Ohne vierte Wand

Posted in Blog, Blog Kultur mit 5 Kommentare

Sep2016 11

Es ist kein Zufall, dass gegenwärtig Theaterstücke wie Terror so erfolgreich sind. Ist doch Kultur ein Abbild der Gesellschaft, wie es gemeinhin heißt. Ein Blick auf die Entwicklung des Theaters im jüngsten Vierteljahrhundert unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Veränderungen zeigt tatsächlich offensichtliche Parallelitäten.

Theater – das war lange Zeit stets „Guckkasten-Theater“: Auf der Bühne wurde dargeboten mit dem Zweck, das Publikum zu unterhalten, zu emotionalisieren, zu bilden (wie es der Anspruch mancher Dramatiker war und ist). Lediglich Stehgreiftruppen oder Straßentheater bezogen das Publikum in die Handlung mit ein, lebten schließlich von Interaktion – auch wenn es da oftmals auch ziemliche Hürden zu überwinden galt, um die Zuseher in Mitmacher zu verwandeln. Auf den konventionellen Bühnen aber spielten die Schauspieler oben, auf den Brettern, „die die Welt bedeuten“, gegen die so genannte „vierte Wand“ – jene unsichtbare Trennwand, die sich zwischen der Bühne mit ihren drei Wänden und dem Zuschauerraum befindet. Oft opulent ausgestattet mit Kostümen und Dekoration bot Theater bloßes Schauerlebnis, passive Wahrnehmung von Text und Bild, angereichert durch das Können der Schauspieler. Die hierarchische Ordnung der Gesellschaft fand ihren Widerschein im Theater: Ihr da oben bietet dar, wir da unten hören zu.

Dann, als sich in Polen damals noch verdeckte Pflänzchen einer sich wandelnden Gesellschaft regten, machten polnische Regisseure wie zuerst Jerzy Grotowski und dann Andrzej Wajda deutlich, dass Theater, also die Gesellschaft, auch anders funktionieren könnte. Capa-kaum hat 1974 in Warschau die für die damalige politische Zeit in Polen geradezu unfassbare Inszenierung Wajdas erleben können – von Dantes Inferno aus der Göttlichen Komödie als aktuellen Spiegel der polnischen Situation. Wajda hatte die Handlung zum Teil mitten ins Publikum verlegt, der Zuschauerraum wurde zur Bühne, das Publikum damit zu Mitwissern, Mitschuldigen, Mithelfern. Polens modernes Theater als Vorbote gesellschaftlicher Veränderung.

Die „vierte Wand“ war gefallen, der nächste Schritt kam gleichsam zwingend: Das Publikum konkret mit einzubeziehen. An der Berliner Schaubühne etwa, als Thomas Ostermeier 2012 in Henrik Ibsens Volksfeind den Höhepunkt, die Rede von Dr. Thomas Stockmann, der einen Skandal um die Verschmutzung des vom Bürgermeister als Heilwasser vorgesehenen Quellwassers aufgedeckt hatte, als Diskussion mit dem Publikum inszenierte und damit die Zuseher aufgefordert wurden, Stellung zu beziehen. Allerdings änderte das nichts am Ausgang des Stückes.

Nun aber geht es auch anders. Gerade in den letzten Monaten riefen zwei Stücke heftige Reaktionen hervor. Zum Beispiel Lessons of Leaking der Berliner Gruppe machina eX: In einem aufwändigen digitalen Spektakel musste beim Münchener Europoly-Festival das Publikum mit den Akteuren miträtseln was politisch und persönlich besser wäre – ist es die Wahrheit, die wahrscheinlich die Demokratie gefährden würde, oder soll man opportunistisch schweigen?

