Wird in unserer Gesellschaft zu viel geredet oder zu wenig? Haben WhatsApp, Facebook und Mails das direkte Gespräch miteinander unnötig gemacht? Geht uns durch die elektronische Kommunikation soziale Nähe verloren oder gewinnen wir dadurch sogar an Intensität der Beziehungen? Capa-kaum hat sich einige der unzähligen Berichte über Studien und Forschungsarbeiten angesehen und dabei Interessantes festgestellt.

Unbestritten ist, dass wir in einer Kommunikationsgesellschaft leben – was immer unter diesem Begriff verstanden werden kann: Von Medienflut und TV-Information bis hin zu Internet-Vernetzung und Smartphone-Komfort. In diesem Kommunikationsgeflecht ist das Außergewöhnliche gefragt – das heißt: Nur das Auffällige erreicht unsere Gedanken. Je sensationeller und ungewöhnlicher eine Information ist, je mehr wir uns davon betroffen fühlen, desto eher wird uns das Thema interessieren.

Das ist jedoch nur die eine Seite. Die andere Seite lautet: Auch scheinbar sinnloses Gelaber, der Austausch von Rederitualen („wie geht’s?“, „bist du schon da?“) und das Tratschen haben eine wesentliche soziale Bedeutung. Wissenschaftler nennen oberflächliche Dialoge ohne tieferen Sinn „Putzgespräche“, die in Wahrheit nur einen Zweck erfüllen: Sie dienen der Sozialpflege. Und da drängt sich für die Verhaltensforscher der Vergleich mit dem Lausen der Affen, unserer Primaten-Verwandten, auf. Die Fellpflege der Affen dient dazu, vertrauensvolle Beziehungen zu knüpfen und zu bestätigen – ebenso wie es Floskeln oder Begrüßungssprachrituale in unserer persönlichen Kommunikation sind. Oder auch das Lächeln, das dem Gegenüber eine wichtige Information über die Situation im persönlichen Gespräch vermittelt.

Dass diese Spielarten der kommunikativen Sozialpflege durch elektronisch übermittelte Zeichen für die persönliche Stimmungslage wie 🙂 oder Akronyme („LOL“ für laugh out loud) nur ansatzweise ersetzt werden können, ist selbstverständlich. Nun könnte man die Meinung vertreten, dies sei zwar weit schlechter als ein direktes Gespräch, aber noch immer besser als überhaupt kein Kontakt miteinander. Das Problem jedoch ist: Typisch für die sozusagen „belanglose“ Unterhaltung ist die Stimmmelodie, haben die Forscher analysiert. So wird etwa durch einen höheren und weicheren Stimmklang Zuneigung vermittelt. Besonders gut zu beobachten im Smalltalk des menschlichen Balztanzes, dem Flirten. Es kommt also in diesen „Putzgesprächen“ nicht darauf an, was man sagt, sondern wie es gesagt wird. Und das kann schriftliche Kommunikation nicht.

Bei allem Vorteil, den man aus der Kommunikation mit WhatsApp, Facebook, SMS und Mail ziehen kann, ist nicht zu vergessen, dass wir die Sprache nur teilweise zum Übermitteln von Informationen nutzen. Studien haben ergeben, dass etwa zwei Drittel der Gespräche sozialen Themen und der Beziehungspflege gewidmet sind. Das bedeutet, meint Capa-kaum: Das Teilen von stimmigen Bildern, Zitaten oder Karikaturen mit Facebook-, Instagram- oder WhatsApp-Freunden erfüllt in diesem Sinn durchaus einen gewissen Zweck… wenn nicht vergessen wird, dass Labern und Tratschen für die Pflege der Zwischenmenschlichkeit auch in unserer elektronisierten Kommunikationsgesellschaft  unverzichtbar sind.

