Einige Zeilen zur Zeit. Gedankenanstöße, die einmal notwendig sind, meint Capa-kaum.

Es gibt eine unumstößliche Grundlage für konstruktives Zusammenleben oder auch für das Funktionieren demokratischer Ordnung: Toleranz gegenüber dem Mitmenschen, auch gegenüber dem Andersdenkenden – und das fußt auf einer grundsätzlichen Einstellung: dem gegenseitigem Respekt. Klingt schön und wird heutzutage von PolitikerInnen gerne immer wieder in Reden als Leitbild unserer Gesellschaft dargestellt. Dass die Realität oftmals eine andere ist…

Wo wir Bezugspunkt im sozialen Verhältnis zur Gesellschaft und im Zusammenleben der gesellschaftlichen Gruppen sind, ist Toleranz ein unverzichtbarer Abwehrmechanismus gegenüber Aggression, Konfrontation und Hass. Toleranz hat selbstverständlich mit Respekt zu tun. Mit Respekt vor dem Mitmenschen, vor der Meinung des Anderen, vor dessen Lebenskonzept. Die Einstellung „Jemanden eines Besseren belehren“ zu wollen, ist daher grundsätzlich falsch – denn: Kann „mein Besseres“ für den Anderen das Bessere in seiner Denkwelt sein? Und überdies funktioniert das Belehren meist sowieso nicht.

Es ist ein bedauerliches Phänomen unserer Zeit, dass in weiteren Teilen unserer Gesellschaft das Element Respekt im Miteinander abzugehen scheint. Ich, das Individuum, bin das Zentrum der Welt – mit dem völligen Anspruch der persönlichen Freiheit und Selbstverwirklichung. Ohne Rücksicht auf die Wünsche Anderer. Wen verwundert es: Es sind die Menschen einer Gesellschaft, die sich mit ego-orientierter Härte durchzusetzen haben, wenn es um den Studienplatz oder eine Lehrstelle geht, wenn es darum geht, überhaupt einen Arbeitsplatz zu erhalten und dann auch noch Erfolg im Beruf zu haben. Da haben Respekt und Toleranz immer weniger Platz. Die Generationen sind nicht mehr Partner, sie stehen im Wettbewerb. Im Berufsleben und genauso wenn es um die Frage der Sicherung der Renten oder die Hilfestellung für Arbeitslose geht. Die Verteilungskonflikte spitzen sich zu.

Wer ist da noch interessiert daran, sich mit anderen Standpunkten konstruktiv auseinanderzusetzen? Für Viele bedeutet das Agieren in ihrem Umfeld sehr oft ganz einfach Konflikt. In der Medienwelt, in Fernsehdiskussionen und Interviews wird dieses konfrontative Verhalten als Muster vorgeführt. Die neue Völkerwanderung aus den ärmeren Ländern führt ganz schnell zu Fremdenhass und Rechtsradikalismus. Die brüchig gewordene Wohlstandsgesellschaft kann die Kluft zwischen Reich und Arm nicht mehr schließen und die Probleme mit Randgruppen, Minderheiten, Flüchtlingen, Ausländern nicht lösen – all das lässt die Spannungen wachsen. Arbeitsbelastung, Ablenkung in der Spaßgesellschaft, die immer raschere komplexe Vernetzung unserer Welt, die Verunsicherung und Ängste hervorruft, tun ein Übriges.

Wie kann diese Entsolidarisierung gestoppt werden? Eine Frage, die Jeder für sich beantworten muss, der aber „die Gesellschaft“ in ihrer Gesamtheit als Staat, als Lebensgemeinschaft, nicht entgeht. Man muss doch nur ein paar Augenblicke überlegen: Wie schnell erfolgt heute der gedankliche Übergang von Respekt und toleranter Gesinnung zu Intoleranz und Diskriminierung. Etwa wenn es um Menschen mit anderen Lebensformen geht oder um den Schutz und die Unterbringung Bedürftiger, wenn man vorschnell Verhalten und Anschauungen von Einzelnen und Gruppen generalisiert, wenn Gemeinschaften oder Hilfesuchende unter Generalverdacht gestellt werden oder wenn es um persönliche Betroffenheit geht.

Der entscheidende Punkt aber, an dem sich unsere Gesellschaft nicht vorbeischwindeln darf: Wo liegen denn die Grenzen der Toleranz? Capa-kaums Antwort: Sicherlich dort, wo die Macht, das Machtstreben der Anderen beginnt und: Wo Toleranz von Anderen ausgenützt wird. Bei aller toleranten Gesinnung ist diese Grenze zu ziehen – gerade auch wenn es etwa um den Umgang mit Notleidenden, Hilfesuchenden oder religiös Andersdenken geht.

Ein Rückgriff auf die Entstehung des Begriffs ist dabei nicht hilfreich. Denn bei den Römern bezog sich „tolerantia“ vor allem auf das Ertragen, das Erdulden von Unrecht. Zu der Zeit der Christenverfolgung bedeutete das zunächst ganz konkret, dass die frühen Kirchenväter Toleranz als Gabe zum Ertragen von Tod und Verfolgung ansahen. Im 18. Jahrhundert, in der Aufklärung, wurde der Toleranzbegriff zunehmend von religiösen Ideen entkoppelt und verlor seinen glaubenspolitischen Bezug. Er wurde nach und nach zu einem allgemeinen Ordnungsprinzip.

Allerdings: Wer in der Gegenwart Toleranz mit immer weiter reichender Duldung von gesellschaftlichen und individuellen Entwicklungen verwechselt, wird den Anforderungen unserer Zeit nicht gerecht. Toleranz beinhaltet im Gegensatz zu bloßer Duldung die aktive Auseinandersetzung mit dem Gedankengut und Wertesystem des Anderen. Daher besteht heute für unsere Gesellschaft, für jeden Einzelnen die Herausforderung darin, eine grundsätzliche Ablehnungshaltung gegenüber Anderem und Neuem zwar zu überwinden, jedoch gleichzeitig klare Grenzen nicht nur gegenüber Intoleranz und Diskriminierung, sondern auch gegenüber Machtanspruch und Vorurteilsgesinnung Anderer zu ziehen, meint Capa-kaum.

2 Kommentare zu “Toleranz und Respekt”

  • Harry 7. März 2015

    Unsere Gesellschaft scheint sowieso aus den Fugen geraten! Weil es auch keine Politiker gibt, die sich trauen klare Stellung zu beziehen und die Diskussion den Extremisten von links und rechts überlassen

  • Gerlinde 5. März 2015

    Dieser Artikel war wieder phantastisch und ich bewundere Dich,dies alles in Worten so gut auszudrücken ,was ich eigentlich nur fühlen kann und deshalb schätze ich Dich so sehr.

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