Dann vor allem Ferdinand von Schirachs Terror, gespielt mittlerweile an mehr als drei Dutzend Bühnen im deutschsprachigen Raum. Eine Gerichtsverhandlung, in der es um die Schuld eines deutschen Kampfjägerpiloten geht, der einen in der Kontrolle eines Terroristen befindlichen vollbesetzten Airbus abgeschossen hatte, um das Leben von 70.000 Menschen im vollbesetzten Münchner Fußballstadion zu retten. Das Publikum wird zu Geschworenen und hat darüber abzustimmen, ob der Angeklagte schuldig ist – danach erst geht das Stück zu Ende. Also immer mit einem anderen Ausgang, je nach Abstimmungsverhalten. Die ARD hat Terror bereits mit einem hochkarätigen Schauspielerensemble verfilmt, vermutlicher Sendetermin ist der 10. Oktober – als interaktives TV-Spiel, denn da werden auch die Fernsehzuschauer aufgefordert abzustimmen.

Was Andrzej Wajda Mitte der 1970er-Jahre noch im Ansatz inszeniert hat, wird aktuell bis zur letzten Konsequenz durchgeführt. Über allem steht die Frage: Heiligt der Zweck die Mittel? Dargeboten vom Theater in einer Gesellschaft, die das Interaktive liebt und nun auch im früher noch geschützten Zuschauerraum des Theaters braucht.

Simon McBurney, der Leiter der britischen Gruppe Complicite, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit immer neuen Ideen erfolgreiche Maßstäbe setzte, meinte einmal: „Theater passiert jetzt, in diesem Moment. Das ist das Altmodische und Großartige am Theater, dass es die Gegenwart behauptet und wichtig nimmt.

Mehr Gegenwart als von einigen Autoren und Regisseuren nun geboten wird, gibt es nicht. Beklemmend, könnte man sagen. Wo bleibt die Unterhaltung, könnte man fragen. Doch auf einmal stellt man fest: Wenn Theater in dieser Form ohne die „vierte Wand“ stattfindet, ist es in der Gegenwartsgesellschaft angekommen und erfüllt damit seine Aufgabe als Impulsgeber für kritische Gedanken zu Vorgängen und Situationen in unserer Gesellschaft wie nie zuvor.

In einem zweiten Teil zu diesem Thema wird sich Capa-kaum mit anderen Entwicklungen der jüngsten Zeit befassen, die das Verständnis von Theater neu positionieren…

5 Kommentare zu “Ohne vierte Wand”

  • Balkonier 12. September 2016

    Für mich ist dieser Dialog über die „vierte Wand“ ungemein interessant. So habe ich das noch nie betrachtet, obwohl ich seit Jahren viel ins Theater gehe. Es ist spannend zu lesen, was eigentlich hinter dem steckt, was wir Besucher auf der Bühne zu sehen bekommen. Ein tiefgründiger Einblick in die Gedankenwelt der Regisseure und Theatermacher. Ich für meinen Teil kann nur feststellen, dass mich manche Inszenierungen mehr und andere weniger gefangen nehmen. Weshalb ist für denjenigen, der „bloß“ Theaterfreund ist und kein Insider, manchmal gar nicht zu orten. Durch diese Diskussion sehe ich klarer. Danke!

