Ein mutiges Projekt, das da auf der Bühne der Berliner Volksbühne stattfindet. Capa-kaum könnte schlicht berichten: Es ist eben ein Leseabend, dargebracht von einer Handvoll der besten Schauspieler, untermalt mit Musik und Filmzuspielungen. Die zweieinhalb Stunden sind aber mehr – sie fordern das Publikum bis zum Äußersten. Und man könnte, mit Dante, sagen: Wer da hineingeht, lasse alle Hoffnung fahren.

Denn unter dem Titel Kyffhäuser/Unternehmen Barbarossa/Träume vom Tod! verbirgt sich eine schwarze Revue des Menschseins, insbesondere des deutschen Menschseins. So einfach ist es nicht, dass man sagen könnte „Na ja, da spannt sich der Bogen von dem im Kyffhäuser (laut Friedrich Rückert) noch immer herumgeisternden König Barbarossa zu jenem Unternehmen, das im Zweiten Weltkrieg dem deutschen Feldzug gegen die Sowjetunion seinen Namen gegeben und die Soldaten bis nach Stalingrad getrieben hat“. Es sind die menschlichen Abgründe an sich, die Germanist, Autor und Regisseur Michael Farin in dichter, keinen Spielraum lassender Form ausbreitet. Anhand von Texten, die von William Shakespeare über Friedrich Hegel, Edgar Allan Poe, Octave Mirabeau und Friedrich Nietzsche bis Heinrich Himmler und Oswald Wiener reichen.

In geradezu beängstigender Form dokumentiert diese Palette der Abgründe das der Aufführung voran gestellte Zitat: So ihr Menschen seid, zeigt euch in eurer wahren Gestalt – seid ihr aber Teufel, dann macht, was ihr wollt. Und entlässt den Besucher mit düsteren Fragen: Wie kommt es, dass Mörder zu Helden werden können? Wie nah ist der Weg von in schwarzen Messen geübtem Sadismus zum Machtrausch im Dritten Reich? Wie nah beinander liegen Nazi-Brutalität und linker Terror? Sind Mordgedanken in jedem Menschen vorhanden? Hat Mirabeaus Zitat „Der Mord ist das eigentliche Fundament unserer sozialen Einrichtungen, gäbe es keinen Mord, gäbe es auch keinerlei Regierungen mehr“ einen wahren Kern – und wenn ja, welchen? In welchen Hoffnungen lebt der Mensch eigentlich? Wenn das Streben nach einem Ziel dem Menschen immanent ist und ebenso der Wunsch nach dem schnellen Erreichen des Ziels – wie steht es da mit dem Verhältnis des Menschen zum Tod, der doch das endgültige Ziel des Lebens ist…

Fragen, stimuliert durch eine Textauswahl, die, zugegeben, nur die düstere Seite des Menschen beleuchtet. Unangenehm und packend zugleich. Nicht zuletzt auch durch die immer wieder bis zur Schmerzgrenze anschwellende Geräusch-Musik. Unterstrichen durch die Gewalt der groß projizierten Filme und die oft geradezu beängstigend eindrücklich vorgetragenen Texte – schaurig nahegehend etwa die Erzählung der Mordgedanken gegenüber dem Mitreisenden im Bahnabteil oder Himmlers menschenverachtende Rede. Ein Abend über das ganz alltägliche Grauen im Menschen.

Kyffhäuser/Unternehmen Barbarossa/Träume vom Tod! Regie: Michael Farin. Mit: Bernhard Schütz, Ulrich Matthes, Jens Harzer, Meret Becker, Nadeshda Brennicke, Blixa Bargeld; Musik: Gruppe Automat.

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