Es mag ungewöhnlich sein, wird aber der Situation gerecht – meint Capa-kaum und widmet daher ein paar Zeilen einer Aufführung in der Berliner Volksbühne. Ungewöhnlich deshalb, weil es kein wirklicher Hinweis auf etwas Sehenswertes sein kann, denn niemand weiß, ob dieser Theater-Performance-Abend, der kürzlich in der Juli-Sommerhitze stattgefunden hat, jemals (und wenn: in gleicher Form) wiederholt wird. Aber: Was hier mit großem personellem Aufwand vor der treuen Volksbühne-Gemeinde dargeboten wurde, war nichts Anderes als ein 75-minütiges sarkastisches Statement zur gegenwärtigen politischen Lage und vor allem zur vorgesehenen Entwicklung der Volksbühne.

Capa-kaum hat bereits vor einiger Zeit (im Blog „Anarchisches Vermächtnis“) über das provokante Agieren des Berliner Kultur-Staatssekretärs Tim Renner gegenüber Volksbühne-Prinzipal Frank Castorf und Renners seltsame Zukunftsvisionen für das traditionsreiche Theaterhaus berichtet. Zur Erinnerung: Der Staatssekretär ließ Castorfs Vertrag nur ein Jahr verlängern und bestellte ab 2017 einen Londoner Museumschef (Chris Dercon) als Leiter des Theaterhauses. Castorf hatte seine Frustration bereits in seiner Inszenierung des Baumeister Solness kundgetan. Mit dem aus jeglichem Genre fallenden Abend Die Bismarck zwei – ein Moratorium gab es nun einen weiteren für das Haus „artgerechten“ Kommentar.

Im Mittelpunkt: Die unvergleichliche Sophie Rois, rundum Sänger und Musiker, hineingestellt in einen Bühnen- und Ausstattungsaufwand, der bewusst alles zeigt, was diese Bühne leisten kann. Und dazu ein aus Dutzenden Köpfen bestehender Kinderchor als Volksbühne-typischer Klamauk: Denn Tim Renner hatte Castorfs überraschende Ablöse unter anderem damit argumentiert, dass der Volksbühne „junges Blut“ zugeführt werden müsse… Das „Gesamtkunstwerk“ komplettieren Szenen wie „Wider die Musealisierung“ und „Das große Halali“ einer Jagdhornbläsertruppe, die gekonnt in jedes ihrer friedlich-fröhlichen Heile-Welt-Stücke zwei, drei gesetzte Misstöne einbauten. Nicht zu vergessen die Deklamationen der Sophie Rois: Jene auf heute passende Bismarck-Reden, ein sehr aktuell anmutender Bakunin-Text zum Verhältnis von Staat und (Theater-) Gesellschaft und – das konnte in dem trashigen Revue-Abend natürlich nicht ausgelassen werden – eine in biblischer Form vorgetragene Legende über die Entstehung des Bismarck-Herings.

Trash, kann man das nennen, wie gesagt. Aber zugleich auch ein intellektueller Parforceritt, beim dem eigentlich nur die Kombination mit dem Tanztheater fehlte, von dem Tim Renner für die Nach-Castorf-Ära träumt. Der Jubel des Volksbühne-Stil gewohnten Publikums war auch ein Statement: Dagegen, mit aller politischer Macht unbedingt Neues machen zu wollen – wenn doch das Bestehende schon seit Jahren und immer wieder neue Impulse setzt, die zwar viele Kritiker auf den Plan rufen, immer aber auch viele Nachahmer finden.

Die Bismarck zwei – ein Moratorium (Christian Filips). Volksbühne, Berlin. Regie: Christian Filips. Mit: Sophie Rois, Jagd- und Parforcehornbläser Taucha/Sachsen, Staats- und Domchor Berlin, Singakademie Berlin, Berlin Music Ensemble.

2 Kommentare zu “Sarkastisches Statement”

  • Paul M. Sills 22. Juli 2015

    Profilierungssucht (nicht nur) von Politikern gehört zu den schlimmsten Übeln der Gesellschaft.

  • der Kaiser 22. Juli 2015

    Tolle Sache!
    LGW

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