Manchmal sollte man sich ausgehend von einfachen Informationen Gedanken machen, die vielleicht auf den ersten Blick ein wenig weit gegriffen erscheinen, bei näherem Hinsehen aber ihre Berechtigung haben können. Capa-kaum denkt da an eine Meldung, die im Gefolge der schweren Waldbrände in Russland bei uns verbreitet wurde: Dass nämlich durch den zu erwartenden Ausfall der Weizenernten in Russland die Brot-und Backwarenpreise in nächster Zeit ansteigen werden.

Daraus lernen wir: Offenbar werden in Deutschland die Brötchen und in Österreich die Semmeln zu gutem Teil aus Weizen hergestellt, der vorwiegend aus Russland (und wohl auch aus Weißrussland und der Ukraine) importiert wird. Nun erinnern sich aber manche daran, dass es am 26. April 1986 im Atomkraftwerk Tschernobyl jenen Super-GAU gegeben hat, der große Mengen radioaktiver Stoffe freisetzte, die sich über halb Europa verteilten. Besonders kritisch ist das Cäsium-137, das frühestens nach 30 Jahren, also 2016, seine unmittelbare Gefährlichkeit für die Gesundheit verloren haben wird. Und: Die stärksten Konzentrationen dieser radioaktiven Gefahrenquelle sind nach wie vor naturgemäß in Russland, der Ukraine und Weißrussland zu finden. Weshalb ernst zu nehmende Experten übrigens weiterhin davor warnen, speziell aus den genannten Ländern zu große Mengen nicht nur an Speisepilzen oder Wild, sondern auch an anderen landwirtschaftlichen Produkten zu konsumieren – wozu wohl auch Getreidemehl gehört.

Was man weiß: Seriöse Analysen haben ergeben, dass der Staub des radioaktiven Niederschlags in die Böden eindringt, Wasser und ungeschützte Futtermittel  kontaminiert. In früher Wachstumsphase, so heißt es, ist die Kontamination von Getreide besonders nachweisbar. Und auch in aufgeschüttet gelagertes Getreide dringen radioaktive Stoffe ein, verstärkt durch Wind und Regen.

Man vergisst so leicht: Noch zwei Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe enthielt Brot in Berlin immer noch Belastungen durch radioaktives Cäsium. Deutlich stärkere radioaktive Belastung als bei Mehl und Brot wurde damals übrigens bei Nudeln registriert.

Nochmals: 2016 wird Cäsium-137 erst die Hälfte seines radioaktiv strahlenden Materials verloren haben… Deshalb spielt auch heute noch die Belastung durch Cäsium eine gewisse Rolle, wie in Fachkreisen erörtert wird – und zwar dessen Aufnahme durch die Wurzeln der Pflanzen in den Ackerböden. Da erscheint es für den Backwaren- und Nudelesser interessant, dass es aus jüngster Zeit interne Verordnungen und Richtlinien der EU und der nationalen Landwirtschaftsorganisationen wie der Österreichischen AMA gibt, die zusätzliche Risikoanalysen auch hinsichtlich Cäsium-Kontamination vorsehen.

Angesichts dieser Fakten freut den aufmerksamen Beobachter natürlich nicht, wenn es heißt, dass wegen der Ausfälle der Getreidelieferungen aus Russland Brot und Backwaren in Deutschland und Österreich teurer werden. Ist doch der Umkehrschluss allzu augenfällig: Viele Brötchen und Semmeln zwischen Flensburg und Klagenfurt wurden in den vergangenen Jahren offenbar aus Getreide hergestellt, das (mangels ausreichender Information) erst jetzt im Nachhinein nachdenklich stimmt – auch wenn die Grenzwerte für die Kontamination im Einzelfall vermutlich und hoffentlich nicht überschritten wurden. Aber eine Warnung vor zu vielem Verzehr wie bei Pilzen oder Wild hat Capa-kaum nie gehört. Obwohl Experten anfangs hinsichtlich des Brotkonsums festgestellt hatten: „Durch genaue Information und entsprechendes Kaufverhalten kann die individuelle radioaktive Belastung erheblich gesenkt werden.“

Capa-kaum meint: Da darf sich der Konsument doch durchaus Gedanken machen.

7 Kommentare zu “Russisches Roulette: Cäsium-Weizen”

  • Hubert Santner 18. September 2010

    Raiffeisen würde sich im Grabe umdrehen wenn er sehen könnte was mit seinen Ideen passiert ist! mehr oder weniger ein großer Agrakonzern der alles diktiert, Saatgut, Dünge und Spritzmittel, Einkauf und Verkaufspreis, große Herstellermengen zu miserabler Qualität! Gefragt wäre für mich 1A kontrollierte Bioware und ein ehrlicher, wenn auch deutlich höherer, Verkaufspreis!
    Dann kann jeder die Produkte kaufen die er will!

  • titular 10. September 2010

    Ich finde gut daran erinnert zu werden, dass es noch immer die radioaktive Belastung gibt. Besonders jetzt, wenn die AKW-Laufzeiten durch Merkel & Co verlängert werden und in Norditalien ein neues AKW gebaut werden soll.

  • odeon2 5. September 2010

    um das kümmert sich die eu überhaupt nicht. dafür aber, ob die marillen schön ausschauen; ich habe gerade gelesen, dass eine bäuerin in graz ihre bio-marillen nicht verkaufen durfte, weil sie nach eu-norm nicht schön genug waren.

  • manitu46 1. September 2010

    ich glaube, dass die geringeren weizenlieferungen aus russland bloß als vorwand für preiserhöhungen benutzt werden.

  • odeon2 28. August 2010

    gedanken sollte man sich auch machen, wieso es gerade bei brot etc. und milchprodukten keinen eu-zwang gibt, die herkunft des rohprodukts auf den packungen anzugeben

  • Charlie 22. August 2010

    Es geht doch nicht nur um den Weizen. Wenn man aufmerksam auf die Bezeichnungen in den Supermarktregalen schaut, kommt man drauf wieviel Obst und Gemüse aus den Ländern Osteuropas kommt. Und dass dort die radioaktive Belastung noch immer größer ist als bei uns weiß man doch.

  • kalinka 21. August 2010

    Haben die (?) etwa unser „täglich Brot“ aus russischem Getreide gebacken und dafür unseren Bauern gesagt, wir brauchen euer Getreide nicht.

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