Es ist eindrucksvoll und geht nahe, wenn die Analyse gefährlicher aktueller Entwicklungen mit voller Wucht auf der Theaterbühne stattfindet. Und das noch dazu in einem Stück, das mehr als sechs Jahrzehnte alt ist und doch ein Spiegelbild der Gegenwart darstellt. Capa-kaum hat sich erst kürzlich mit dem Problem befasst, wie leicht unsere Gesellschaft zu manipulieren ist – siehe den Blog Wehe wenn sie losgelassen. Und jetzt Arthur Millers Hexenjagd im Wiener Burgtheater.

Eigentlich spielt das Stück ja im Jahr 1692, in der Stadt Salem im US-Bundesstaat Massachusetts. Und andererseits hat Arthur Miller den Text angesichts der Kommunistenjagd in der amerikanischen McCarthy-Ära verfasst. Parallelen waren vom Pulitzer-Preisträger also schon bei der Uraufführung 1953 gezeichnet. In seiner Burgtheater-Inszenierung hat Regisseur Martin Kušej mit einem erstklassigen Ensemble aber äußerst eindringlich die vielen auch heute allgegenwärtigen Façetten dieses auf wahren Ereignissen beruhenden Stückes herausgearbeitet. Wenn man diese nur sehen will.

Natürlich: Manch Einer wird allein schon durch die kurze Einleitungssequenz abgeschreckt werden. 1692 waren im Wald tanzende Mädchen der Aufreger, im 21. Jahrhundert würde das in unseren Gegenden kaum mehr emotionalisieren, da muss eben eine orgiastische Szenerie her. Religiöse Gemüter werden sich an der Rolle der Kirchenleute und den gewaltigen Holzkreuzen stoßen, mit denen die Bühne vollgestellt ist. Andere mögen bei der Vergewaltigung der Gefangenen durch den Wärter wegschauen – obwohl das Unfassbare in unseren Tagen immer wieder aktenkundig wird.

Capa-kaum empfiehlt aber auch Jenen, denen Solches missfällt, sich intellektuell hinter die plakative Wand der Inszenierung zu begeben. Denn da treten, in einer präzisen Ziselierung, jene Mechanismen zutage, die heute in besonderem Maß allgegenwärtig sind. Auf einen gemeinsamen Nenner gebracht: Immer sind es zutiefst persönliche Interessen, die Unheil bewirken. Eifersucht, Gier, Betrug, Lügen – man könnte also alles fast auch auf die sieben Todsünden der katholischen Kirche reduzieren – Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Überdruss.

Tatsächlich gibt die Hexenjagd in der Burgtheater-Fassung allen Jenen, die die gegenwärtigen Entwicklungen in der Gesellschaft, in Wirtschaft und Weltpolitik mit Sorge betrachten, ein fantastisches Spiegelbild zum weiteren Nachdenken. Denn wenn einmal eine manipulierte Entwicklung zu weit fortgeschritten ist, wenn der Punkt des Umkehrens auch für den Mächtigen ohne Gesichtsverlust nicht mehr möglich ist, dann nehmen die Dinge in ihrer Eigendynamik unaufhaltsam ihren immer ungesteuerten Lauf…

Hexenjagd (Arthur Miller). Burgtheater, Wien. Regie: Martin Kušej. U.a. mit: Steven Scharf, Michael Maertens, Andrea Wenzel, Dörte Lyssewski, Florian Teichtmeister, Philipp Hauß, Martin Schwab, Falk Rockstroh, Sabine Haupt, Marie-Luise Stockinger.

4 Kommentare zu “Wehe wenn sie losgelassen – Teil 2: Hexenjagd”

  • Aquarius 3. März 2017

    Ich mag das Stück, weil es so klug und einerseits kompliziert und dann doch so klar ist. Diese Inszenierung ist langsam, aber keineswegs langweilig, dank den großartigen Schauspielern und der mutigen Inszenierung durch Martin Kusej.

