Nun war es also so weit: der 1.000ste „Tatort“-Krimi wurde ausgestrahlt. Diesmal vor 11,5 Millionen Fernsehzusehern. Zum Vergleich: Der Durchschnitt der in den letzten Jahren üblichen Quoten liegt bei 8 bis 10 Millionen (sieht man ab von Ausreißern wie dem „Münster-Tatort“, der nun fast regelmäßig über 12 Millionen Seher erreicht, und dem einmaligen Hoch von Til Schweigers „Tatort“ mit 12,5 Millionen Zusehern). Das fulminante Jubiläum verleitet Capa-kaum jedoch nicht zu einer TV-Kritik…

Es geht nämlich um die sichtbare Veränderung in unseren alltäglichen Lebensumständen, die in den seit der ersten Ausstrahlung 1970 gezeigten Filmen deutlich wird. Viele Ausschnitte in der zum Jubiläum produzierten TV-Dokumentation gaben dafür eindrucksvolle Beispiele. Und auch die zu Wort kommenden Drehbuchautoren machten kein Hehl daraus, dass Brutalität und Gewalt immer stärkere Elemente sind, dass die Verbindung von „Sex and Crime“ immer explizierter dargestellt wird und dass der Umgang der Menschen miteinander in den aktuellen Folgen viel härter und konfliktgeladener ist als noch vor drei, vier Jahrzehnten.

Nun könnte man einwenden: Naja, Fernsehen ist eben Fiktion, ein Fernsehkrimi hat doch seinen Platz in der Unterhaltung und ist doch schließlich keine Dokumentation des realen Lebens.

Zu einfach gedacht, muss Capa-kaum da einwerfen. Der Kurzschluss ist nämlich ein Fehlschluss, denn gute, zeitgeistige Filme bilden immer Mechanismen und Umgangsformen der Gesellschaft ab – manchmal zwar verdeckt, auf Umwegen, doch für Jeden, der es sehen will, erkennbar. Die Franz Antel’schen Wachau-Spielfilme der 1950er-Jahre bildeten in ihrer Weise genauso den Umgang miteinander ab wie die heutigen „Tatort“-Krimis über Gewalt in Familie und Gesellschaft, die Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen, über organisiertes Verbrechen, psychisch geschädigte Afghanistan-Heimkehrer, über Vorurteile, Ausländerproblematik und politische Auseinandersetzungen.

Dass das Leben rundum konfliktreicher, die Diskussionen über gesellschaftliche Fragen schärfer und die Bereitschaft zum Konsens geringer geworden ist, wird wohl niemand, der einige Jahrzehnte auf der Welt ist, bestreiten. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass sich die frühere Wohlfühloase in eine Konfliktplattform gewandelt hat, auf der es gilt mehr als früher psychologische Scharmützel und (oft lächerliche) Machtspielchen auch im alltäglichen Leben auszutragen. Ganz zu schweigen von den kriminellen Auswüchsen, denen eine demokratische, humanitäre Gesellschaft immer machtloser gegenübersteht.

Eine perfekte Spielwiese für Populisten und Demagogen. Sie öffnet die politische Tür für Autokraten, die es verstehen, die Mechanismen der Demokratie zu nützen, um an die Macht zu gelangen und sich dann nicht mehr an demokratische Spielregeln halten zu müssen. Die Beispiele dafür haben in den letzten Jahren bedrückend schnell zugenommen und brauchen an dieser Stelle wohl nicht mit Namen versehen zu werden.

Capa-kaum meint: Das sollte man sich auch aus Anlass eines simplen Fernseh-Jubiläums vor Augen halten und daraus die persönlichen Schlüsse ziehen.

2 Kommentare zu “Tatort der Gesellschaft”

  • AusderTonnemitBlick...aufmissionimpossiblefuture 15. November 2016

    CARPE DIEM? – Gibt es da nicht so eine Flanellbettwäsche beim Otto-Versand, die so heißt?

  • Lilli Salander 14. November 2016

    CARPE DIEM.
    A shortened version of the original Latin phrase „Carpe diem quam minimum credula postero“ meaning „seize the day, trusting as little as possible in the future.“

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