  • AusderTonnemitBlickzurSonne 11. September 2016

    Ja, dieses Zitat ist auch für Polleschs Misstrauen in die eigene Kraft kennzeichnend – Gibt es nur dann Lösungen, wenn wir sie genau dort sehen, wo wir sie erwarten? Muss Theater Lösungs-orientiert sein? Ist es dann nicht marktkonformer, als es jemals dachte zu sein? Und ist es eine generalisierbare Lösung von Theater, sich nur aus dem Selbstbezug zu generieren wie das Pollesch natürlich ganz wunderbar beherrscht und zur Hochblüte gebrachthat. Ein Beispiel: gestreamtes Theater ist die Herstellung der vierten Wand in Reinkultur. Der Stream IST die vierte Wand. Erst wenn das Theater um ihn weiß und bereits mit diesem Wissen arbeitet, kann es die vierte Wand wieder bewegen: in das Publikum hinein, um es herum usw. Bei der Performance besteht die Verabredung zwischen Publikum und Theater, sich auf ein Mitmachen bei einem Spiel von anderen einzulassen, um dabei Erfahrungen zu sammeln. Beim Theater besteht die Verabredung darin, einem kollektiven Spiel zuzuschauen und keine Rückkopplung geben zu müssen, ob und welche Erfahrungen man dabei gemacht hat. Deshalb ist für Theater Theaterkritik – eine gute! – so wichtig. Es ist sein einziges Feedback auf das es bestehen sollte und worauf es sich in seiner Entwicklung stützen kann: das Feedback des professionellen Zuschauers. Dass beim Theater der Zuschauer auch, sofern es ihn unterhält, n u r Voyeur sein darf, macht seinen befreienden Charakter aus. Dass bei der Performance der Zuschauer/Teilnehmer auch Voyer sein m u s s, seine Beschränkung… Wahrscheinlich mögen Theaterkritiker deshalb diese neuen Theaterformen so, sie müssen sich nicht für oder gegen (Selbst)Erfahrung mit Voyerismus entscheiden und können einmal ihren Beruf vergessen- Ja, überaus interessantes Gespräch.Hoffentlich mischen sich noch mehr Leute, die vas Thema bewegt, ein!
    Auch zum Thema Improvisation. WAS genau soll im Schauspiel Improvisation? Worin besteht genau Qialität bei der darstellerischen Improovisation? (Nochmal zum „Volksfeind“ – wo mich sehr beeindruckt hat, dass der Gawenda eben auch mal völlig neben sich, total erschöpft, alle, ratlos auf offener Bühne in dem Zwang, jetzt ganz zeitnah aus der Interaktion wieder in das Spiel zu kommen, sich aussetzt der eigenen Imrpovisationsfähigkeit, die dadurch die Grenzen zu sich selbst einreißt durch den Moment der Authentizität in diesem Beruf des Schauspielers – toll!)

  • Capa-kaum 11. September 2016

    @AusderTonne… Capa-kaum kann deine weiterführenden Gedanken zu diesem Thema sehr gut nachvollziehen bzw. weiterdenken. Dazu aber doch noch: Erscheint nicht dem Publikum die „vierte Wand“ als aufgehoben, wenngleich sie natürlich – und da stimme ich voll zu – einfach bloß auf das Mikrouniversum des Theaters ausgedehnt wird. Capa-kaum erinnert sich dabei an eines der anregenden Diskursstücke von René Pollesch, 2011 in der Berliner Volksbühne: „Schmeiß dein Ego weg“ hat es geheißen, mit dem wunderbaren Martin Wuttke als Impulsgeber, und handelte in weiten Teilen von der Selbstreflexion des Theaters. Da hieß es anderem (sinngemäß aus der Erinnerung): „Im Theater schleppen alle ihre vierte Wand mit sich herum und können einander daher nicht wirklich sehen.“ Wenn Theater tatsächlich kommunizieren will, bedarf es – ja, genau – der Improvisation, sonst ist Kommunikation eine Einbahnstraße altvorderer Prägung. Übrigens sagte Pollesch anlässlich der Uraufführung seines Stückes nicht von ungefähr: „Die Gefahr ist immer, dass ein Theaterabend als eine Meinung unter vielen neutralisiert wird, aber wenn nur Meinungen gegeneinander antreten, gibt es keine Lösung.“ Passend für das, was sich in unserer TV-Talkrunden-Gesellschaft heute abspielt.

  • Aquarius 11. September 2016

    Danke für den Dialog zwischen Capakaum und AusderTonnemitBlickzurSonne. Ich bin sehr beeindruckt und verstehe ein bisschen mehr…

