Wehleidig

Posted in Blog, Blog Angemerkt mit 3 Kommentare

Jan2012 21

Es gibt Vorkommnisse, die geradezu dazu einladen, ungewöhnliche Vergleiche zu ziehen. Meint Capa-kaum und denkt dabei aus aktuellem Anlass an Fußballer und Fernsehleute – unter diesen aber im gegenständlichen Fall nicht an Sportreporter, sondern an honorige politische Journalisten, speziell an einen mit Promi-Faktor. Der aktuelle Anlass kommt aus Österreich, hat jedoch seine Entsprechung vor einigen Jahren schon auch in Deutschland gehabt, wie sich Medienleute unschwer erinnern. Aber im aktuellen Fall geht’s ums „Heute“ und dabei nicht um den Zeitbegriff, sondern um eine gratis in Wiener U-Bahn-Stationen ausliegende Tageszeitung.

An dieser Stelle der Verweis auf das Fußballfeld. Wie Capa-kaum über die Jahre hinweg beobachtet hat, sind gerade jene Star-Kicker besonders wehleidig, die in ihrem Spiel nicht eben zimperlich auftreten. Also selbst etwa hintreten, versteckte und auch böse Fouls verüben; werden sie selbst aber von solch einer Attacke betroffen, dann pflegen sie alle Register des Opfer-seins, vom Krümmen auf dem Rasen mit schmerzverzerrtem Gesicht bis zu kurzzeitigem Hinken und gestikreicher Beschwerde beim Schiedsrichter. Man erinnert sich etwa an Deutschlands Fußballikone Michael Ballack in seiner Glanzzeit (manche Fußballfans Österreichs denken wohl an Ivica Vastic, manche Italiener an Marco Materazzi).

Und da spannt sich für Capa-kaum der Bogen zum Promi-Moderator des ORF, Armin Wolf. Eben noch – sehr verdienstvoll – über seine zahllosen Twitter-Bemerkungen eine der Speerspitzen der ORF-Journalistenaktion gegen den politischen Einfluss in Österreichs öffentlich-rechtlichen Rundfunk (siehe auch Blog: Das öffentlich-rechtliche Politikdilemma), reagierte er nun ganz wehleidig, als besagte Zeitung „Heute“ es wagte, das Thema der privaten Nebengeschäfte der „ORF-Stars“ zu thematisieren und zu fragen, ob diese damit angesichts ihrer von Firmen und Institutionen überwiesenen Honorare tatsächlich unabhängig sind.

In dem – ohnedies nicht sehr konkret werdenden – Bericht ging es über Nebenjobs der ORF-Journalisten wie Moderationen von Industrieveranstaltungen, bezahlte Auftritte bei Banken, staatsnahen Unternehmen oder Messen, aber auch lukrative Coachings von Managern. Und es wurden aus der, wie Capa-kaum allzu gut weiß, großen Zahl darin aktiver ORFler nur drei Namen genannt: Jener der Parlamentssendungs-Moderatorin Patricia Pawlicki, des „Zeit im Bild“-Moderators Tarek Leitner und eben jener von Armin Wolf, dem Moderator der „ZiB 2“. Dieser aber reagierte wie die (erwähnten) Kicker-Stars, wenn sie ebenso hinterlistig gefoult werden wie sie es gerne tun: Wehleidig.

Ganz herablassend, eben vom Katheder des ORF-Granden, twitterte Armin Wolf nämlich umgehend: „Wenn sich ausgerechnet die U-Bahnzeitung Sorgen über journ. Unabhängigkeit macht, ist das: a) Lächerlich b) Zynisch c) eine Auftragsarbeit ?“ Und setzte wenig später noch zwei weitere Antwortmöglichkeiten nach: „d) Vorauseilender Gehorsam und e) Chuzpe“. Anmerkung zur Information: Die „U-Bahnzeitung“ erreicht laut Mediaanalyse allein in Wien täglich etwa so viele Leser wie Armin Wolf in ganz Österreich in der „ZiB 2“.

Capa-kaum meint: Selbst Missstände anprangern, aber zugleich wehleidig sein, wenn andere Missstände aufzeigen, in die man selbst involviert ist – das zeigt jedenfalls in aller Deutlichkeit die Achillesferse des Betroffenen, der sich gerne als Saubermann reinsten Wassers präsentieren will.

3 Kommentare zu “Wehleidig”

  • Retep8 25. Januar 2012

    Hat Wolfs „Kathederpredigt“ nicht ganz zeitgemäß was Wulff-iges an sich?

  • jospal 21. Januar 2012

    Für mich ist es eh ein Skandal, dass Journalisten, die über die Zwangsgebühren von uns bezahlt werden, Nebengeschäfte mit Firmen haben und das noch von ihrem Arbeitgeber vermittelt wird!

  • kalinka 21. Januar 2012

    Ich finde, dass die Nebengeschäfte der ORF-Stars weder lächerlich (hohe Gagen), noch zynisch (ein ernstes Problem der Glaubwürdigkeit des Journalisten) aber sehr wohl eine Auftragsarbeit (eine Firma bestellt sich den ORF-Star) sind. Medien haben die Aufgabe, im Sinne ihrer Leser, Seher, Zuhörer Missstände zu recherchieren und aufzuzeigen. Somit sind die Artikel in „Heute“ und „Kronen-Zeitung“ keine Chuzpe.

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