Wenn Theater als Spiegel der Gesellschaft verstanden werden sollte, dann ist zu hinterfragen: Kann das Schauspiel, können Regisseure, Schauspieler, Theatermacher dem in einer unruhigen Zeit gesellschaftlichen Umbruchs gerecht werden? Zweiter Teil von Capa-kaums Theater-Betrachtungen (siehe 1. Teil: Ohne vierte Wand).

Früher, also noch vor zwei, drei Jahrzehnten, war Theater ziemlich konventionell zu erleben – abgesehen von einigen Ausreißern, die in ihrer Regiearbeit mit neuen Konzepten oft heftige Kontroversen verursachten, aber, rückblickend festgestellt, die neue Theaterära einleiteten: Etwa Peter Stein, Peter Zadek, Frank Castorf, George Tabori oder Robert Wilson. Trotz ihrer unterschiedlichen Annäherungen einte sie ein klares Ziel: Sie wollten mit ihren Arbeiten nicht mehr nur eine Präsentationsfläche für Bühnenstars bieten, sondern die dramatischen – oft auch altbekannten – Vorlagen neu deuten und für das aufnahmebereite Publikum der Gegenwart mit neuen Formen attraktiv machen.

Mit dem herablassenden Kürzel „Regietheater“ war schnell ein Totschlagargument gefunden. Zugegeben: Abgesehen von den Könnern war Vieles hanebüchen, lächerlich oder ganz einfach dumm, was da von bemühten Inszenatoren auf die Bühne gebracht wurde. Gutes „Regietheater“ aber lässt aber auch Vorlagen der griechischen Antike, der deutschen Klassiker und speziell der seinerzeitigen Gesellschaftskritiker wie Ibsen, Strindberg, Hauptmann, Tschechow, Gogol oder Gorki, ja selbst Schnitzler,  gegenwärtig und hochaktuell darstellen. Und sogar auch Franz Grillparzer, wie Anna Badoras eben am Wiener Volkstheater angelaufene Inszenierung der „Medea“ beweist.

Mittlerweile hat sich aus den Anfängen zu Ende des 20. Jahrhunderts das „postdramatische Theater“ entwickelt, in dem der Zuschauer viel mehr gefordert wird als früher. Denn Text, Bühnenbild, Musik, Bewegungschoreografie (bis hin zur echten Symbiose von Text und Tanz wie bei Falk Richters Arbeiten – siehe auch Blog: Zwischen Angst und DemokratieFear“), die Einbeziehung von Film- und Videoelementen (extensiv verwendet von Frank Castorf oder Katie Mitchell) werden als gleichberechtigte Partner im Bühnenspiel gesehen und führen in völlig neuem Zugang die Besinnung des Theatermachens auf das Eigentliche zurück: auf den Inhalt.

Das bedeutete den zunehmenden Wegfall der üppigen Ausstattung. Bühnenbildnerin Katja Haß beschritt diesen Weg als eine der Ersten konsequent. Dunkle Wandflächen, vielleicht ein, zwei Requisiten verschreckten anfangs die an das traditionelle Theatererlebnis Gewöhnten. Der dekorative Minimalismus aber fokussierte das Wahrnehmungserlebnis auf das Wesentliche – im Geist von Bertolt Brecht, der das Theater mit einem wissenschaftlichen Labor verglichen hatte, in dem der Zuschauer Teilnehmer an einem Forschungsexperiment ist, bei dem er ohne Belehrung „von oben“ selbst zu einer besseren Einsicht gelangen soll.

Auf diese Weise wird das Theater wieder zum Freiraum von Ideen und Wahrnehmung und kann auf traditionelle Dramaturgie und Inhaltspräsentation verzichten. Theatermache als individualistischer Zugang, befreit von Konventionen – tatsächlich ein Spiegel unserer heutigen Gesellschaft, die Individualität als Lebensprinzip vor sich herträgt, in der fraktale Kommunikation im Internet vorgefertigte Informationshülsen abgelöst hat und in der jeder Einzelne und jede Gruppe das finden kann, was ihrem Lebenskonzept entspricht.

Am Theater heißt das heute: Da gibt es René Pollesch mit seinen überbordenden philosophisch-soziologisch-politischen Textstücken, die nur dann gut über die Rampe kommen, wenn sie von Ausnahmekönnern wie Martin Wuttke oder Sophie Rois belebt werden (siehe auch Blog Zeitgemäße Abrechnung). Da haben selbst die von Elfriede Jelinek geschriebenen Textdeklamationen Platz, wenn sie von Regisseuren wie Nicolas Stemann oder Andreas Kriegenburg inszeniert werden. Oder kann Volker Lösch mit seinem Versuch, durch die Authentizität von Laiendarstellern ein noch intensiveres Theatererleben zu schaffen, intensive Abende wie mit „Berlin Alexanderplatz“ (Schaubühne, Berlin) gestalten – andererseits endete bei Lösch Vieles in Pseudo-Authentizität, wenn angebliche Prostituierte in Wirklichkeit von Jungschauspielerinnen dargestellt wurden.

Die Medienlandschaft hatte sich mittlerweile verändert – Fernsehen, Video, Live-Erlebnisse im Internet. Und nach Theatermachern wie Castorf und Schlingensief zeigen etwa die Gruppe Rimini-Protokoll oder Patrick Wengenroth das Theatererlebnis als Abbild der Mediengesellschaft.

Die Gegenwartsdramatik ist, so präsentiert sie sich in ihren vielen Ausformungen, auf der ständigen Suche, wie der Wirklichkeit ein adäquates Gesicht gegeben werden kann. Aber wie auch in der „wirklichen Welt“: Nicht alles muss Jedem zusagen.

