Er galt als Meister des Rätselhaften, gibt selbst bis heute  vielen Experten noch immer ein Rätsel auf, weil über sein Leben ganz wenig bekannt ist und er auch keine Aufzeichnungen hinterlassen hat: Hieronymus Bosch, der Maler der Apokalypse, dessen Bildsprache Viele abstoßend empfinden, Manche zumindest eigenwillig – jedenfalls: Seine Werke sind voller Symbolik und entführen den Betrachter in phantastische Welten.

Capa-kaum hat zu dem im Jahr 1516 verstorbenen Renaissance-Künstler jedoch einen Tipp für in Berlin Wohnende und für Berlin-Besucher: Noch bis 4. Juni ist da nämlich eine mittlerweile mehrfach verlängerte Multimedia-Ausstellung zu sehen, die völlig neue und interessante Einblicke in die Gedankenwelt des Hieronymus Bosch gibt. Eine Gedankenwelt, voll von Fabelwesen, Kreaturen, die halb Vogel, halb Mensch sind. Musikinstrumente, die zu Folterinstrumenten werden. Meuchelnde Menschen, düstere Höllenszenen. Ein Schwein in Nonnentracht in enger Umarmung mit einem Mann. Solches muss man als Besucher der Ausstellung aushalten – aber: Wie erschreckend muss das für seine Zeitgenossen gewesen sein, die ohnedies voller Angst vor Verdammnis und Furcht vor dem Jenseits gelebt haben.

Das in der exzellent gestalteten Ausstellung verarbeitete Triptychon „Garten der Lüste“ zeigt die Welt zwischenmenschlicher Beziehungen zwischen Paradies und Hölle, Sexszenen, Monster, Höllenqualen. Auf riesigen Videoflächen in drei Räumen ziehen die Details des Bildes als bewegte Szenerie an den Betrachtern vorbei, unterlegt mit Musik. Plötzlich erkennt man die Einzelheiten des überbordenden Menschengewühls des Triptychons, lässt sich hier die Apokalypse studieren und erkennt man die Vielfältigkeit der blühenden Fantasie des Künstlers.

Man muss wissen: Hieronymus Bosch war kein Ketzer, sondern Mitglied einer angesehenen religiösen Bruderschaft. Und er vermittelte in seinem Sittengemälde eine klare Botschaft: Versuchungen und Todsünden lauern auf dem Lebensweg, aber ein lockerer Lebenswandel, Besitzgier, Völlerei, Zorn und Lust führen geradewegs in die Hölle. Und deshalb sind seine Bilder, seine Welten des Schreckens und der Lust, damals tatsächlich auch in Kirchen gehangen.

Man wird mit den multimedialen, bewegten Bildern nicht allein gelassen. Auf Terminals gibt es in Schriftbildern sehr informative zusätzliche Informationen und erfährt Hintergründe zu den Details.

Es ist wert, meint Capa-kaum, sich auf diese apokalyptische Darstellung menschlicher Abgründe einzulassen.

Hieronymus Bosch – Visions alive. Ausstellung in der Alten Münze, Berlin. Noch bis 4. Juni 2017. Täglich 10 bis 20 Uhr.

7 Kommentare zu “Menschliche Abgründe”

  • AusderTonnemitBlick...auf denBlick 1. April 2017

    Nachtrag: Entschuldigung, ich meinte natürlich nicht Dali-Tagebücher, sondern die Dali-Autobiografie und auch seine „50 magischen Geheimnisse“…

