Immer wieder ist die Rückschau auf Vergangenes unerlässlich, um mit Gegenwärtigem richtiger umgehen und damit Künftiges besser antizipieren zu können. In diesem Sinn gibt Capa-kaum diesmal eine Last-Minute-Empfehlung – und zwar für ein bereits einige Monate auf dem Spielplan befindliches Theaterstück. Eine Aufführung, die emotionalisiert, zugleich exzellent dargeboten wird, aber nun nur noch bis Ende November in Wien im Theater in der Josefstadt zu sehen ist: Der Boxer, fußend auf der tatsächlichen Geschichte des aus einer Sinti-Familie stammenden Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann.

Die Geschichte: Mit ungewöhnlichem Boxstil war „Rukeli“ Trollmann so erfolgreich, dass er 1933 den deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht errang. Unter dem Nazi-Regime wurde ihm der Titel jedoch aberkannt, weil „der Boxstil des Zigeuners nicht dem deutschen Faustkampf entspreche“. Schließlich kam Trollmann ins KZ und wurde dort gezwungen, für die SS gegen andere Häftlinge zu boxen, bis er dort 1944 starb. Felix Mitterer hat daraus ein Stück gemacht, das in der eindrucksvollen Inszenierung alle Façetten von Psychologie und Terror aufdeckt.

Wie schnell kann es gehen, dass Helfer zu Tätern werden, wenn sie aus Opportunismus, aus Angst, aus Unterdrückung oder aus Selbstsüchtigkeit handeln. Wie wachsam muss man sein, um früh die Gefahren zu erkennen, die sich in ersten Anzeichen einer sich verändernden Politik und Gesellschaft zeigen. Wie oft stehen hinter Handlungen derer, denen plötzlich Macht gegeben wird, ganz persönliche Motive oder werden Rechnungen aus der Vergangenheit beglichen.

Das Stück wirft Fragen auf, denen sich Jeder stellen muss: Wie viel – oder besser: wie wenig – Rückgrat hat man in Situationen, in denen der Arm der Macht zu mächtig erscheint und man selbst seine Haut retten will? Wie leicht ist es, jemanden dazu zu bringen, Gewalt gegen andere auszuüben? Wozu sind Menschen fähig?

Wer Gelegenheit dazu hat, sollte sich diesen geradezu sensationellen Theaterabend nicht entgehen lassen, meint Capa-kaum. Nicht nur wegen der vielen darin aufgeworfenen Fragen und Themen und der spannenden und gefühlvollen Inszenierung, sondern auch wegen der in vielen Szenen außergewöhnlichen Spitzenleistung des gesamten Ensembles, allen voran Gregor Bloéb, der „Rukeli“ Trollmanns Schicksal vom blutvollen Helden zur geschundenen Kreatur mit Körper, Mimik und Stimme so sehr auf der Bühne „lebt“, dass es manchmal für den Zuseher beinahe nicht mehr erträglich ist.

Der Boxer (Felix Mitterer). Theater in der Josefstadt, Wien. Regie: Stephanie Mohr. U.a. mit: Gregor Bloéb, Raphael von Bargen, Elfriede Schüsseleder, Michael König, Hilde Dalik, Peter Scholz, Matthias Franz Stein, Dominic Oley.

1 Kommentar zu “Psychologie und Terror”

  • Karo 6. Oktober 2015

    Diesmal ausnahmsweise kein Husten aus dem Publikum. Es war sicher das Theaterereignis in Wien. Viel Nachdenklichkeit beim Publikum nach dem Verlassen des Theaters über Ursache und Wirkung. Feigheit und Verrat. Liebe und Haß. Die großen Themen im Theater sehr ernsthaft am Beispiel einer wahren Geschichte auf die Bühne gebracht. Das Team hat uns glaubhaft mitleiden lassen. Und allen voran Gregor Bloéb. Er war einfach großartig. Bravo.

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