Wer verschwiegen ist, hat vielleicht oder nein: ganz sicher irgendwas zu verbergen. So urteilt der Volksmund, der in eine Tugend allzu gerne eine Gefährlichkeit hineininterpretiert. Und überhaupt: Wer etwas zu verbergen hat, der nährt das Misstrauen. Da gibt es Platz für Legenden und Verschwörungstheorien.

Das mag man nun in einer soeben in Wien eröffneten Ausstellung prüfen. Denn da steht unter dem Titel „300 Jahre Freimaurer – Das wahre Geheimnis“ die besonders verschwiegene Bruderschaft der Freimaurer im Mittelpunkt. Und das gleich noch im herrlich-barocken Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, errichtet unter den Habsburgern, die – fast ein Treppenwitz der Geschichte – mit kurzen Ausnahmen eigentlich mit dieser Vereinigung absolut nichts zu tun haben wollten. Immerhin: Auf dem Platz vor dem Eingang zum Prunksaal steht das Denkmal von Joseph II, jenem Habsburger-Kaiser, unter dem gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Freimaurerei in Österreich eine kurze Zeit der Legalität gewährt wurde.

Gerade in Österreich – weit mehr als beispielsweise in Deutschland, Großbritannien (dem Mutterland der Freimaurerei) oder den USA – blühen die Verschwörungstheorien rund um diese Gesellschaft der „freien Männer von gutem Ruf“, weil sie ihre Tätigkeit und vor allem auch ihre Mitglieder nicht öffentlich machen. Diese Ausstellung soll nun, wie Nationalbibliothek-Generaldirektorin Dr. Johanna Rachinger bei der Eröffnung feststellte, „der Versuch sein, Licht in dieses besonders geheimnisumwobene Thema zu bringen“.

Ob es gelingt? Ja, wo ist es denn, dieses „wahre Geheimnis“ der Freimaurer? Wieso steht da nicht auf einer der Schautafeln dieser eine erklärende Satz? So wird der Besucher zum Suchenden, der sich diesem Geheimnis annähern will. Natürlich findet er viele Fakten, von der Gründung der ersten Großloge in London 1717 bis heute, erfährt Vieles über das Tun der Freimaurer und deren Impulse für die europäische Geistes- und Kulturgeschichte, sieht viele Namen berühmter Persönlichkeiten: von Mozart, Lessing und Goethe bis George Washington, Benjamin Franklin und Winston Churchill, von George Gershwin, Duke Ellington und Gottfried von Einem bis Fritz Muliar, Karlheinz Böhm und Helmut Zilk. Die Freimaurer sind also seit 300 Jahren untrennbar mit der Gesellschaft verbunden. Aber das Geheimnis dieser diskreten Brüder? Symbole, Zeichen und Rituale sind ja bekannt – das allein kann es nicht sein…

Vielleicht lässt sich das Geheimnis auch mit dem berühmten Satz des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein erklären: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Was nach dem Rundgang durch die Ausstellung jedenfalls offensichtlich ist, meint Capa-kaum: Hier geht es um ein Wertesystem, frei von Dogmen, gelebte Ethik im Geist der Aufklärung, die positive Wirkung des Einzelnen in der Gesellschaft – dieser Anspruch der Freimaurer zeigt sich in vielen Exponaten und auch im bemerkenswert inhaltsreichen Katalog.

300 Jahre Freimaurer – Das wahre Geheimnis. Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien. Täglich 10 bis 18 Uhr (Donnerstag bis 21 Uhr); ab Oktober täglich außer Montag. Bis 7. 1. 2018.

11 Kommentare zu “Wo ist das Geheimnis?”

  • AusderTonnemitBlick...aufUmgangmitAnstandundGeschick 1. Juli 2017

    Oh – vielen Dank, lieber Capa-kaum, das tue ich sogleich zu den bereits von Grimms erfassten Bedeutungen in meinen für diese Dinge vorgesehenen Zettelkasten. Sie sind fast so gut zu mir, wie der Hessische Steuerberater meiner Berliner Schwester!

  • Capa-kaum 1. Juli 2017

    Gemeint ist offensichtlich das Wienerische = etwa : schwächlich, weich

  • AusderTonnemitBlick...aufUmgangmitAnstandundGeschick 30. Juni 2017

    Lieber Peter – auch wenn es indiskret anmuten mag: Was bedeutet „bachen“?

  • peter 28. Juni 2017

    Selbst hier sind die Kommentare „bachen“… Wieso kann man nur so wenig Respekt und Diskretion gewähren?

  • AusderTonnemitBlick...aufUmgangmitAnstandundGeschick 26. Juni 2017

    Das „Geheimnis“ besteht in der unbedingten Diskretion im moralischen Urteil. Und die ist für die meisten Menschen so ärgerlich, dass sie sie ständig zu bekämpfen suchen. Das „Geheimnis“ der Freimaurerei ist also im Grunde das eigentliche, ungeliebte Geheimnis derer, die der Diskretion mit Verachtung, Skepzis, indiskreter Neu-Gier (im Unterschied zu wissensdurstiger Neugier) oder Missgunst begegnen.
    Sie unterscheiden sich wohl auch vom Corpsdenken von etwa Burschenschaften oder wirtschaftsorientierten oder gar militanten Geheimbünden, das auf Karrieren und reiner Gewinnmaximierung ausgerichtet ist und sind wohl eher durchschnittlich weniger als mehr intrigant oder am Mauscheln interessiert als das sonst so in unseren Wirtschaftssystemen an der Tagesordnung ist?
    Käme ich nach Wien, würde mich diese Ausstellung wohl auch reizen, schon wegen des Prunksaals der Nationalbibliothek und der Nationalbibliothek überhaupt!!

  • Marianne 26. Juni 2017

    Und jetzt sollte endlich der Vatikan seine Archive öffnen. Aber das werden sie wohl nicht: 2000 Jahre Intrige sind ganz was anderes als 300 Jahre Gemauschel.

  • Aquarius 26. Juni 2017

    Ich schaue mir das sicher an. Wenn die diskrete Gesellschaft mal einen kleinen Einblick gewährt. Die Geheimnisse suchen, ist für einen wachen Geist sowieso Pflicht.

  • Thomas 26. Juni 2017

    Wenn ’s eh kein Geheimnis gibt, wieso machen die Freimaurer denn so ein Geheimnis um sich? Die Ausrede, weil’s in Österreich so lang verboten war, gilt doch heute nicht mehr. Traut‘ s euch doch mal mehr an die Öffentlichkeit

  • Heiko T. 26. Juni 2017

    Hingehen ist sicher eine Idee

  • Carlo 26. Juni 2017

    sind die so wichtig, dass ihnen die nationalbibliothek den prunksaal zur verfügung stellt? ein männerbund, der alten idealen nachhängt…

  • Josef V. 26. Juni 2017

    Werde die Ausstellung nach Rückkehr aus meinem dzt. Spanien-Urlaub besuchen.

Kommentar senden

Jeder Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschalten.
Nähere Hinweise dazu im Urheberrechtshinweis.

Zum Weiterdenken

Aus den Erfahrungen unserer Vergangenheit schöpfen wir unsere Klugheit für die Gestaltung unserer Gegenwart und unsere Weisheit für unsere Vorhaben in der Zukunft.

  • rss
  • rss
  • rss
  • rss
Info-Mail

Capa-kaum sendet Ihnen seine Info-Mails, wenn Sie hier Ihre E-Mail-Adresse eingeben.