Was alles ist Propaganda, wie wird geschönt, gefälscht, wer macht wie mit? Fragen, die die sehenswerte, sehr informative Ausstellung Extraausgabee -! – Die Medien und der Krieg in Wien nicht nur aufwirft, sondern auch beantwortet – in 15 Stationen beleuchtet und dokumentiert sie die Rolle der Medien und der Autoren während des Ersten Weltkriegs.

Die Herren selbst nennen es das Heldenfrisieren, lange graute ihnen, nun haben sie sich dazu überwunden und werfens aus dem Handgelenk.“ So der Dichter Rainer Maria Rilke über Literaten und Journalisten, die während des Ersten Weltkriegs im Dienste der Habsburgermonarchie Zeitungsartikel, Feuilletons, Flugschriften und Bücher zur Beschönigung der Kriegsereignisse verfassten. Rilke selbst war 1916 einige Monate lang ins Wiener Kriegsarchiv eingezogen gewesen, von dem die willigen Schreiber Unterlagen für ihre Texte bezogen. Und es waren nicht bloß zweitklassige Dichterlinge, Maler und Musiker, die ihre guten Namen für die Glorifizierung der „Heldentaten“ hergaben.

Österreich-Ungarns zentrale Propagandaeinrichtung war das gleich zu Kriegsbeginn geschaffene Kriegspressequartier (KPQ), das sich innerhalb kurzer Zeit zu einer mächtigen Kriegspropagandamaschine aufblähte. Bereits Mitte August 1914 zählte das KPQ 402 Mitarbeiter – mehr als doppelt so viele waren es vor Kriegsende. Das KPQ steuerte die gesamte Kommunikation, von Publikationen über Theater, Film, Fotografie bis zur Malerei, und war zugleich oberste Zensurbehörde. Die Liste jener Literaten, Journalisten und Kunstschaffenden, die – zumindest zeitweise – im Dienste des Kriegspressequartiers Texte verfassten oder in der „Literarischen Gruppe“ des Kriegsarchivs tätig waren, liest sich wie eine Zusammenstellung der berühmtesten Namen jener Zeit, unter anderem: Robert Musil, Alfred Polgar, Egon Erwin Kisch, Alexander Roda Roda, Franz Werfel, Theodor Csokor, Felix Salten, Stefan Zweig, Franz Molnar, Rainer Maria Rilke, Sven Hedin, Ludwig Ganghofer, Hugo v. Hofmansthal, Albin Egger-Lienz, Albert Paris Gütersloh, Leo Perutz oder Oskar Kokoschka (von dem einige Reproduktionen von Bildern der Isonzo-Front aus dem Jahr 1916 zu sehen sind).

Viele taten dies, um dem Militärdienst an der Front zu entgehen, manche, die anfangs aus Überzeugung in die Kriegseuphorie mit eingestimmt hatten, änderten ihre Ansicht sehr bald. Wie etwa Franz Molnar, der 1915 schrieb: „Das ganze Handwerk, das ich hier ausübe, scheint mir entsetzlich.“ Und die meisten wollten nach Kriegsende diese ihre Vergangenheit am liebsten aus ihrem Lebenslauf tilgen.

Der Rundgang durch die 15 Stationen der Ausstellung zeigt die bereits damals ausgefeilte Vielfältigkeit der Kriegspropaganda des Habsburgerreiches, zwei Jahrzehnte bevor im Nazi-Deutschland die Medienorgel in Gang gesetzt wurde. Neben der interessanten Dokumentation der Arbeit der Autoren und Journalisten, der Publikationen und der Zensur begegnet man etwa in der Station „Musik“ den propagandadienlichen Werken von Franz Lehar und Robert Stolz, in der Station „Film“ den lukrativen Anfängen der später berühmten Sascha-Film mit Kriegsheldenfilmen. Sehr verdienstvoll: Der in der letzten Station gespannte Bogen zum „Gegenwartsbezug“ mit aktuellen Fernsehbildern aus den letzten Jahren…

Ausstellung Extraausgabee -! – Die Medien und der Krieg 1914-1918. Palais Porcia, Wien. Bis 31. Oktober 2014. Werktags 9 – 18 Uhr, Eintritt frei.

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