So geht Info-TV

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Apr2016 15

Man könnte es nicht glauben, aber tatsächlich hat Österreichs öffentlich-rechtliches Fernsehen mit einem neuartigen Format den privaten Sendern gezeigt, wie informativ auch Talk-Sendungen sein können – wenn sie zeitgemäß abgewickelt werden. Ja, Capa-kaum lobt diesmal den ORF: Die Intensiv-Gesprächsrunde zur bevorstehenden Bundespräsidentenwahl war nämlich eine abendfüllende Veranstaltung, die für Politik-kritische Seher nie langweilig wurde. Für Jene, die diese Sendung nicht gesehen haben: Vier der fünf Bewerber und die eine Bewerberin saßen einander, Jeder gegen Jeden, in Speed-Dating-Form jeweils 15 Minuten gegenüber.

Bei allem Lob für die Idee vermerkt Capa-kaum doch zwei Wermutstropfen. Der eine, bereits im Vorfeld zu Recht heftig angeprangert: Zwar werden sechs Namen auf dem Wahlzettel stehen, doch Polit-Enfant-terrible Richard Lugner wurde von den sich allmächtig gebenden Fernsehherren Wrabetz und Dittlbacher gar nicht eingeladen, weil er den Umfragen zufolge sozusagen „doch eh keine Chance hat“. So geht’s nicht, da stellt sich der ORF über einen demokratischen Prozess – man kann über den Boulevard-Baumeister denken wie man will. Die zweite Schwachstelle am Talk-Abend: Die Moderatoren der Gespräche, vor allem der von den ORF-freundlichen Medien immer wieder hochgejubelte Tarek Leitner. Selbstverliebte Einmischung in beginnende Wortgefechte und umständlich ausführlich formulierte Fragen waren Störfaktoren in dem an sich flotten Ablauf.

Nun zum Positiven aus Capa-kaums Sicht: Besser als bei jedem anderen Format kamen am Speed-Dating-Abend die Akzentuierungen der Ansichten zutage. Schon ab dem zweiten Auftritt fielen die Fassaden der Schönrednerei, und das Einstellen auf jeweils ein anderes Gegenüber verunmöglichte letzten Endes, seine Auffassungen besser darzustellen als sie sind. So klar wie an diesem bemerkenswerten Abend wurde zum Beispiel noch nie zuvor deutlich, dass die Zielrichtung des FPÖ-Kandidaten wäre, nach seiner Wahl baldmöglich die Regierung abzusetzen – im Klartext: Also eine Staatskrise herbeizuführen. Und solch ein Vorgehen, erinnert sich Capa-kaum aus der Geschichtslektüre, hatten wir schon…

Fazit: Während andere Sender zum Teil durchaus unterhaltsame, aber nicht ernsthafte Vorwahl-Formate erfunden haben (etwa das Zurechtfinden bei einem Staatsempfang-Dinner), hat der ORF mit dem politischen Speed-Dating Wahl-Information pur geboten, meint Capa-kaum.

2 Kommentare zu “So geht Info-TV”

  • Gabriela WK 15. April 2016

    Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe es genauso empfunden wie du. Die Aussage von Hofer hat mich schockiert. Wer will einen Präsidenten, der destabilisiert? Das Sendeformat hat mir sehr gut gefallen.

  • Paul 15. April 2016

    Beim Weglassen von Lugner hat der ORF die Zwänge von Dramaturgie bzw. Mathematik über die demokratischen Erfordernisse gestellt: Ein sechster Kandidat hätte das Format um volle fünf weitere Gespräche (+ 50%) aufgebläht. 150 Minuten sind aber schon sehr lang für heutiges TV … Also hätte man entweder die einzelnen Konfrontationen auf zehn Minuten kürzen oder die Sendung teilen müssen – beides keine guten Lösungen. Die gefundene war’s aber auch nicht, das stimmt schon.

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