Kaum hatte die Fotografie zu Ende des 19. Jahrhunderts den Sprung aus dem Spartendasein zum Medium breiten öffentlichen Interesses geschafft, richtete sich das Augenmerk von Fotografen und Publikum auf jenen Bildinhalt, der seit der Antike von besonderer Attraktivität ist: Auf den nackten Menschen und da vor allem auch auf den unbekleideten weiblichen Körper. Eine bemerkenswerte Ausstellung über die Aktfotografie um das Jahr 1900 zeigt nun in Berlin die damaligen vielen Betrachtungsweisen, Gründe und vorgeschützten Argumente, den nackten Körper in vielfältiger Form abzulichten.

Unter dem Deckmantel von Kunst oder Wissenschaft entstand in einer Zeit, die bei weitem noch nicht freizügig zu nennen ist, eine Fülle von Aufnahmen, die auf Postkarten, Plakaten, Zigarettenkarten und in einer Anzahl zielgruppengerechter Zeitschriften veröffentlicht wurden. Da dienten beispielsweise die Illustrierte Sportzeitung zur Hebung der Volkskraft oder auch die Illustrierte Athletik-Sportzeitung zur Darstellung nackter Männerposen. Der bekennende Homosexuelle Wilhelm von Gloeden publizierte in der Zeitschrift Der Eigene seine „Wunschbilder von Arkadien“, homoerotische Fotos von Knaben und Männern. Nicht weniger eigenartig erscheinen – nicht nur aus heutiger Sicht – die „nur für Kunstbeflissene“ (wie damals erklärt wurde) gedachten Kinderakte.

Diejenigen, die sich auf Kunst beriefen, stellten, setzten und legten ihre nackten Aufnahmeobjekte in poetisch-symbolische Inszenierungen, oft mit antikisierenden Assoziationen – wie verschiedene Beispiele aus der Zeitschrift Camera Work zeigen. Ärzte wie der Anthropologe Gustav Fritsch nannten ihre Aufnahmen lasziv blickender nackter Frauen schlicht „Studien“. Mit Aktaufnahmen, die er in seinen Büchern mit sexistischen und rassistischen Texten über die weibliche Schönheit erläuterte, landete der Gynäkologe Carl Heinrich Stratz echte Bestseller. Gerade hier wird der Betrachter in der Ausstellung daran erinnert, wie sehr die trügerische Objektivität des Mediums diskriminierendem Gedankengut Vorschub leisten kann.

Ganz in den Körperkult der damaligen Zeit passend ist die so genannte Bewegungsfotografie, die minutiöse Darstellung etwa von Abläufen sportlicher Betätigungen durch Serienaufnahmen. Davon wurden etliche Beispiele zusammengetragen – besonders jene von Albert Londe, Pariser Leihgaben für die Ausstellung, die auch unter anderem auf Material aus Köln, München, Belgrad und dem Polizeimuseum Hannover zugreifen konnte. Aus dem Polizeiarchiv Hannover stammt eine Übersicht über „zensierte und pornografische Aktfotografien“, bei denen wenigstens nichts Künstlerisches oder Wissenschaftliches vorgeschützt wurde.

Es ist ein Verdienst der Ausstellung, dass die Doppelbödigkeit der Aktfotografie zu Anfang des 20. Jahrhunderts sehr deutlich gezeigt wird. Nicht zuletzt auch durch das aus dem Jahr 1908 stammende Filmdokument Beim Photographen, das vom Film-Archiv Austria zur Verfügung gestellt wurde. Und wenn man anschließend eine Etage tiefer in der Dauerausstellung Helmut Newtons legendäre und bei weitem nicht schmuddelige Aktaufnahmen von selbstbewussten schönen Frauen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sieht, wird dem Besucher überhaupt offenbar, wo die Unterschiede in der Betrachtung von Nacktheit durch Fotografen und Publikum liegen, meint Capa-kaum.

Die nackte Wahrheit und anderes – Aktfotografie um 1900. Ausstellung im Museum für Fotografie, Berlin. Bis 25. August. Di–So 10–18 Uhr, Do 10-20 Uhr.

Kommentar senden

Jeder Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschalten.
Nähere Hinweise dazu im Urheberrechtshinweis.

Zum Weiterdenken

Aus den Erfahrungen unserer Vergangenheit schöpfen wir unsere Klugheit für die Gestaltung unserer Gegenwart und unsere Weisheit für unsere Vorhaben in der Zukunft.

  • rss
  • rss
  • rss
  • rss
Info-Mail

Capa-kaum sendet Ihnen seine Info-Mails, wenn Sie hier Ihre E-Mail-Adresse eingeben.