungs- und Kulturleistungen gekürzt werden müssen?

Wenn Capa-kaum eingangs vom psychologischen Schreckverhalten Angriff-Flucht-Starre geschrieben hat, dann scheint es, dass Europas Politik angesichts der allein in diesem Jahr von seriösen Beobachtern erwarteten zwei Millionen Einwanderern in unseren Kontinent gar nicht an Angriff denkt. Am liebsten wäre den PolitikerInnen die Flucht vor dem Unausweichlichen, jedenfalls entscheiden sie sich für die Starre. Stellen damit nach dem finanziellen Griechenland-Desaster auch in der Flüchtlingsfrage die Daseinsberechtigung der EU als großes europäisches Gesellschaftsprojekt in Frage und geben damit vor allem auch nationalen, rechten Populisten jede Chance.

9 Kommentare zu “Über Psychologie und Realität der Flüchtlingspolitik”

  • elisabeth Hösch 16. Dezember 2015

    ich hoffe, dass unsere Politiker eine Lösung finden, bevor noch diese Situationen zu Eskalationen führen

  • Retep8 25. August 2015

    Da bin ich ganz mit dabei, schäme mich auch in Grund und Boden für die Asyl- und Einwanderungspolitik Dänemarks, die nach dem Regierungswechsel noch deutlich verschärft wurde. Mein Wehklagen gilt diesem Versagen, wie auch dem in den anderen, von dir nicht genannten, Ländern Europas – GB, F, E, NL, SF, N, CH u.a.m. Nochmals, es sind weniger als 0,4 Prozent, verteilt auf alle – gewichtet selbstverständlich.

  • Capa-kaum 24. August 2015

    @Retep8: Ich denke, das wirkliche Problem in der von dir angesprochenen Hinsicht ist nicht die zu erwartende Zahl der Flüchtlinge (0,4 %), sondern die Tatsache, dass die Menschen sich zu 80 Prozent auf drei Länder verteilen: Hauptsächlich Deutschland, dazu noch Österreich und Schweden. Alle anderen EU-Staaten nehmen, wenn überhaupt, nur in marginalen Größenordnungen Flüchtlinge auf. Beispiel Dänemark mit seiner jüngsten Verschärfung der Asylgesetze durch die rechtspopulistische Volkspartei.

  • Retep8 24. August 2015

    Zitat: „allein in diesem Jahr…….erwartet (man) 2 Millionen Einwanderer“

    Bei 510 Millionen EU-Bürger wären das weniger als 0,4 Prozent. Da braucht es argumentativ nicht einmal mehr den Hinweis auf die Entwicklung von Geburtenzahlen und Altersverteilung in der Gemeinschaft.

    Wir sind Zeugen des größten humanistischen Versagens Nachkriegseuropas. Wo bleibt das staatsmännische Verhalten der verantwortlichen Politiker? Wer jetzt noch glaubt, rechter Populismus in unseren Ländern sei unter Kontrolle, oder eine vorübergehende Erscheinung, wird mit Feuer und Flamme eines „Besseren“ belehrt.

  • Walter 22. August 2015

    Lieber Capa-kaum,
    zu Deinen Ausführungen möchte ich noch eines hinzufügen. Es ist beschämend wie sich die Kirche verhält. Sie predigt von Nächstenliebe und ruft die Menschen auf zu helfen, aber sie selbst ist nicht bereit dazu, oder wenn nur in Minimaldosen. Ja, die meisten Flüchtlinge sind keine Christen, aber in den Predigten und Schriften unserer Kirchenvertreter macht das in Sachen Nächstenliebe keinen Unterschied. Und interessanterweise gibt es nur wenig Kritik. Wenn man sich schon für unsere Politiker schämen muss und darauf hinweist, dass sie durch- oder untertauchen, unsere Bischöfe, Erzbischöfe… sind noch schweigsamer. Haben Sie keinen Zugang mehr zu ihrem Herrn, kein Gehör auf Ihre Gebete (wofür?) oder so große Angst um unsere christliche Religion, Angst unser Europa wird auf diese Art vom Islam überrannt, und die katholische Kirche ist zu schwach sich zu behaupten.
    Ja, auch auf diese Frage brauchen wir Antworten und es wird Zeit sich darum zu kümmern. Durchtauchen wird keinem helfen.

  • Paul 21. August 2015

    Ein bedauerlicher Nebeneffekt dieser Katastrophe ist, dass das Scheitern der europäischen Politik hier wieder mal „der EU“ angelastet wird, die (auch) in dieser Frage keinerlei Möglichkeiten hat, die verantwortungslosen Floriani-Politiker der Mitgliedsstaaten zur Räson zu bringen. So wird nebenbei auch das europäische Friedensprojekt zerstört. Frau Le Pen & Co. reiben sich die Hände.

  • der Kaiser 21. August 2015

    Sehr treffend und pointierte Analyse, mein Freund. Es ist einfach nur mehr beschämend was hier abläuft…
    LGW

  • MaHa 21. August 2015

    Da muss man sagen: das gilt eigentlich für ALLE Beteiligten

  • Aquarius 21. August 2015

    Dem ist nichts hinzuzufügen

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