  • AusderTonnemitBlick...auf denBlick 31. März 2017

    O ja, danke für die vielen Tipps – nur dort hinkommen müsste man… Interessant ist auch, dass generell Teufelsdarstellungen oder die Darstellungen teuflischer Situationen phantasiereicher gemacht scheinen, als die schlichten des komplentativen Moments. Und bei Dali fand ich immer unendlich wertvoll, dass er seinen surreal anmutenden Bildern und Installationen in seinen Tagebüchern den realen Hintergrund der Phantasie erschlossen hat. Seit ich das alles Anfang der Neunziger gelesen hatte, konnte ich Surrealismus nur noch als Sur-Realismus denken und es hat mir den Blick nicht nur auf andere Surrealisten – auch in der Literatur – sondern auch den auf Bosch gänzlich verändert, irgendwie vom Mythos befreit – Ich kenne Leute, die sehr begeistert von der Berliner Ausstellung waren und sind, aber ich habe Angst vor ihr, weil sie so groß macht, was klein gemacht war und Anstrengung des Sehens verlangte, das S u c h e n nach dem Abbild der weltlichen Verfehlungen – das fällt durch das multimediale Setting der Details natürlich weg und man kann die Bilder auch nicht so richtig hören, wenn immer Musik läuft. Vielen hilft das beim Sehen – mir leider nicht, ich bin aber traurig deshalb, weil ich eigentlich gern Begeisterung mit anderen teile… Gemäldegalerien der Welt studieren können – hört sich gut an-

  • Capa-kaum 31. März 2017

    Ja liebe Freunde, es lohnt, diverse Bosch-Stätten aufzusuchen! Und danke für den Orvieto – Tipp.

  • Uwe_Málaga 31. März 2017

    Bosch war seiner Zeit um Jahrhunderte voraus, er hat sogar noch die Surrealisten des 20. Jahrhunderts beeinflusst. Manche Dalí-Bilder erinnern an Boschs Visionen. Und es sei nicht unerwähnt, dass ein Ausschnitt aus ‚Der Garten der Lüste‘ ein LP-Cover der britischen Rockgruppe Deep Purple schmückt (die Höllenszene mit dem abgeschnittenen Ohr natürlich!).
    Wer sich an solchen Visionen nicht sattsehen kann – dazu gehöre ich – dem sei der Dom von Orvieto im italienischen Umbrien empfohlen. Dort hat sich Boschs Zeitgenosse Luca Signorelli mit dem Tag des Letzten Gerichts beschäftigt und er kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Die Teufelsdarstellung sind Renaissance-Science-Fiction!

  • Retep8 31. März 2017

    Bosch ist, für einen Kulturbanausen wie mich, einer der wenigen Maler, bei dem ich, seit ich das erste Mal ein Bild von ihm sah, in seinem Werk immer wieder und wieder auf Entdeckungsreise gehe. Seine Bilder sind eine unerschöpfliche Quelle von Aha-Erlebnissen. Im Prado hat mich einmal ein El Bosco-Gemälde über eine Stunde „gefangen“ gehalten – konnte mich einfach nicht losreißen. Diese geballte Ladung von Geschehen (ein Vielfaches der Breugelschen Intensität), wobei jedes Detail immer wieder neue Interpretation eröffnet, lässt einen nicht los. Ein Euphorikum.

    Man möge mir meine Lobhudelei vergeben, aber Hieronymus Bosch ist seiner Zeit „politisch“ Jahrhunderte voraus.

    http://www.gasl.org/refbib/Bosch__Bilder.pdf

    https://www.museodelprado.es/en/whats-on/exhibition/bosch-the-5th-centenary-exhibition/f049c260-888a-4ff1-8911-b320f587324a

  • toni fackelmann 31. März 2017

    gratuliere zu deinem hieronymus bosch-blog. im prado habe ich diesem ausnahmekünstler einen ganzen tag (vor- und nachmittag jeweils drei stunden) gewidmet.

    du kennst sicher auch den Isenheimer altar in Colmar, an diesem museum darf man nie vorbeifahren.

    ich war im gym. bekanntlich musiker und durfte, weil schemitsch krank war, dreimal prof. weinmann erleben. Albrecht düreer, hieronymus bosch und eugene delacoix., als aufforderung, alle namhaften gemäldegalerien der welt zu studieren. el greco. murillo, ribera, die französ. Impressionisten, velasquez und Picasso… alle eröffnen eine faszinierende welt, für die man nur staunend dankbar sein kann!

    liebe grüße toni

  • Linda Wöss 31. März 2017

    In Wien kann man sich auf die Berliner Ausstellung einstimmen. In der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz hängt das Weltgerichtstriptychon von Hieronymus Bosch.

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