Immer öfter drängt es hervorragende Schauspieler dazu, eine Inszenierung selbst in die Hand zu nehmen. Wie beispielsweise in dieser Saison die Bühnenstars Lars Eidinger und Ulrich Matthes. Wobei sich Capa-kaum die Frage stellt, wo dafür die wirklichen Gründe liegen. Ist es, weil der Star nicht bloß „Werkzeug“ für das Konzept des Regisseurs sein will? Oder weil er, um sein Ego zu befriedigen, aus seiner Rolle heraus treten und die Macht besitzen will, seine eigene Konzeption zu verwirklichen (und nicht bloß Ideen für das Regiekonzept eines anderen beizusteuern)? Oder ganz einfach, weil ihm die Routine des Schlüpfens in Figuren langweilig ist?

Wird wohl von allem ein wenig sein, meint Capa-kaum, und die Wahrheit darüber wird man von den Betreffenden ohnehin nicht erfahren. Was aber auch weniger bedeutend ist als die Auswirkung ihres Tuns auf das Publikum, also die Qualität ihrer Inszenierungen.

Vor einigen Jahren übte ein anderer Berliner Bühnengrande, Ernst Stötzner, mit Werner Schwabs Präsidentinnen und schaffte es mit dem von Nina Hoss angeführten Trio einen Regieflop hinzulegen. Immerhin war die Produktion des Deutschen Theaters folgerichtig in die kleine Nebenbühne „Box“ verräumt worden, während Eidingers Romeo und Julia (an der Schaubühne mit Schauspielschülern) und Matthes‘ Wastwater (mit Spitzenkräften des Deutschen Theaters) als tauglich für die jeweilige Großbühne positioniert wurden.

Schade. Klar ist, dass Lars Eidinger tatsächlich ein Multitalent ist, der als Schauspieler immer wieder über die Grenzen des bisher auf der Bühne Denkbaren geht, der mit seiner Autistic Disco seine Qualitäten auch als DJ zeigt und in Spielfilmen brilliert. Klar ist ebenso, dass Ulrich Matthes einer der ganz Großen der Bühne ist, unverwechselbar in seinem Stil, und überdies initiativ und prägent im Heranführen des Schauspielnachwuchses.

Wozu, um Himmels Willen, müssen solche Ausnahmekönner ihres Metiers auch noch Regie machen? Sich etwa wie Matthes um ein Stück wie Wastwater annehmen, das eigentlich ein Torso aus drei Halbakten ist, deren jeweils im Dialog verharrende Figuren nichts mit den anderen beiden Paaren zu tun haben, außer dass deren Zusammenhang nur durch die willkürlich (durch wiederkehrenden Fluglärm dargestellte) Ortsnähe zum Flughafen hergestellt wird? Wenn da nicht die Könner aus dem Deutschen Theater spielen würden…

Wastwater (Simon Stephens). Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin. Regie: Ulrich Matthes. Mit: Susanne Wolff, Moritz Grove, Elisabeth Müller, Bernd Stempel, Barbara Schnitzler, Thorsten Hierse.

1 Kommentar zu “Wozu auch noch Regie?”

  • Holger Syme 20. Mai 2013

    In der Sache stimme ich durchaus zu. Was die Fakten angeht: Wastwater ist doch „nur“ an den Kammerspielen, also im kleineren Haus; Romeo und Julia andererseits läuft nicht nur im grossen Saal der Schaubühne, es ist auch mit regulären Ensemblemitgliedern besetzt (u. a. auch mit Regine Zimmermann). Eidingers erste Regiearbeit, die Räuber, war allerdings mit Schauspielschülern besetzt.

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