„Am Beispiel des Hummers“ – dass dieser 75 Minuten-Monolog auch ein wunderbares Samuel Finzi-Ereignis ist, will Capa-kaum nur am Rande erwähnen. Engagierten Theatergehern ist es ohnedies nicht verborgen geblieben, dass sich der Ausnahmeschauspieler in diesen Tagen ohne Zweifel am Höhepunkt seines Könnens befindet. Und er gibt sich voll Spiellust im Bühnenzimmer im 3. Stock der Berliner Volksbühne vor ein paar Dutzend Zuschauern ebenso völlig aus wie im großen Saal des Hauses. Finzi schildert das Leiden des Hummers und jenes einer Frau noch facettenreicher als in seinen Darstellungen im „Tagebuch eines Wahnsinnigen“, noch unmittelbarer als in „Ubukoenig“, noch hintergründiger als in „Iwanow“, um nur einige Rollen seines gegenwärtigen Repertoires zu erwähnen.

Nein, Capa-kaum muss feststellen, dass dieser Abend, in dem anfangs über einen Hummer-Event und im zweiten Teil über eine Vergewaltigung reflektiert wird, selbst ein Ereignis ist – für denjenigen, der an einem Theaterabend gern zum Mitdenken veranlasst wird. David Foster Wallace, von dem für diesen Abend von Finzi und seinem Regisseur Ivan Panteleev zwei auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Texte verflochten wurden, bindet den Zuseher in einer geradezu unglaublichen Weise in seine zwingende Logik ein – die den Mitdenker zu auch unangenehmen Fragestellungen führt: Wie unterscheiden wir uns als Lebewesen von einem Gegenstand? Und sind etwa Hummer in ihren Lebensempfindungen tatsächlich uns Menschen nicht vergleichbar? Kann man Schmerz und Erniedrigung auch Positives abgewinnen? Was unterscheidet eine vergewaltigte Frau von einem ins kochende Wasser geworfenen Hummer? Schließlich: Wann sind wir Gegenstand oder ist es nicht manchmal besser, sich als Gegenstand zu begreifen?

Natürlich haben Kritiker behauptet, dieser übrigens von „Sir Henry“ musikalisch kongenial begleitete Monolog des auch singenden und tanzenden Finzi sei ja kein Theaterstück, sondern „bloß eine quasi szenische Lesung“ oder so. Mag sein, dass das manche so empfinden. Für Capa-kaum war es jedenfalls als soziologisch-psychologisch-philosophisches Ereignis einer der spannendsten und nachhaltigsten Theaterabende überhaupt.

Am Beispiel des Hummers (David Foster Wallace/Ivan Panteleev). Volksbühne, Berlin. Regie: Ivan Panteleev. Mit: Samuel Finzi, Sir Henry.

2 Kommentare zu “Vom Leiden des Gegenstands”

  • Charlie 8. Mai 2010

    ich glaube, die drehen schon dran

  • odeon2 8. Mai 2010

    habe finzi im tv in flemming gesehen – toll. hoffentlich gibt’s weitere folgen.

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