Es scheint die Berliner Theatersaison der Projekt-Inszenierungen über politische Macht und Gier damals und heute zu sein. Zumindest wenn man die aktuellen Aufführungen am Deutschen Theater verfolgt. Das verschreckt offenbar manche Kritiker des „etablierten Feuilletons“, bemerkt Capa-kaum. Liegt es daran, dass es Einigen zu schmerzhaft ist, wenn der Regisseur nicht nur die Wunden unserer politischen Gesellschaft deutlich offenlegt, sondern noch dazu die „Inszenierungsfinger“ tief in diese Wunden bohrt? Und damit über Vieles Klartext geredet wird, was gerne verdrängt werden will.

Etwa in der textlichen Neufassung von Shakespeares Coriolanus: Fratzenhaft, originell, skurril kommt diese Inszenierung von Rafael Sanchez daher. Mit einer wunderbaren Judith Hofmann in der Titelrolle und vier weiteren Frauen, die alles darstellen, was sich rund um die machtgierige Hauptfigur bewegt. Und dazu das Volk als von ihren Anführern leicht manipulierbare Masse. Ja, es ist zynisch und überdeutlich dargestellt, wie Coriolanus dieses Volk verachtet – aber gibt es nicht aus nicht lang vergangenen Jahren und höchst aktuell ausreichend parallele Beispiele dafür? Etwa einst in Österreich der glücklose Ex-Kanzler Gusenbauer (der vor einer Diskussion „mit der Basis“ audiodokumentiert „wieder dieses Gesudere“ erwartet hatte) oder jetzt die mittlerweile unzähligen Bemerkungen des Möchtegern-Kanzlers Steinbrück.

Ebenso pointiert durch die Workshop-artige Inszenierung (Dimiter Gotscheff) und die exzellenten Monologe der Darsteller auf das Wesentliche reduziert ist die Collage Shakespare – Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige. Da hört sich das Credo des amerikanischen Präsidenten ganz einfach so an: „I love you! You love me… if not, I kill you!“ Natürlich sind Shakespeares „Blut-Opern“ eine Aneinanderreihung historischer Machtspiele von Herrschern und Fürsten, von Begierden und Begehrlichkeiten. Wenn aber Wolfram Koch zugleich Othello und Jago ist, dann wird – für Manche wohl peinlich – offensichtlich, dass in jedem Menschen zwei Seelen vorhanden sind. Oder – gezeigt in einer außergewöhnlichen Cäsar-Szene von Samuel Finzi: Dass selbst der am mächtigsten erscheinende, von Gefühlsregungen scheinbar weit entfernte Politstar ein Mensch ist, der im Angesicht seiner Niederlage ebenso auf das Jämmerliche und Angstvolle reduziert ist wie jeder „Normalbürger“. Aber alles ist ja eine „wunderbare Welt“, gesungen gegen Ende der Shakespare-Collage.

Damit aber nicht genug, findet man am Deutschen Theater. Denn nun wird auch das Projekt-Stück Das Himbeerreich über die Banker und deren Gedanken auf die Bühne gebracht. Für diese Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart hat der arrivierte Dokumentarfilmer Andres Veiel mehr als zwanzig führende Banker interviewt. Wieder geht es um Macht und Gier, in diesem Fall in der Wirtschaft. Aber das wird eine andere Capa-kaum-Geschichte.

Coriolanus (Shakespeare). Deutsches Theater, Berlin. Regie: Rafael Sanchez. Mit: Judith Hofmann, Susanne Wolff, Jutta Wachowiak, Natalia Belitski, Barbara Heynen.

Shakespeare – Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige (nach Shakespeare). Deutsches Theater, Berlin. Regie: Dimiter Gotscheff. Mit: Margit Bendokat, Wolfram Koch, Samuel Finzi, Almut Zilcher, Peter Jordan, Ole Lagerpusch, Peter Moltzen, Meike Droste, Anita Vulesica, Ruth Rosenfeld, Bettina Tornau.

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