Neujahrsdialog

Posted in Blog, Blog Leben mit 4 Kommentare

Jan2014 02

Wieder einmal ist es so, dass die vergangenen Monate anders verlaufen sind als ich es mir in der Neujahrsnacht vor einem Jahr vorgestellt habe, meinte G. – und es kam natürlich nicht überraschend, dass sich dieser Gedanke gerade zum Zeitpunkt des Jahreswechsels vor Capa-kaum darlegte. (Wobei aber auch Jeder, der den Glauben an die Notwendigkeit von Rückschau und Vorsätzen zu diesem Zeitpunkt des Jahres pflegt, nicht vergessen sollte: Der Übergang von einem Jahr ins nächste ist eine Zufälligkeit, wie die unterschiedlichen Kalender verschiedener Kulturen beweisen. So beginnt etwa im Bahai-Kalender das neue Jahr erst am 21. März, im jüdischen Kalender das Jahr 5775 nach unserer Zeitrechnung erst am 25. September, das muslimische Neujahr fällt diesmal auf den 25. Oktober und für die Chinesen endet ihr „Jahr der Schlange“ schon bald, am 30. Januar.)

Apropos „Jahr der Schlange“, warf G. nun ein, das war es aus meiner Sicht ohne Zweifel, meinen doch die Chinesen, dass im Zeichen dieses Tieres ein Jahr wichtiger Veränderungen stattfinde. Und tatsächlich konnte mir, so G., dieser Umstand wieder einmal die Augen dafür öffnen, wie Vieles anders verläuft als es davor absehbar ist. War es doch so, erinnerte G., dass er zum Beispiel genau vor Jahresfrist in seiner Wohnung fror, weil die Heizanlage kaputt war und die aufwändige und kostspielige Reparatur noch bevorstand, er also noch überhaupt keine Idee davon hatte, dass er seine Wohnung wenige Wochen später, just nach getaner Reparatur, hinter sich lassen und sich unvermutet für einen anderen Wohnort entscheiden würde.

So spielt das Leben, sagt man einfach – offenbar, weil eben Veränderung angesagt war, ohne dass es ihm, gab G. zu, bewusst war. Aber, das ist das eines der wichtigsten Elemente selbst gestaltbaren Lebens: Es soll immerwährend spannend sein und bleiben – Routine, Gewohnheit, das Festklammern an nicht mehr Sinnvollem bedeutet, fügte G. hinzu, ein Verengen und Versteinern des Lebens.

An dieser Stelle musste Capa-kaum einwerfen, dass aber Routinen, Rituale zweifellos wichtige Werkzeuge im Leben sind, sorgen sie doch für Sicherheit und erleichtern das Hier und Jetzt.

Zugleich jedoch bergen sie als Lebensmitgestalter auch die Gefahr in sich, erwiderte G., dass man nicht mehr hinausdenkt über sein Gewohntes, dass man Neuem gegenüber kaum aufgeschlossen ist, und sie bewirken oft, dass einem ungewünschte Veränderungen aus der Bahn werfen. In gewissen Routinen der Gegenwart leben, aber die Neugier auf die Zukunft, auf die Veränderung nicht verlieren – das ist die wahre Kunst des Lebens, meinte G. dazu, man könnte auch sagen: Seinen notwendigen Realismus mit immer wieder neuem Idealismus paaren. Was naturgemäß auch bedingt, immer wieder neu zu planen.

Wenn aber doch die Zukunft ohnedies anders verläuft, als wir es vorher sehen können, erinnerte Capa-kaum an G.‘s Eingangsbemerkung, wenn wir uns letzten Endes in dem täuschen, was wir uns vorstellen?

Täuschung ist stets eine Erscheinung der eigenen Gedankenwelt, entgegnete G., und dafür bietet die Sprache das beste Beispiel: Denn das Wort „Enttäuschung“ beinhaltet, dass man eine Täuschung hinter sich lässt, hat also eigentlich nichts damit zu tun, dass uns von der Welt, den Umständen oder auch von einer Person übel mitgespielt wurde, sondern dass wir selbst andere Erwartungen gehegt hatten, Erwartungen, in denen wir uns selbst einer Täuschung hingegeben haben, von der wir uns nun ent-täuschen müssen.

Dennoch aber, beharrte Capa-kaum, wie soll man ein Leben bewältigen, das in eine letzten Endes doch ungewisse Zukunft führt, ist doch offenbar alles Plänemachen nicht wirklich sinnhaft?

Pläne, Überlegungen können nichts anderes sein als ein Fangnetz, das ein Hochseilartist unter sich spannt, meinte G., mit dem er sich einerseits die Angst vor dem Absturz nimmt, andererseits dadurch aber an Sicherheit für die Bewältigung seines Vorhabens gewinnt. Nur unkluge Risikosüchtige lassen das Netz weg, arbeiten sozusagen ohne sich einen „Plan B“ vorgenommen zu haben. Man braucht einen Plan im Leben, der in eben dieser ständigen Veränderung Sicherheit gibt. Nur, wer einen Plan besitzt, kann diesen auch zugunsten einer besseren Überlegung verändern, sonst läuft man Gefahr, spontan unüberlegt zu handeln. Und, so schloss G. (und dem war tatsächlich nichts mehr hinzuzufügen), die wesentliche Fähigkeit im Leben besteht doch darin, das Unerwartete zu meistern.

4 Kommentare zu “Neujahrsdialog”

  • Aquarius 3. Januar 2014

    Kluger Dialog. Alleine der „Spaziergang“ von A nach B macht das Leben zum persönlichen Abenteuer. Da sollte man sich ruhig mal einen Umweg gönnen, vielleicht kurz wo verweilen und irgendwann tatsächlich bleiben.

  • Capa-kaum 2. Januar 2014

    @Anonymous: ja doch, es geht in jedem Fall darum, aus dem Heute aktiv ins Morgen zu leben

  • 2. Januar 2014

    bin nicht ganz der Ansicht von G, bedeutet doch Plan B für mich immer zu große Vorsicht, mit dem derzeitigem Zustand nicht zufrieden usw.
    Wenn ich versuche im hier und jetzt zu leben das erscheint mir doch sinnvoller und ist schwer genug.
    Grillparzer sagte schon: Alle reden von gestern oder morgen, niemand von heute!
    Könnte auch von G sein dieser Spruch.

  • lucky 2. Januar 2014

    wir wahr. hatte eine schwere op im sommer und mir davor das jahr 13 ganz anders vorgestellt. aber jetzt bei mir alles ok und ich sehe 14 mit anderen gedanken entgegen

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