Die hohe Politik gibt immer wieder Anlass, an ihr zu zweifeln. Ist sie doch viel zu oft damit befasst, unliebsame Tatsachen und unangenehme Wahrheiten durch Täuschen und Tarnen dem anvertrauten Volk in ihrer Tragweite oder gar überhaupt vorzuenthalten, muss Capa-kaum immer wieder bekümmert feststellen.

Jüngstes Beispiel ist der eben ans Licht der Öffentlichkeit geratene, bisher geheim gehaltene Bericht des amerikanischen Justizministeriums, demzufolge nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die USA zahlreichen Hitler-Getreuen Zuflucht gewährt hatten – und nicht bloß den vom Nazi-Regime Verfolgten. Aber nicht nur das: Den Justizakten ist zu entnehmen, dass die amerikanischen Behörden, auch natürlich die Geheimdienste, mit den zum Teil höherrangigen ehemaligen Nationalsozialisten sogar zusammengearbeitet haben.

Nun ist ein kleiner Teil der Wahrheit ohnedies seit Jahrzehnten bekannt, nämlich dass sich die USA seinerzeit die Dienste des deutschen Raketenentwicklers Wernher von Braun und einiger Leute aus seinem Team gesichert hatten. SS-Mann Wernher von Braun hatte für die Nazis die legendäre „V 2“-Rakete entworfen, war aber von den Amerikanern nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, sondern in der NASA eingestellt worden, wo er die Trägerrakete für die „Apollo“-Raumschiffe entwickelte. Aber nun heißt es, dass es nicht einige Wenige waren, sondern rund 10.000 „Ehemalige“, mit denen man in den USA zusammen arbeitete.

Capa-kaum muss an dieser Stelle anmerken: Nicht nur die USA profitierten vom Wissen und Können der vom Hitler-Regime geförderten Ingenieure und Wissenschaftler, auch Briten, Sowjets und Franzosen sicherten sich – ohne viel Aufhebens in der Öffentlichkeit – die Dienste früherer Nazi-Funktionäre. Eine hervorragende Dokumentation des Informationszentrums der früheren Raketenentwicklungsanlage in Peenemünde auf der idyllischen Ostseeinsel Usedom gibt darüber zwar ausreichend Aufschluss – aber wer kommt schon an jenen abgelegenen, geschichtsbefrachteten Ort.

So blieb dieses Doppelspiel der amerikanischen Regierung für die breite Öffentlichkeit Jahrzehnte lang unter einem Mantel des Schweigens verborgen. Wie auch in Deutschland und Österreich die Rolle vieler nach 1945 in Spitzenpositionen berufener Ärzte oder Juristen, deren Expertise den verantwortlichen Politikern wichtiger war als deren Vorleben.

Nicht-Wissen schützt die „einfachen Menschen“ vor Frustration – scheint die Devise der Politik jedes Mal dann zu sein, wenn es um unangenehme Wahrheiten geht. Dass das Aufdecken solcher Täuschungs- und Tarnungsmanöver allerdings die Frustration zu Ärger und Konflikt steigert, vergessen die Verheimlicher geflissentlich. Aber Doppelspiele – wie die gleichzeitige Zusammenarbeit, auch der Geheimdienste, mit Nazi-Verfolgten und Verfolgern – sind überall auch auf vielen anderen Ebenen der Politik üblich. Man denke doch nur an die gegenwärtige Informationspolitik des deutschen Innenministers, der nicht einmal seine Bundeskanzlerin über Hinweise und Erkenntnisse zu Terroristen und Terrorwarnungen zeitgerecht in Kenntnis setzt. Gut nur, dass solches in unserer Mediengesellschaft immer wieder doch ans Tageslicht gelangt.

2 Kommentare zu “Täuschen und tarnen”

  • Charlie 24. November 2010

    jetzt erzählen uns die politiker in ihren terrorwarnungen auch nicht die ganze wahrheit. sie sagen nur: kann sein, dass eine bombe hochgeht, aber wir sollen uns nicht beirren lassen. die kleinen leute sind immer die dummen.

  • titular 16. November 2010

    Solche Doppelstrategien hat es in der Diplomatie und bei den Geheimdiensten schon immer gegeben. Man denke an die Doppelspione oder an Spione, die, wenn sie nicht mehr „brauchbar“ waren, enttarnt wurden (zuletzt die russische Schönheit in den USA, zu Zeiten Willy Brandts der berühmte Fall Guillaume).

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