Wer behauptet, dass Europa derzeit an einem politischen und gesellschaftlichen Scheideweg steht, braucht nicht wirklich mit ernsthafter Gegenmeinung zu rechnen. Zu offensichtlich sind die Baustellen der Politik, zu tief die Gräben in der Gesellschaft. Die durch Migration und Flüchtlingsfrage zutage getretenen Kontroversen innerhalb der Europäischen Union haben den langgehegten und noch vor der Jahrtausendwende zur Verwirklichung möglich scheinenden Traum eines geeinten Europa in weite Ferne gerückt. Nationale Differenzen befeuern den Vormarsch rechtspopulistischer Kräfte, deren einstige Bedeutung man schon längst überwunden zu haben glaubte.

Da kommt nun eine eben auf den Markt gekommene Lektüre gerade recht, die den Blick auf einen Traum lenkt, den ein Visionär beharrlich sein ganzes Leben lang verfolgt hat und den er nie zu Ende träumen konnte. Der Visionär: Richard Coudenhove-Kalergi. Sein Traum: Paneuropa. In einer umfassenden Arbeit hat der renommierte Zeithistoriker Walter Göhring nicht bloß eine Biografie über den Vordenker der europäischen Einigung geschrieben, sondern vor allem auch ein Dokument über Widerstände, Hoffnungen und vergebliche Versuche, ein einiges Europa herbeizuführen – viele Jahrzehnte lang.

Es sind, so sagt man, immer wieder Ideen, Tatkraft und Durchsetzungsvermögen Einzelner, die wesentliche Entwicklungen in Gang setzen. Dass das jedoch nicht alles ist, wird am Beispiel Richard Coudenhove-Kalergi und seinen vielen, in dem Buch exzellent dokumentierten, Aktivitäten offenbar. Der Gründer und intellektuelle Lenker der Paneuropa-Bewegung hat die genannten drei Faktoren zwar ausgezeichnet beherrscht, ist aber letzten Endes an der mangelnden Bereitschaft der Politik, den von ihm vorgezeichneten Weg konsequent mitzugehen, gescheitert.

Was hat Coudenhove-Kalergi nicht alles getan, um seine Vision zu verwirklichen: Er hat die gesellschaftlich-humanitären Gedanken des Nobelpreisträgers Alfred Hermann Fried für seine Zwecke weitergesponnen; er war ein begnadeter Netzwerker, der Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft und Politik (wie etwa Aristide Briand oder Charles de Gaulle) für sich interessieren konnte, sich in Vereinigungen (wie den Freimaurern) hochaktiv betätigte (und diese auch wieder hinter sich ließ, wenn sie ihm nicht mehr dienlich erschienen); er war unermüdlich und unter Einsatz seines persönlichen Vermögens unterwegs und ließ sich auch durch seine Fehleinschätzungen politischer Entwicklungen (etwa der Nationalsozialisten) nicht beirren.

Seine schon Mitte der 1920er-Jahre formulierten Gedanken eines vereinigten Europa und sein damaliger Appell „Die Stunde ist gekommen, diesen alten Menschheitstraum zu verwirklichen“ lassen bei der Lektüre im Jahr 2016 Wehmut über die vergebenen Chancen aufkommen. Seine Vision: Ein geeintes Europa könne es jedoch nur unter Einbeziehung Russlands/der Sowjetunion geben. Von der Geschichte des Nationalsozialismus, der Zeit des Kalten Kriegs bis zu den aktuellen Russland-Sanktionen der EU haben politische Ereignisse jedoch diese Vision ad absurdum geführt.

Angesichts der vergeblichen jahrzehntelangen Bemühungen Coudenhove-Kalergis um ein geeintes Europa und im Wissen um die gegenwärtige Situation auf dem alten Kontinent meint Capa-kaum, er hätte im Titel dieses Beitrags wohl doch besser schreiben können: Vision eines Träumers.

Mehr zu diesem Buch in Capa-kaums Büchertipps.

Kommentar senden

Jeder Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschalten.
Nähere Hinweise dazu im Urheberrechtshinweis.

Zum Weiterdenken

Aus den Erfahrungen unserer Vergangenheit schöpfen wir unsere Klugheit für die Gestaltung unserer Gegenwart und unsere Weisheit für unsere Vorhaben in der Zukunft.

  • rss
  • rss
  • rss
  • rss
Info-Mail

Capa-kaum sendet Ihnen seine Info-Mails, wenn Sie hier Ihre E-Mail-Adresse eingeben.