6 Kommentare zu “Wie Theater die Gesellschaft spiegelt”

  • Linda Wöss 10. Februar 2017

    Ich vermisse das aktuelle politische Theater. Wo ist der „Spiegel der Gesellschaft“, wenn die Josefstadt jetzt Turrinis neues Stück über die Schauspielerin Hedi Lamarr vulgo Kiesler aufführt? Was soll dieses Thema spiegeln? Und im übrigen: das Leben ihres geschiedenen Mannes Fritz Mandl war weitaus interessanter – und würde auch politisch etwas in einem Theaterstück hergegeben …

  • D. Rust 23. November 2016

    Ich finde nicht, das CK alles durcheinander „schmeißt“. Jedenfalls keinesfalls mehr, als das die heute gängigen und im Lehrbetrieb angewandten deutschsprachigen Theaterästhetiken tun.

    Möglicherweise wäre dies eine brauchbare Neuorientierung ad definitionem:

    Regietheater: Klassisches Theatermachen, bei dem von EINEM Künstler (auch möglicherweise weiblichen) immer die Inszenierung eines autark literarisch geformten, dramatischen Stoffes auf ALLEN Ebenen des Theaters: der geistigen, der handwerklichen, der präsentativen, organisiert wird.

    Performatives Theater: postdramatisches Theater, bei dem von einem oder mehreren Künstler(n) Theater auf allen Ebenen, aber IMMER ohne Dramatik als literarischer, darzustellender Vorlage, organisiert wird.

    Staatliche Förderung des Regietheaters als Klassischer Form des Theatermachens bedeutet:
    Das Staatliche Hauptinteresse besteht in der Förderung von jeweils national verkehrs/muttersprachlicher autark verfasster Dramatik als einzigem literarischem Genre, das breiten Bevölkerungsschichten eine verständliche Gesellschaftskritik anzubieten vermag.

    Staatliche Förderung des Performativen Theaters bedeutet:
    Das staatliche Hauptinteresse besteht in der Abschaffung von national verkehrs/muttersprachlicher autark verfasster Literatur in ihrer wirksamsten Form der Gesellschaftskritik.

  • peter 23. November 2016

    Bitte schmeiß‘ doch nicht alles durcheinander!
    Peter Stein ist nicht Regietheater!! Das ist klassisches Theater, Befragung des Textes und der Situation aus einem heutigen Bewusstsein heraus!
    Auch das „postdramatische Theater“ hat nichts mit „Regietheater “ zu tun! Da sind Vorgänge, in denen der klassische Theater-Begriff – (Theatron ist der Raum in dem ZUGESCHAUT wird – nämlich der Gesellschaft und dem Innenleben des Menschen zugesehen wird) nicht mehr vorkommt. Also KEIN Theater mehr!
    Mag sein, dass RegieTheater in einzelnen Ereignissen, auch dass postdramatisches Theater hin und wieder in dem gemeinsamen „Empfängerraum“ Theater neue Ideen und Wahrnehmungen ermöglicht. Aber das System Theater ist nachgerade zerstört und funktioniert so nicht mehr. Die Apparate und der staatliche Subventionsapparat, der das aufrecht erhält, ist gefordert, zu entscheiden, ob das alte INSTRUMENT AM LEBEN ERHALTEN WERDEN SOLL, oder ob man sich davon verabschiedet – dann aber bitte wirklich auf der Suche nach einem neuen Prinzip – denn eine Reflexionsebene braucht die Gesellschaft auf jeden Fall!

  • AusderTonnemitBlick...aufschnitzlerundgrillparzer 22. November 2016

    Dafür kriegen die doch jetzt an den österreichischen Landes- und Stadttheatern die Berliner republikanischen Schwänke – gleicht sich das mit den Schmerzen da wenigstens für die Berliner in Österreich nicht aus? – Ich meine, nicht, dass ich jetzt ein Schnitzler- oder Horvath-Fan wäre – aber ich bin schon für Ordnung im Dramatikerhimmel. Und gerade die beiden finde ich heute zwar nicht unbedingt bühnen- aber ziemlich verfilmungsgeeignet. Es tut mir leid, wenn Du als Österreicher Schmerzen hast mit denen am Theater jenseits des besagten Wendekreises der Wurscht…

  • Capa-kaum 22. November 2016

    @AusderTonne: Ja das ist eben so eine Sache mit den altösterreichischen Dramatikern – an den Stadt- und Landestheatern glaubt man häufig, deren Stücke so richtig konventionell zu zeigen, damit das Publikum nicht verschreckt wird… Rauskommen oft verstaubte Inszenierungen. Und nördlich des Weißwurstäquators sind z.B. Schnitzler oder Horvath für einen Österreicher meist nur mit Schmerzen konsumierbar…

  • AusderTonnemitBlick...aufschnitzlerundgrillparzer 22. November 2016

    Was ich in diesem Plädoyer für die Interpretationsfreude des „Regietheaters“ – ich setzte das zeitig immer in Aführungsstriche, weil ich es nie als etwas anderes als eben Theater empfunden habe und die abwertige Benutzung Mode geworden war – nicht verstehe: Wieso heißt es im Zusammenhang mit seinerzeitigen Gesellschaftskrtikern, denen heutige Gültigkeit durch willensstarke Inszenierung abzugewinnen ist: „…ja, selbst Schnitzler. Und sogar Grillparzer“? – Ich wundere mich sehr darüber, lieber Capa-Kaum, weil solche untergründigen Wertungen sich sonst angenehm selten bei Dir in Deinen Texten finden – Wenn doch, wird es genau da aber trotzdem sehr interessant – siehe Blog zur 4. Wand!

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