  • AusderTonnemitBlickzurSonne 11. September 2016

    Lieber Capa-Kaum – ich bin so oft in der Lage, Deine Ansichten zu teilen – diesmal nicht. Ich finde es gut, dass es dieses von Dir beschriebene Theater gibt, denke abeer nicht, dass dadurch die vierte Wand aufgehoben ist. Sie ist vielleicht nicht sichtbar, aber nicht aufgehoben. Es ist an uns, sie neu zu beschreiben. Ich denke sie besteht darin, dass das Publikum, so beteiligt, mitmachend es Theatermachern scheinen mag, deshalb nicht politisch befähigter sein muss… Immerhin sitzen Theatermacher nicht im Kopf des Publikums. Sie wissen nicht, ob nicht gar der „nur“ zuschauende Zuschauer eventuell mehr über sich nachdenkt, Leben und Verhältnisse reflektiert, für sich etwas ändert. Aber sie wollen es wissen, unbedingt, die Theatermacher BRAUCHEN mehr die Auflösung der vierten Wand als der Zuschauer. Nicht, weil sie den Mit-Macher brauchen oder befördern wollen – sie eriegen dem inneren Zwang, den Zuschauer kontrollieren zu wollen. Und das ist der große Nachteil an diesem performativen Schein-Mitmachtheater. Eventuell hat gerade McBurney das mit dem Moment anders gemeint. – Auch gestreamt passiert das Zusammenspiel immer in der Gegenwart, es ist immer ein Zusammenspiel derer, die zusammen spielen, das Zusammenspiel planten, selbst wenn es offene Ausgänge dafür geplant hat.
    Die polnische Inszenierung 74 ist ein gutes Beispiel: es hat m.E. nicht die vierte Wand durchbrochen, es hat sie erweitert. Es hat den Raum vergrößert. so vergrößert, dass Theater nicht mehr leugbar wurde, dass die politische Diemnsion von Theater nicht leugbar war. Das betrifft auch die Ostermeier-Inszenierung von „Volksfeind“. Die vierte Wand – das Gefühl, WIR machen das Theater und animieren Euch zu einer Diskussion, der ihr euch nur sehr schwer entziehen könnt, weil euch nämlich dieses Thema wirklich angeht – nicht, weil unsere Argumation so unfehlbar stark ist! – hat Ostermeier damit in den internationalen, global gültigen Raum verlagert. Die Inszenierung funktioniert aber auch, wenn das Publikum eben nicht oder nur wenig in Diskussion kommt! – Vor allem hat er etwas ganz wunderbares geschafft damit für dieses Ensemble. Ich würde das eine neue Qualität von Improvisation nennen wollen. Eben weil diese Improvisation nicht UNABHÄNGIG vom Publikum, nicht eine rein artistische ist, wie man es von Inszenierungen kennt, wo Schauspieler improvisierte Monologe halten zu tagespolitischen Themen zum Beispiel. Er hat ein ganzes kleines Ensemble so politisiert, dass es überall ohne Versteckmöglichkeit vor vorbesprochenen Ansichten überhaupt in der Lage ist spontan mit Publikum zu interagieren. Das ist eine ganz außergewöhnliche Regie-Leistung. Sie ist besonders stark, weil sie eben nicht die vierte Wand aufheben will, sondern, weil sie bewusst mit ihr umgeht und sie spielerisch trägt, wohin immer das Ensemble kommt. Die vierte Wand im Theater ist – auch durch das moderne polnische Theater – eine extrem bewegliche geworden. Aber wenn wir so tun, als sei es gelungen sie abzuschaffen, wissen wir um das Theater weniger als jemals zuvor. Und wir geben dann mir dem am modernsten anmutenden Theater auch keine Impulse für kritische Gedanken, sondern schöpfen nur die beim Publikum sichtbaren kritischen Gedanken kontrolliert ab…

Kommentar senden

Jeder Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschalten.
Nähere Hinweise dazu im Urheberrechtshinweis.

Zum Weiterdenken

Aus den Erfahrungen unserer Vergangenheit schöpfen wir unsere Klugheit für die Gestaltung unserer Gegenwart und unsere Weisheit für unsere Vorhaben in der Zukunft.

  • rss
  • rss
  • rss
  • rss
Info-Mail

Capa-kaum sendet Ihnen seine Info-Mails, wenn Sie hier Ihre E-Mail-Adresse eingeben.