Nicht alles ist Zufall, denn Vieles auf höchster Ebene von Wirtschaft und Politik ist Strategie. Und manche eigenartige Informationen, die in immer kürzeren Abständen auftauchen, mögen Einige zu Verschwörungstheorien verleiten. Ja genau: Es geht aktuell zum Beispiel um die Meldungen übers liebe Geld. Vor einer kleinen Auswahl dazu empfiehlt Capa-kaum einfach einen Blick auf Forschungsarbeiten über die medialen Produktzyklen von Themen und Ereignissen, wie man sie in der Beratung zur Prävention von Krisen und Konflikten seit langem kennt.

Dieser Produktzyklus läuft nach einem klar erkennbaren Muster ab – vorausgesetzt man verfolgt Geschehen und Informationen sehr genau. Denn der Anfang erfolgt unscheinbar, oft nur in Publikationen oder Veranstaltungen mit sehr begrenztem Zielpublikum von Experten oder Meinungsträgern. Da gibt es beispielsweise Erklärungen und Überlegungen von Wissenschaftlern und Fachleuten zu einem – meist überraschend auftauchenden – Thema, manchmal natürlich auch als quergedachte Idee zu einer aktuellen Entwicklung, ein neuer Vorschlag. Oft folgen dann Studien und Analysen, mit denen Experten und Wissenschaftler bereits in gewissem Ausmaß medial in Erscheinung treten. Stufe drei ist erreicht, wenn man das Thema auch in großen Medien findet und sich zum Beispiel auch die Politik damit zu beschäftigen beginnt (was sich medial naturgemäß schon deutlicher niederschlägt). Mag ein Thema, eine Idee aus irgendeinem Grund dann doch verworfen oder nicht realisiert werden, ist immerhin ein Grundstein dafür gesetzt, dass das Ganze nach einiger Zeit vielleicht doch stattfindet.

Viel komplexer ist es, wenn Politik und Wirtschaft gemeinsam ein neues Vorhaben umsetzen wollen. Denn da werden in den meisten Fällen parallel mehrere Informations- und Entwicklungsstränge bespielt, die auf den ersten Blick nichts oder nur wenig miteinander zu tun haben. Und ausgehend von dieser Grundlage nun eine Auswahl der in diesem Zusammenhang interessanten Nachrichten rund um unser Geld aus jüngster Zeit.

Erstens das kontroverse Thema der letzten Monate: Negativzinsen. Sind die nun gut oder schlecht – darüber lässt sich akademisch trefflich streiten. In der Realität heißt das: Das Spar- und Anleihekapital wird weniger statt mehr wert. Und, gefährliche Begleiterscheinung: Wegen der Politik der niedrigen und sogar negativen Zinsen weichen etwa Pensionskassen und Versicherungen schon wieder zunehmend auf riskantere Anlagen aus, die sie zuletzt gemieden haben.

Zweitens, fast schon aus dem Blickfeld: Seit 9. März pumpt die Europäische Zentralbank monatlich rund 60 Milliarden Euro in den Markt – bis September 2016 sollen es insgesamt 1,14 Billionen Euro sein. Um Wertpapiere zu kaufen, also Staatsanleihen, aber auch Pfandbriefe und Hypothekenpapiere. Ziel ist es, die Kreditvergabe der Banken anzuregen, um die Konjunktur zu beleben. Bisher ein wenig erfolgreiches Unterfangen.

Drittens hat die Europäische Zentralbank, wie kürzlich bekannt wurde, einen Masterplan für Geldabschöpfungen aus den Spar-und Bankkonten. Denn ein „Fall Zypern“ soll nicht wieder in jener Form geschehen – mit tagelangen Schließungen von Banken und Geldautomaten, solange bis die (vornehmlich russischen) Großanleger ihre Konten leergeräumt hatten, ehe der so blumig genannte „Haircut“ mit Verlust der Einlagen von über 100.000 Euro erledigt wurde. Künftig soll solch eine Abschöpfung ganz einfach und schnell übers Wochenende realisiert werden. Man darf nicht vergessen: Es gibt ohnehin in der EU-Richtlinie zur Einlagensicherung eine Regelung für einen „Selbstbehalt“, womit sich jeder Sparer an der Sanierung seiner Bank mit 10 Prozent seiner Einlagen beteiligen muss – zumindest bei Einlagen von über 20.000 Euro (diesen Schwellenwert haben einige Länder, darunter Österreich und Deutschland, bekanntlich auf 100.000 Euro festgesetzt). Und die Großanleger? Den Probelauf dazu, wie es sein könnte, gab es vor wenigen Tagen: Ihnen, den Hedgefondsmanagern und Investmentbankern, wurde von einem EZB-Direktoriumsmitglied in kleiner Runde mitgeteilt, dass die EZB die Aufkäufe von Staatsanleihen in allernächster Zeit ausweiten werde. Selbstverständlich wurde diese Mitteilung als ein dummes Missgeschick deklariert – jedenfalls hatten die Anwesenden einen Informationsvorsprung von 14 Stunden, ehe dann die offizielle Nachricht veröffentlicht wurde.

Viertens: Die praktisch aus dem Nichts gekommene hochrangige Diskussion um die Abschaffung des Bargelds. Wirtschaftsweise und Ökonomen traten jüngst dafür ein, Studien wurden plötzlich öffentlich, die belegen sollten, dass eine Bargeldzahlung pro Euro Umsatz im Schnitt 2,6 Cent kostet, eine Kartenzahlung hingegen bloß 0,8 Cent. Die Sparer sollen durch den Gebrauch von Bank-und Kreditkarten ihr Geld leichter ausgeben und damit den Konsum ankurbeln, heißt es. Verwiesen wird auf Dänemark, wo vorgeschlagen wird, den bisher geltenden gesetzlichen Annahmezwang für Banknoten und Münzen 2016 zum Teil (in Tankstellen, Restaurants und kleine Läden) aufzuheben. Übrigens: Ein finanzieller Haarschnitt, also der besagte „Haircut“, wäre in solch einer bargeldlosen Gesellschaft nie mehr ein Problem.

Aber mit Verschwörungstheorien soll dieser Beitrag nicht beendet werden. Schon lieber mit einer Aufforderung: Wachsam sein und die richtigen Schlüsse ziehen.

Fazit: Wenn in immer kürzeren Abständen zu einem Thema immer neue Gedanken von Experten, Politikern und Wissenschaftlern auftauchen, wenn bisher Eindeutiges mit auf den ersten Blick abstrus wirkenden Ideen in Frage gestellt wird – dann ist, meint Capa-kaum, jedenfalls besondere Aufmerksamkeit angebracht, und deshalb soll sich Jeder seinen eigenen Reim darauf machen, was da zuletzt Eigenartiges ums liebe Geld erzählt wurde und vielleicht weshalb.

1 Kommentar zu “Produktzyklus ums liebe Geld”

  • Harry 2. Juni 2015

    Dazu passt die Information der Bank Austria, dass neue Kunden für Girokonten überhaupt keine Zinsen mehr erhalten, nicht einmal mehr die lächerlichen 0,…

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