Es müssen nicht immer Heuschrecken sein, die im globalen Wirtschafts-Monopoly als Spielmacher auftreten. Es sind, in den letzten Jahren und gerade jetzt auch aktuell, immer öfter Spitzenmanager, die glauben, mit ihrer Risikolust den Gesetzen der Ökonomie ein Schnippchen schlagen zu können. Capa-kaum gibt zu: Manchmal sind damit (zumindest kurzfristig, selten auch mittelfristig) tatsächlich Erfolge realisierbar. Das „dicke Ende“ kommt in den meisten Fällen jedoch unerbittlich.

Nun also der Fall Bayer-Monsanto. Der deutsche Aspirin-Riese will plötzlich mit allen Mitteln den amerikanischen Glyphosat-Konzern. 62 Milliarden Dollar haben dafür (virtuell) die Leverkusener auf das globale Wirtschafts-Monopoly-Spielbrett gelegt, den Image-geschädigten Saatgut-Vermarktern, die die Bauern für ihr Unkraut-Vernichtungsprodukt Roundup mit engen Lizenzverträgen weltweit knebeln, ist das noch zu wenig. Haben sie sich doch selbst erst vor kurzem den Schweizer Saatgut-Konzern Syngenta einverleiben wollen – was gescheitert ist und Syngenta mittlerweile dem chinesischen Staatskonzern Chem-China gehört…

Welcher boshafte Troll treibt die Deutschen, die sich erst vor einiger Zeit mühsam von einer Milliarden teuren Klageschlappe in den USA erholt haben? Die Zutaten für diesen Wirtschafts-Gift-Mix (Anm.: zufällige Ähnlichkeit dieses Ausdrucks mit den Inhaltsstoffen der Cash-Cow von Monsanto) sind schnell aufgezählt:

– Ein Neo-Vorstandschef (Werner Baumann, seit 1. Mai), der nach Jahren des Strategiedenkens in der zweiten Reihe nun endlich an den Hebeln der Business-Macht steht;

Saatgut, Gentechnik und Pestizide gelten angesichts der wachsenden Weltbevölkerung als sicheres Wachstumsgeschäft;

– das unerbittliche Gesetz des stetigen Erhöhens des Shareholder-Value – den Aktionären ist dabei, scheint’s, alles Recht (Hauptsache die Dividendenkasse stimmt) und weltgrößter Hersteller von Agrochemie zu werden, das ist doch was, was die Brust schwellen und den Börsenkurs treiben kann;

– das Machtstreben eines deutschen Konzerns, der die Gefahr eines Imageschadens durch die Übernahme eines von Vielen als Giftmischer Bezeichneten dem Ziel des Immer-größer-immer-mächtiger-Werdens opfert;

– das globale Monopoly der Wirtschaft mit Kauf und Verkauf, Fusion und feindlicher Übernahme – denn es halten sich hartnäckig Meldungen, dass Bayer selbst Übernahmekandidat wäre, nämlich durch eine gemeinsame Aktion von Monsanto (!) mit dem Pharmariesen Pfizer;

– die von Banken ermöglichte so praktische Möglichkeit des Firmenkaufs ohne ausreichend Geld (wie jetzt im Fall von Bayer, wo nur ein Viertel der nötigen Summe aus Eigenmittel aufgebracht werden kann) – die Milliardenkredite werden üblicherweise nicht dem Übernehmer zur Last gelegt, sondern dem übernommenen Unternehmen, das sich aufgrund der gewaltigen Zinszahlungen so lange nicht wirklich bewegen kann bis es von der Bildfläche verschwindet. Daher ist es auch gar nicht so vorrangig, dass Bayer schon derzeit Nettoschulden von 16,5 Milliarden Euro hat…

– dazu auch die scheinbare Spiellust mancher Manager, wenn sie in die Position des Firmenlenkens geraten.

Capa-kaum möchte dazu nur kurz an drei Beispiele aus jüngerer Vergangenheit erinnern: Etwa an Joachim Hunold, der seine kleine florierende Fluggesellschaft Air Berlin letzten Endes mit aufgeblähten Investitionen und Zukäufen (unter anderem: LTU, Belair, Niki) an den Rand des Ruins getrieben hat (bis er 2011 gehen musste). Oder an jenen österreichischen Bankmanager, dessen Ego durch ausländische Verlockungen so sehr geschmeichelt war, dass er die einst größte österreichische Bank deutschen Übernehmern am Präsentiertteller servierte, die das rotweißrote Business samt Osteuropa-Geschäft schließlich nach Italien weiterreichen mussten. Oder Jürgen Schrempp, der 1998 durch die Fusion mit Chrysler den Daimler-Konzern noch größer und bedeutender machen wollte, letztlich aber die prosperierenden Stuttgarter ins Trudeln brachte; 9 Jahre später (Schrempp war längst Geschichte) endete das von den Aktionären ursprünglich gepriesene Weltmarkt-Abenteuer mit Milliardenverlusten und Tausenden verlorenen Arbeitsplätzen.

Diesen Tanz auf der Rasierklinge der Wirtschaft könnte man leichthin sicher als „natürlich mögliches Agieren im globalen Umfeld“ bezeichnen, wäre da nicht ein Faktor, der bei allen diesen ökonomischen Pokerspielen mit absoluter Sicherheit stets unter die Räder kommt: der Faktor Arbeitsplätze, oder sympathischer formuliert: die Menschen, die für die jeweiligen Unternehmen arbeiten, denen immer gesagt wird, wie wichtig sie sind, die aber, wenn es ums große Wirtschafts-Monopoly geht, nichts anderes sind als Spielfiguren, die man hin und her schiebt und bei Bedarf vom Spielbrett entfernt. Übrigens: 117.000 sind es bei Bayer, 22.500 bei Monsanto – und selbstverständlich wären im Fall einer Fusion unmittelbar keine Arbeitsplätze gefährdet, sagt man im ersten Anlauf.

Capa-kaum kommt es manchmal so vor als wären jene Manager in ihrem Verhalten gar nicht weit entfernt von den Amokläufern, die nach durchwachten Nächten am Computerspiel die Fiktion zur Realität machen.

3 Kommentare zu “Tanz auf der Rasierklinge”

  • Wibek 25. Mai 2016

    ist doch nichts anderes als die natur: fressen oder gefressen werden.

  • BrunnenSchereSteinPapier 25. Mai 2016

    Lieber, meintest Du Agro- oder Aggro-Chemie? Im früheren Mexiko haben sich auch schon Völker durch Monokultur selbst vernichtet. Und die haben dafür nicht einmal Chemie gebraucht!. Wie immer: vielen Dank für die Infos für den tieferen Blick.

  • Mastermind 25. Mai 2016

    Erinnert mich auch an die Versuche von Porsche, VW zu übernehmen.

    Winterkorn hat’s was gebracht. Jedenfalls bis zum Abgasskandal (auch so ein Pokerspiel der Manager, die denken sie sind cleverer als alle anderen)

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