Nichts verstanden

Posted in Blog, Blog Leben mit 2 Kommentare

Mai2016 15

Was hat es nicht schon an herablassender Kritik an dem europäischen Musik-Dinosaurier namens Eurovision Song Contest in dessen sechs Jahrzehnte langer jährlichen Wiederauferstehung gegeben!

Erst war es die – Capa-kaum erinnert sich: zu Recht – bemängelte amateurhaft-schwächliche Darbietung zahlreicher Möchtegern-Schlagersänger.

Später das lästige Sich-gegenseitig-Punkte-Zuschieben der Skandinavier, Südeuropäer und seit einigen Jahren vor allem der Osteuropäer – jedenfalls: der wohlmeinenden Nachbarländer.

Gefolgt von dem im vergangenen Jahrzehnt immer stärker Platz greifenden Licht-Tanz-Kostüm-Spektakel, das das Gesangsprodukt, um das es eigentlich gehen sollte, immer mehr in den Schatten stellt.

Schließlich die Kritik über die sich immer mehr in die Länge ziehende Verkündung der Voting-Ergebnisse, nachdem die Zahl der teilnehmenden Länder größer und größer geworden war.

Nun aber das, was am Pfingstsamstag mitzuerleben war! Zwei eherne Regeln des doch Immer-wieder-Erfolgsmodells Eurovision Song Contest wurden einfach über Bord geworfen: Erstens ließen es die Verantwortlichen zu, dass – entgegen aller stets berufenen Vorhaben – ein politisches Lied teilnehmen durfte. Und noch dazu als Sieger hervorging. Also, wer’s nicht mitbekommen hat: Die Ballade 1944, mit der die ukrainische Teilnehmerin Jamala anhand einer Geschichte aus der Stalin-Ära das Leid der Krim-Tartaren thematisierte. Rund um die Sängerin-Songwriterin machte man in der Ukraine kein Hehl daraus, dass es dabei in Wirklichkeit um die russische Krim-Annexion der Gegenwart geht. Aber, so meint Capa-kaum, ob das so ist oder nicht ist gleichgültig. Allein mit der Tatsache, dass auch bei puristisch-naiver Betrachtung Jamalas Gesang nur längst vergangene Politik beleuchtet, haben die europäischen Fernsehmacher die Tür zur Politik in der bisher fröhlich-cleanen Retro-Unterhaltung aufgemacht. Bleibt abzuwarten, ob nicht Serben, Albaner, Kroaten, Israeli oder Aserbaidschaner das gleiche Recht für sich ableiten…

Nun gut: Ein politisch Lied ein garstig Lied heißt es ja seit Hoffmann von Fallerslebens Gedicht aus dem Jahr 1842 und andererseits gilt für jede Art von Kunst und Kultur, dass diese, soll sie gut sein, immer irgendwie politisch ist.

Abgesehen von alledem aber Punkt zwei: Da wurde die gute alte Regel der Punkte-Veröffentlichung über Bord gekippt. Nix mehr mit Spannung der – zuletzt eh nur noch – genannten 8, 10 und 12 Punkte. Nur noch die 12-Pünkter der Jury und zuletzt („um die Spannung zu erhöhen“) das Publikumsvoting als Gesamtpaket. Und da, muss Capa-kaum feststellen, haben es die Macher dieses angeblichen größten Musikwettbewerbs der Welt (Zitat aus der Sendung) überhaupt nicht verstanden, weshalb Legionen von Zusehern jahrzehntelang in Wahrheit eingeschalten haben: Nämlich wegen der Dramatik der Verlautbarung der huit, dix und douze points in ihrer unerbittlichen Abfolge.

2 Kommentare zu “Nichts verstanden”

  • Harry 15. Mai 2016

    Ist doch eh egal wer gewinnt, die Songs, die dann international gespielt werden, sind wenige. Langweilig sowieso dass die Sendung bis 1Uhr dauert, bei so wenig guter Musik

  • Ana 15. Mai 2016

    Ich würde Ukraine disqualifizieren. Es war ein Fehler, dieses Lied durchzulesen. Politik und Religion gehören nicht in diesen Wettbewerb.

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