Von Kult und Qual

Posted in Blog, Blog Kultur mit 2 Kommentare

Dez2015 22

Berlins Theaterleben hat, wie Viele wissen und Capa-kaum oft berichtet hat, Etliches zu bieten. Und weil gerade in dieser Saison einige neue Inszenierungen innerhalb kurzer Zeit richtigen Kultstatus erlangt haben, hier einige Tipps fürs nächste Jahr – wobei es in allen Fällen nötig ist, sich sehr früh um Karten zu kümmern, da die meisten genannten Aufführungen oft lange im Voraus ausverkauft sind.

Spitzenreiter in dieser Hinsicht ist eine Inszenierung der kleinen, feinen Vaganten-Bühne, die mit dem Buch- und Film-Klassiker Menschen im Hotel einen absoluten Top-Hit gelandet hat. Die Aufführung fängt nur für wenige Minuten im Theater an, das Publikum wechselt dann in vier Gruppen ins benachbarte Savoy-Hotel, wo in einzelnen Räumen Szenen aus dem Leben der Figuren von Vicki Baums Bestseller gespielt werden. Der besondere Charme der zum Teil mit Audioführung gestylten Inszenierung wird noch erhöht durch den Schauplatz: Denn in dem luxuriösen Ambiente des Hotels nächtigten zahlreiche internationale Stars wie Maria Callas, Romy Schneider, Helmut Newton und Greta Garbo, deren phänomenale Suite Teil des Stückes ist, und ist genau in diesem Berliner Quartier der Schauplatz der Original-Vorlage. Wermutstropfen dieser Capa-kaum-Empfehlung: Derzeit sind alle Aufführungen bis Ende April bereits ausverkauft…

Ähnlich schwer ist es, Karten für Bella Figura in der Schaubühne zu erhalten. Das neueste Stück der Erfolgsdramatikerin Yasmina Reza unter der Regie von Thomas Ostermeier ist eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Nina Hoss und Mark Waschke führen ein spielfreudiges Quintett an, das dem Publikum mit rasanten, spritzigen Dialogen alle möglichen und unmöglichen (Un-)Tiefen der Beziehungen schonungslos vor Augen führt.

Ebenfalls an der Schaubühne empfehlenswert: Fear, eine Collage von Falk Richter, die die   Reizthemen unserer Tage aufgreift – von der Flüchtlingsfrage bis zum Rechtspopulismus. Texte verbinden sich mit Musik- und Tanzsequenzen und vermitteln das Gefühl, einen dramatisierten politischen Kommentar zur Lage zu erleben. Dass rechtspopulistische Politikerinnen kürzlich dagegen (vergeblich) vor Gericht zogen, erhöhte nur den Kultstatus dieser Produktion.

Wer Kult mit Qual verbinden will, ist in der Volksbühne richtig. Frank Castorf breitet in 6 Stunden seine Übermalung des Dostojewski-Konvoluts Brüder Karamasow vor dem zum Großteil auf den dafür eigens aufgeschichteten Sitzsäcken lümmelnden Publikum aus. Die auf den harten, engen Stühlen (geringer Zahl) Sitzenden haben’s auch nicht besser. Wenig überraschend haben bei der von Capa-kaum besuchten Aufführung einige Dutzend anti-masochistische Castorf-Fans in der nach zweieinhalb Stunden erreichten Pause das Theater verlassen. Castorf quält jedoch nicht nur durch die Länge der Aufführung, sondern auch dadurch dass gut zwei Drittel des Ganzen (wieder einmal) per Video aus nicht einsehbaren Räumen übertragen wird – aber dafür werden die Texte fast durchgängig gebrüllt was das Zeug hält. Weshalb doch Kult und fast immer ausverkauft? Weil hier Castorfs Hochleistungs-Team mit wunderbaren Schauspielern von Marc Hosemann und Alexander Scheer bis Kathrin Angerer, Sophie Rois und Lilith Stangenberg überzeugend am Werk ist.

Und schließlich Terror, das erste Theaterstück des erfolgreichen Rechtsanwalt-Autors Ferdinand von Schirach, aufgeführt im Deutschen Theater. Spannend und dramatisch ist die in zwei Stunden durchgeführte Gerichtsverhandlung, geht es doch um die Schuld eines deutschen Kampfjägerpiloten, der einen in der Kontrolle eines Terroristen befindlichen Airbus mit 163 Passagieren abgeschossen hat, um das Leben von 70.000 Menschen im vollbesetzten Münchner Fußballstadion zu retten. Verfassung, Menschenwürde und Befehle – was zählen sie im Vergleich zu Menschenleben und lassen sich 163 Menschen gegenüber 70.000 aufrechnen? Aber nicht die Richterin (Almut Zilcher) entscheidet zum Schluss, sondern das Publikum. Und es geht, wie Capa-kaum in Erfahrung brachte, immer äußerst knapp und immer anders aus. Ein intelligentes Stück mit klugen Texten zum Nachdenken – ebenfalls meist ausverkauft.

Menschen im Hotel (nach Vicki Baum). Vaganten-Bühne, Berlin. Regie: Joanna Praml. U.a. mit: Katharina Behrens, Oliver Dupont, Raphael Fülöp, Tilmar Kuhn, Mara Niese.

Bella Figura (Yasmina Reza). Schaubühne, Berlin. Regie: Thomas Ostermeier. Mit: Nina Hoss, Mark Waschke, Renato Schuch, Stephanie Eidt, Lore Stefanek.

Fear (Falk Richter). Schaubühne, Berlin. Regie: Falk Richter. U.a. mit: Bernardo Arias Porras, Kay Bartholomäus Schulze, Lise Risom Olsen, Tilman Strauß, Alina Stiegler.

Die Brüder Karamasow (nach Fjodor Dostojewski). Volksbühne, Berlin. Regie: Frank Castorf. U.a. mit: Marc Hosemann, Alexander Scheer, Kathrin Angerer, Sophie Rois, Lilith Stangenberg, Hendrik Arnst, Daniel Zillmann.

Terror (Ferdinand von Schirach). Deutsches Theater, Berlin. Regie: Hasko Weber. Mit: Almut Zilcher, Timo Weisschnur, Franziska Machens, Helmut Mooshammer, Aylin Esener, Lisa Hrdina.

2 Kommentare zu “Von Kult und Qual”

  • Monika 26. Dezember 2015

    … und fast hätte ich’s vergessen: „Der Geizige“ im Deutschen Theater. So lustig habe ich Moliére noch nie gesehen.

  • Monika 24. Dezember 2015

    …dazu kämen dann noch „Die Ungeduld des Herzens“ in der Schaubühne und „Gott des Gemetzels“ im Berliner Ensemble und natürlich auch noch „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ und „Eisler on the Beach“ in den Kammerspielen….

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