Wie war das in der Kindheit spannend, ja – gruselig sogar. Wenn man vor einem dieser sich ständig bewegenden Ungetüme stand und sich überlegte, ob man einsteigen sollte oder nicht. Ganz gezielt suchte man eines der öffentlich zugänglichen Gebäude auf, in der dieses interessante Gefährt zu finden war: Der Paternoster. Da stand zwar auf einem Täfelchen der Hinweis „Kinder unter 12 Jahren nur in Begleitung Erwachsener“. Aber was sollte es! Der Nervenkitzel war wichtiger: Was würde geschehen, wenn man nicht im obersten Stockwerk aussteigt? Dreht sich dann die Kabine? Steht man auf dem Kopf? Schaurige Geschichten machten unter den Gleichaltrigen die Runde – solange bis man es einmal wagte und mitfuhr über den obersten Ausstieg hinaus…

Heute fällt ja der kindliche Nervenkitzel weg, findet man schließlich im Internet jede Menge bewegter Darstellungen dieses (behördlich so genannten) Umlaufaufzugs, nichts ist mehr unsicher. Wäre da nicht die Benutzung des Paternosters selbst, die eilfertige Beamte auf den Plan ruft. Denn diese stetig mit so um einen Stundenkilometer dahin zuckelnde Aufstiegshilfe hat durch unsachgemäße Benutzung schon schwere Verletzungen und gar Todesfälle verursacht – und das nicht deshalb, weil sich vielleicht bei ein oder dem anderen Gefährt doch die Kabinen zur Rückfahrt auf den Kopf stellten. Sondern weil beispielsweise Jemand zu spät aus der Kabine sprang, weil er den zeitgerechten Ausstieg verpasst hatte. Oder weil Jemand seinen Kopf aus der hochfahrenden Kabine rausgestreckt hatte.

Und deshalb droht dem guten, mittlerweile fast 140 Jahre alten Paternoster das Aus. Oder zumindest seinen Benutzern die Führerschein-Pflicht. Ja, werte Capa-kaum-Gemeinde, richtig gelesen: Tatsächlich gilt nun in Berlin ab 1. Juni eine neue Verordnung, wonach der honorige Fahrstuhl nur noch mit Führerschein betreten werden darf. Soweit die Regelung, die der TÜV Rheinland durchgesetzt hat.

Nun ist ja die deutsche Regelungswut nichts Neues und auch der Kampf der Behörden gegen den Paternoster ist es nicht. Denn bereits 1974 wurde in Deutschland der Bau neuer Paternoster verboten, bis 2004 sollten sie endgültig stillgelegt werden. Ein Glück, dass die deutsche Seele neben ihrem Ordnungssinn auch ein besonderes Nahverhältnis zum Vereinswesen hat. Und so verhinderte ein Verein „Zur Rettung der letzten Personenumlaufaufzüge“ das Aussterben dieser Spezies, womit in Deutschland noch immer rund 240 Paternoster ihren Dienst versehen. Zu finden waren und sind sie bis heute in etlichen öffentlichen Gebäuden, bei Behörden und Institutionen – in Berlin gibt es beispielsweise noch 32 von ihnen. In Österreich dürfen schon seit den 1960er-Jahren keine neuen Paternoster mehr in Betrieb genommen werden, womit hier nur noch ein halbes Dutzend rundumfährt. In der Schweiz dagegen nahm man schon im Vorjahr überhaupt Abschied vom allerletzten Rundlauf-Dinosaurier.

Mit der Neuregelung der Paternoster-Benützung fängt die Entmystifizierung nun erst richtig an. Denn wer weiter mit den Schwebekabinen fahren möchte, muss ab Juni unterschreiben, alle Verhaltensmaßregeln zur Sicherheit einzuhalten. Die in dem betreffenden Gebäude Beschäftigten sollten es nicht schwer haben, zu dieser Fahrerlaubnis zu kommen. Ungeklärt ist freilich, ob sie ihre Paternoster-Tauglichkeit bei einer Prüfungsfahrt mit einem TÜV-Fahrlehrer unter Beweis stellen müssen… Ebenso ungeklärt: Was machen Besucher in öffentlichen Gebäuden – gibt’s da einen Crash-Kurs oder dürfen sie einfach nicht mitfahren? Und wer kontrolliert so pausenlos wie auch der Paternoster fährt? Wie man sieht: Der Teufel steckt wie so oft im Detail.

Apropos Teufel: Der Name dieses Personenumlaufaufzugs leitet sich ja aus dem lateinischen „Vater unser“ her, weil die Kabinen an ihren Ketten hängen wie die Perlen am in der katholischen Kirche gebräuchlichen Rosenkranz, womit Capa-kaum doch die Hoffnung hat, dass sich der Paternoster allen teuflischen Details und Abschaffungsbestrebungen widersetzen kann.

3 Kommentare zu “Vater unser-Fahrerlaubnis”

  • Capa-kaum 27. April 2015

    @retep8: vielleicht, wenn er durch den Heizungskeller fährt?

  • Retep8 27. April 2015

    „Apropos“: Fährt der dann unten durchs Fegefeuer?

  • Ana 27. April 2015

    Schade um den Paternoster. Mein Lieblingsaufzug. Die ersten Fahrten mit ihm waren sehr aufregend. Danach spannend, mit wem man eventuell mitfahren kann oder auch nicht. Und dann der Idealfall eines Lifts, er ist quasi immer da….

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