  • AusderTonnemitBlick...auf denWaldimMädchenglück 2. März 2017

    Ja, lieber Capa-Kaum, das Stück ist durch Jahrzehnte immer wieder wie eine Allzweckwaffe gegen dräuende zeitgenössische Hexenjagden inszeniert worden. Wenn ich mich nicht irre, ist es auch eines der wenigen Stücke, die von Männern und Frauen gleichermaßen bemerkenswert inszeniert werden können, ohne dass den einen wie den anderen eine hauptsächlich „genderische“ Motivation für die Inszenierung angefeuilletont werden konnte …. Allein das macht es zu einem wertvollen Stück! Es gibt viel für szenische Phantasie her und ich kann Robert A. nur zustimmen: Es ist wesentlich in Zeiten, in denen gern jeder an jedem vorbeiredet (und das auch noch als Schönheit der Moderne oft genug gefeiert und ästhetisch sanktioniert wird – was dazu führt, dass es problemlos als kultureller Gewinn vermittelt werden kann, der keiner verändernden Anstrengung bedarf), dass Theater zeigt, wie v i e l e Leute mit einander, sich gegenseitig ständig auch unabhängig von ihrem Wollen beeinflussend, handeln. Nicht nur zwei oder drei, die in einer sozialen Blase um ihre kleinen Vorherrschaften ringen. Natürlich ist auch solches Kammerstück interessant, wenn es gut gemacht ist – aber es zeigt meist nicht genug vom Wirken einer Privat-Blase in die Welt hinein und umgekehrt… Unsere familiären undoder beruflichen Team-Probleme kennen wir ja alle, aber oft verstellt uns dieser Alltag, wie sehr diese Probleme mit der Gesellschaft überhaupt und umgekehrt die Gesellschaften mit unseren Problemen zu tun haben – gerade da kann uns Theater helfen, uns selbst besser zu sehen. So zu sehen, dass es uns selbst die Einsichten überlässt. Daraus entsteht ja erst das Vergnügen, an Kunst, auch Theaterkunst!, dass wir uns selbstbestimmt sehen können, wenn wir es auch dürfen und uns nicht ein angestrengter Moral-Spiegel vorgehalten wird, der uns anempfiehlt, uns für unser Leben und unsere Irrtümer und auch Begierden zu schämen…
    Allerdings: ich weiß nicht, ob es heute, wie Du vermutest, für Publikum wirklich die Orgie eingangs sein muss? Wie sehen denn unsere Wälder aus heute? Und die Gesellschaft? Eher nicht so, dass man dort auf einer Lichtung unbeschwert tanzende Mädchen antreffen könnte… Sehr vermutlich viel weniger wahrscheinlich als im 17. Jahrhundert oder Mitte des 20. in Amerika… Die Mädchen und ihre Eltern müssten viel zu viel Angst haben, dass sie dort zu Schaden kommen, gerade auch ganz ohne Orgie, mit nichts außer einer Freude an einem Rest frei zugänglichem, unvermüllten, nicht von Autos befahrenen Wald… Oder ist das falsch gedacht?

  • Robert A. 2. März 2017

    Ich habs nicht langweilig empfunden, der Rhythmus von Tempo, Streit etc und langsamen Dialogen war für mich ok. Besonders hat mich angesprochen, dass es endlich einmal wieder ein richtiges Theaterstück war, mit vielen Schauspielern, die miteinander agierten und nicht bloß wieder ein 3-4-Personen-Stück.

  • Linda Wöss 2. März 2017

    Ich habe das Stück im Burgtheater gesehen und konnte den Zusammenhang zu heute herstellen. Das Ensemble großartig, das Bühnenbild mit den Holzkreuzen beeindruckend. Die Inszenierung war mir persönlich zu langatmig mit zu vielen Sprechpausen, dadurch hat das Stück viel von seiner Dichtheit verloren. 3, 5 Stunden waren lang – man hörte das Publikum ungeduldig auf den Sitzen hin- und herrutschen.

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