Und schon wieder wird über die Medien diskutiert. Wann immer die Politik über ihre eigene Unzulänglichkeit, Probleme zu lösen, unzufrieden ist, lenkt sie das Interesse „der Allgemeinheit“ auf die Medienlandschaft, prangert dort Unzukömmlichkeiten und Schwachstellen an und fordert „richtigeres Verhalten“ der Medienleute ein. Wohlgemerkt: Es geht um die uns naheliegenden demokratisch organisierten Gesellschaften, nicht um autoritär oder pseudodiktatorisch regierte, deren es selbst in unserem geografischen Nahbereich zweifellos genügend Muster gibt.

Na gut, werden manche Capa-kaum-Kenner meinen: Der Schreiber dieses Blogs ist ja selbst seit Jahrzehnten aktiv im Medienleben tätig, weshalb sollte er also nicht zur Verteidigung der gescholtenen Medien antreten? Aber, das möchte er Zweiflern gegenüber gleich einmal klarstellen: In diesem Zwischenruf zur Mediendiskussion geht es nicht um Verteidigung, sondern um einen Gedankenimpuls – was Jede(r) daraus machen möge…

Zweifellos ist in unserer heutigen Welt Vieles easy geworden – nicht zuletzt dank der digitalen Revolution. Forscher forschen globalisiert vernetzt, Wikipedia und Google ersetzen das Nachdenken über Jahreszahlen, Vornamen und Ereignisse, WhatsApp ergänzt (und, ja, verändert leider) Worte blitzschnell. Und eigentlich wäre heutzutage der Medienkonsum so einfach und vielfältig möglich wie nie zuvor. Dutzende Fernsehprogramme, e-Paper-Ausgaben und Internet-Apps von Hunderten Zeitungen, dazu die Social-Media-Kanäle, angeführt von Facebook, Twitter und YouTube. Eine an sich großartige, leicht konsumierbare Medienwelt, von der man vor nicht allzu langer Zeit nur visionär träumen konnte.

Die Kehrseite: Wie viele (Denkende) haben Zeit und Lust, sich auch nur auf einen Bruchteil dieser medialen Möglichkeiten einzulassen? Auf diese neu gebotene Chance der geistigen Freiheit, sich aus unterschiedlichen Quellen zu informieren und sich damit eine eigene Meinung zu bilden? Und wer schränkt seine geistige Freiheit nicht selbst ein, durch Vorurteile, Routinen, Tunnelblick – die Bollwerke auf der Suche nach der Wahrheit im Überangebot und zugleich Dickicht der Informationspalette. Dazu noch die Verschaukelungsmechanismen: Fake News, Manipulation durch bestimmte Medien, soziale Netzwerke und populistische Politiker!

Wo und wie also die Wahrheit in diesem Dickicht auf uns hereinbrechender Informationen, Gedanken und Meinungen finden? Das führt im Kurzschluss allzu oft zu gern geübter Verurteilung der Medien – Medienschelte. Ein intellektuell einfacher Weg, aber leider kein Ausweg aus der kollektiven und individuellen Dummheit. Einen Beitrag über Medienkritik hat die Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft vor einiger Zeit mit dem Titel „Tötet nicht den Boten“ überschrieben und gefordert: „Macht euch lieber bewusst, was ihr von den Medien erwarten könnt und was nicht. In Zeiten der Informationsflut auf allen Kanälen ist das wichtiger denn je.“

Ja aber, wird vielleicht Einer sagen: Medien sollen doch Politik und Gesellschaft beobachten und kritisch prüfen, sozusagen als „Rückgrat der politischen Öffentlichkeit“ – das ist das alte Postulat des Philosophen Jürgen Habermas. Ein idealistischer Anspruch, der in Zeiten der geschilderten vielen Informationskanäle leider mit der Realität wenig zu tun hat. Außerdem steht diesen hehren Werten, einer lebendigen Demokratie zu dienen, das notwendige ökonomische Interesse des Medien-Business gegenüber, also Quoten, Auflagen und Werbeerlöse.

Wo also finden wir die Wahrheit in der Informationsflut? Wir müssen leider feststellen: Die Wahrheit ist zwar unveränderlich, die Art und Weise ihrer Überlieferung ist es nicht. Bleibt man beim Begriff der Wahrheit einmal weniger philosophisch, ersetzt man ihn alltagstauglich durch „Fakten“. Dann wird das ganze Dilemma nämlich offensichtlich: Diese Fakten erscheinen nämlich immer angepasst an die jeweiligen politischen, geografischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, man könnte auch sagen: Sie sind geschönt, von Interessen Einzelner (oder auch Gruppen) bestimmt. Die Geschichtsschreibung seit der Antike gibt dafür ausreichend Beispiele.

Der Ausweg? Capa-kaum meint: Wir sind als Denkende, Intelligente aufgerufen, die Wahrheit im Dickicht zu suchen, etwa nicht eindimensional einem Medium, einem Informationskanal zu vertrauen. Auch nicht den ersten fünf Google-Vorschlägen und schon gar nicht Sozialen Netzwerken. Als wache Menschen besitzen wir die Verantwortung, dass wir offen sind für verschiedene Ansichten. Und uns Zeit nehmen, Informationen in mehreren Medien abzugleichen. Kostet Zeitaufwand, bringt aber Einsichten und fördert das eigene Nach- und Weiterdenken in Zeiten, in denen uns gerne so „einfache Lösungen und Ideen“ vorgefertigt geliefert werden.

3 Kommentare zu “Mediendickicht und Wahrheit”

  • ViPoKa 25. August 2018

    Wer sich die Entwicklung der Medienlandschaft in den letzten 20, 30 Jahren ansieht, wird feststellen, was das für ein Trauerspiel ist. Vernunft wird dem Kommerz geopfert, persönliches Prestige (der Journalisten) steht über dem Wunsch nach genauer Recherche, der Leser/Hörer/Seher scheint nur die zweite Rolle zu spielen und wenn er für die Medien Bedeutung hat, dann nur als Manipulationsobjekt

  • Till a 5. Juni 2018

    Ich möchte bitte nicht alle Quellen, die ich nutze, konsumieren müssen. Wäre dem so und zwar für alle, wäre dann die Wahrheit nicht verraten, weil ausnahmslos verkauft?

  • Aquarius 5. Juni 2018

    Je mehr Quellen wir konsumieren, desto mehr nähern wir uns der Wahrheit. Diese Chance sollte der Mensch in der Demokratie nützen. Vordenker war vorgestern. Und sollte uns alle nachhaltig belehrt haben.

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