2 Kommentare zu “Labern, Lächeln und Lausen”

  • AusderTonnemitBlick...aufdenKlickertick 13. April 2017

    Ich würde den Forschern da sehr gern widersprechen, wenn die Dir und uns wirklich nahelegen, dass es bei den „Putzgesprächen“ nicht auf das ankäme, WAS, sondern WIE man es sagte. Es kommt bei den Putzgesprächen genau wie bei allen anderen Gesprächen – bis hin zu den politischen – exakt darauf was, was genau man wie genau sagt. Und es kommt dabei nicht nur auf die Stimmführung, Tonhöhe und Sprachmelodie an, sondern auf deren jeweils inhaltsgeführte Modulation bei gleichzeitig ablaufender Körpersprache – also Gestik – und den variierenden Gesichtsausdruck- die Mimik sowie die entsprechenden Gerüche, die während des Gespräches von den Gesprächspartnern ausgehen… Erst dies alles zusammen ergibt eine auf Verständigung ausgerichtete Kommunikation. Das distanzlos anmutende Geifern in den von Heidrum Strasser beschriebenen Postings ist vielleicht also nicht immer als Geifern überprüfbar, was die jeweiligen Inhalte, auf die die Poster reagieren, aber bestimmt immer von einem Geifern über eine kommunikative Distanz begleitet, die durch die Anwendung der Technik erzwungen wird. Das Einverständnis in die Art der Übermittlung – in den Post – ist gleichzeitig das frustrierende Eingeständnis, dass man auch heute üblicherweise auch dann nicht mehr wirklich kommunizieren kann im Sinne von Verständigung, wenn man zu Kummunikationsinhalten eine Meinung hat, vertreten kann und Leute ausfindig gemacht hat, die sie teilen… Das macht die von Rest der Körper abgekoppelte Kommunikation – die einer Verständigung dient – zu einem frustrierenden Informationsraub. Deshalb verstehe ich alle Geiferer in Postings.
    Auch scheint mir nicht ganz wahr, dass Sprachmelodie und Tonfälle, also das WIE etwas gesagt wird, durch Schreiben nicht dargestellt werden könnten. Ich habe da im Schreiben sehr effektive Methoden gefunden .
    Und schließlich noch ein kleiner einwand, den Du, lieber Capa-Caum – ich weiß es, denn Du bist schließlich ein wichtiger Sprach- und Sprachbildungsexperte in Deinem Land, nicht verübeln wirst:
    Natürlich dienen Tratschen und Labern wie Lausen zu unserer zwischenmenschlichen Beziehungspflege – aber die Qualitätsunterschiede in Form und Inhalt von an einen herangetragenen Tratsch und Laberei sind wirklich mitbestimmend dafür, zu wie vielen und mit welchen Menschen wir auf welchen Distanzen Beziehungen eingehen und pflegen… LG, klick

  • Heidrun Strasser 13. April 2017

    Die „Bassena“ hat sich ins Digitale bewegt und damit das gesprochene Wort, die Modulation, das Austarierende und oft genug auch das Gleichgewicht verloren. Wer wie ich häufig Postings liest, weil sie den (bedauernswert ramponierten) Zustand einer Gesellschaft widerspiegeln, stellt fest, dass es sehr oft nicht darum geht, sich mitzuteilen/auszutauschen. Im Vordergrund steht ein egozentrisches, einseitiges, distanzloses Geifern. Man möchte seinen Frust an die digitale Wand schleudern. Ton und Ausdrucksweise sind dabei unterschiedslos, egal, ob Qualitätsmedium oder Boulevard.

    Zu Social Media und elektronischer Kommunikation gibt es jede Menge pros & cons, wie Capa-kaums Artikel präzise beschreibt. Wie allerdings fängt man den eruptiven Ton wieder ein, der sich breit gemacht hat? Sprache verändert sich, Kommunikationskanäle verändern sind – Tribut an den allgemeinen Wandel. Wie es aussieht, entgleisen wir dabei immer mehr und verfehlen das Ziel aller Kommunikation: Verständigung.

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