Unklare Grenzen

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Sep2011 12

Die eben in Deutschland losgebrochene Diskussion um die Haltbarkeit der Lebensmittel zeigt nicht nur wieder einmal das Problem der Verschwendung von Nahrungsmitteln auf, sondern rückt gleichzeitig die Frage der Bedeutung der auf vielen Produkten angegebenen Grenzwerte der Haltbarkeit, der Lebensdauer oder des möglichen Verbrauchs auf. Wie sehr zeigen angegebene Grenzwerte tatsächlich die Grenze auf, wie ernst müssen Verbraucher die auf Packungen angegeben Daten nehmen.

Unsere Gesellschaft ist es gewohnt, sich an angegebenen Zahlen nahezu widerstandlos zu orientieren. Auch wenn die Vergangenheit immer bewiesen hat, dass in vorhandenen Zahlenwerten nicht unbedingt jene Endgültigkeit zu finden ist, die die Menschen suchen. Capa-kaum erinnert dazu lediglich an den berühmten „Kommafehler“ in der Eisengehalt-Analyse von Spinat, wodurch diesem Gemüse lange Zeit eine in dieser Hinsicht viel zu hohe Bedeutung als Eisenlieferant für den Körper zugemessen wurde.

Nun finden sich auf den Lebensmittel-Verpackungen dank gesetzlicher Vorschriften jede Menge Daten, darunter auch die Angabe Mindesthaltbarkeit. Aber: Wegen dieses Datums landet ein Drittel der Lebensmittel unausgepackt auf dem Müll, so eine Studie der Welternährungsorganisation FAO – Joghurt, Wurst, Käse, Konserven. In den Industrieländern ist dieser Anteil noch höher und erreicht bis zu 60 Prozent. Denn: Die Konsumenten richten sich nach der angegebenen Grenze – dabei  ist das Mindesthaltbarkeitsdatum kein Verfallsdatum. Es gibt lediglich den Zeitpunkt wieder, bis zu dem das Produkt mindestens bei einer ordnungsgemäßen Lagerung seine volle Genussfähigkeit behält. Das heißt also: Die scheinbar klare Grenze ist unklar, Lebensmittel sind bei richtiger Lagerung üblicherweise länger haltbar als es das Mindesthaltbarkeitsdatum anzeigt. Um wie viel länger ist allerdings schwer vorher zu sagen – da kann eine einfache Probe durch Riechen und Schmecken Aufschluss geben, wie von Kosumentenschützern und Verbraucherorganisationen empfohlen wird.

Anders verhält es sich übrigens bei sehr leicht verderblichen Lebensmitteln, wo anstelle eines Mindesthaltbarkeitsdatums ein Verbrauchsdatum angegeben ist – eine klare Grenze, nach der man das Produkt nicht mehr konsumieren soll. Zwar weisen die einschlägigen Ministerien in allen europäischen Staaten immer wieder darauf hin, dass ein Unterschied besteht, ob auf einer Ware ein Mindesthaltbarkeitsdatum oder die Angabe „Zu verbrauchen bis“ zu finden ist, dennoch bedeutet vor allem das auf der Verpackung angegebene Mindesthaltbarkeitsdatum, dass Tonnen von genießbaren Lebensmitteln im Müll landen – in der EU bis zu 90 Millionen Tonnen pro Jahr.

Die Ministerien weisen in ihren Publikationen und im Internet zwar unmissverständlich darauf hin, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum mit der tatsächlichen Genussfähigkeitsgrenze nur bedingt zu tun hat – die Macht der Lebensmittelhersteller und des Handels scheint größer. Man könnte unterstellen, dass diesen der Verkauf ihrer eine Haltbarkeitsgrenze insinuierenden Lebensmittel, die dann weggeworfen werden, einfach interessanter ist als das gesellschaftliche und gesamtwirtschaftliche Problem der Zerstörung genießbarer Lebensmittel.

So gesehen wundert es Capa-kaum auch nicht, weshalb etwa Mineralwasser vor zehn Jahren nach der Abfüllung noch 18 Monate gehalten hat, nun aber nur noch sechs Monate lange halten soll, wie oft angegeben ist.

1 Kommentar zu “Unklare Grenzen”

  • wibek 20. September 2011

    Die Wegwerfgesellschaft hält die Wirtschaft in Gang…

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