Als Museumsbesucher ist man es gewohnt, Gemälde nach Epochen, Regionen und nationalen Schulen geordnet vorzufinden. Im Städel-Museum, dem Stolz der Bankenmetropole Frankfurt, wird nun bis Juni 2011 ein interessanter und anregender Zugang zu den Kunstwerken geboten. Aus seinem Bestand von allein mehr als 2.700 Gemälden, darunter einer Vielzahl bedeutender Meisterwerke der europäischen Kunstgeschichte, hat „das Städel“ eine ungewöhnliche Chronologie der Bilder vom 14. bis ins 21. Jahrhundert zusammengestellt. Capa-kaum meint: Eine Ausstellung, die sehenswert ist, wobei man freilich über einige Schwächen hinweg sehen muss.

Das Städel-Museum hat aus seiner Not (im Haus sind umfangreiche Bauarbeiten) eine Tugend gemacht, die dem Betrachter einen völlig neuen Zugang zu den Kunstwerken ermöglicht. 288 seiner Gemälde, darunter leider viel zu wenige der im Städel-Besitz befindlichen Hochkaräter (die meisten sind derzeit in der Welt unterwegs), werden in Zusammenhang mit Informationen zum politischen und gesellschaftlichen Umfeld der jeweiligen Zeit präsentiert.

Die Idee ist bestechend, aber leider fehlt fast immer ein echter, direkter Dialog zwischen den Zeitereignissen und den darunter gehängten Gemälden. So stehen im Jahr 1497 über Albrecht Dürers „Bildnis einer jungen Frau mit offenem Haar“ Informationen über die Verbannung der Medici aus Florenz und der Judenverfolgung in Portugal; unter der Schlagzeile „Augsburger Religionsfriede von 1555“ hängt Tintorettos „Moses schlägt Wasser aus dem Felsen“. Auch als bloße Anregung zur Verbindung von Kunst und Geschichte ist dies jeweils geographisch und inhaltlich zu weit weg. Dass es aber auch anders geht, zeigt etwa das Jahr 1926, dem Jahr in dem in Chicago der Swing entstanden ist, wie man erfährt; hier dient Max Beckmanns „Stillleben mit Saxophonen“ tatsächlich als Entsprechung.

Manche der gebotenen geschichtlichen Schlagzeilen erscheinen überdies recht willkürlich ausgewählt – beispielsweise eine Information über das durch politische Unruhen katastrophale Jahr 1672 in den Niederlanden, dazu finden sich im Umfeld jedoch keine Gemälde niederländischer Meister, sondern Werke von Murillo und Joh. Heinrich Roos. Bei intensiverer Hingabe zu dem Projekt wären derartige unnötige Negativa sicherlich vermeidbar gewesen.

Das Positive: Wunderbar wird der Besucher durch die Zeitschiene mit Jahreszahlen und dazu gehörenden Informationen durch die Räume geleitet. Diese durch die Art der Präsentation zwingende Zeitreise durch die abendländische Malerei vermittelt jedenfalls viel intensivere Einblicke in deren Entwicklungsgeschichte als die konventionelle museale Bilder-Ordnung. Und sie führt dazu, dass man auch vor Gemälden, die gemeinhin nicht unbedingt der so genannten Spitzenklasse zugerechnet werden, länger als üblich verweilt. Beeindruckend schließlich der Abschluss der Ausstellung mit Daniel Richters monumental-wuchtigem Gemälde „Horde“.

Für Capa-kaum bleibt trotz der kritischen Anmerkungen ein nachhaltiger Eindruck einer interessanten kunsthistorischen Konfrontation.

Ausstellung „Die Chronologie der Bilder“. Städel-Museum, Frankfurt (Main). Bis 26. Juni 2011.

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