Und wieder einmal wird von Klugredern bejammert, dass es um die Kommunikation in unserem Leben schlecht bestellt sei. Ihr Argument: Es nützt doch nur noch jeder Fünfte sein Smartphone zum Telefonieren, bei den Unter-25-Jährigen tun dies überhaupt nur drei (!) Prozent. Ach, welch ein Übel, dieses Nicht-Telefonieren mit dem Telefon… Und, oh Jammer, es wird nur noch acht Minuten täglich telefoniert – so der Durchschnitt beispielsweise in deutschen Landen.

Capa-kaum meint, dass angesichts dieses Ergebnisses ein Wehklagen absolut nicht nötig ist. Das mag Manche – die hier Capa-kaums Gedankenwelt verfolgen und über lange Zeit kennen – vielleicht überraschen, aber die Damen und Herren Experten und Kommentatoren vergessen dabei Einiges:

Erstens ist das Smartphone eben kein simples Telefon – da scheint an den jammernden Köpfen die Zeit vorbei gegangen zu sein. Denn das in unseren Ländern von mittlerweile 90 Prozent der Menschen benutzte Smartphone ist ein handlicher Computer, der von E-Mail-Verkehr bis Zeitungslesen und Ticket-Bestellen alles bietet, was früher nur vom heimatlichen Computer und noch früher überhaupt nicht online gemacht werden konnte. Die jüngste ARD-ZDF-Onlinestudie ergab, dass die meiste Zeit mit dem Smartphone im Internet und in Chats verbracht wird. Also ist das Telefonieren nur noch eine Teilfunktion des Gerätes.

Und zweitens ist unser Kommunikationsverhalten zweifellos ein anderes als im vorigen Jahrhundert. Oder gar im vorvorigen – als Balzac oder Beethoven und natürlich auch Goethe und Schiller oder überhaupt schreiblustige Normalbürger ihren Nächsten Briefe schrieben, die uns heute noch eine Quelle des Erkennens ihrer Gedankenwelt sind. Wenn etwa Honoré de Balzac an Gräfin Eva Hanska in einem seiner 1550 Briefe geschrieben hat: „Mein holder Engel, oh Du, nur Du bist es, die meine Gedanken ewig füllt, nur Dein seidenes Haar oh Engel, nur Deine Augen, nur Dein lieber Blick, oh holdes Wesen, weicher als alle bist Du in mein Herz geschwebt oh süßes Wesen oh schönste Königin.“ Oder wenn wir Ludwig van Beethovens Nöte nachvollziehen können, als er am Abend des 6. Juli 1806, einem Sonntag, einer unbekannten Geliebten mitteilen musste: „Du leidest, du mein theuerstes Wesen, eben jetzt nehme ich wahr, dass die Briefe in aller Frühe aufgegeben werden müssen. Montags – Donnertags – die einzigen Täge wo die Post von hier nach K. geht.“

Zurück ins 20. Jahrhundert: Damals griff man bei Kommunikationsbedarf zum Telefonhörer. Denn von WhatsApp oder Instagram war noch keine Rede. Wir sind aber im 21. Jahrhundert angekommen und dürfen anders kommunizieren als unsere Altvorderen. Für 95 Prozent der Jugendlichen ist WhatsApp das wichtigste Angebot auf dem Smartphone (der Bild-Messenger Instagram ist auf Platz zwei), zeigen Studien. Und wie argumentiert die Generation WhatsApp: Ich kann viel öfter mit Jemanden Kontakt haben, die Anderen müssen nicht dann Zeit haben, wenn ich Zeit habe, es ist kürzer und effizienter sich per WhatsApp auszutauschen, ich kommuniziere so auch mit Anderen, mit denen ich sonst kaum oder gar nicht kommunizieren würde, ich habe so viel mehr Kontakt mit meinen Eltern, sie wissen mehr über meinen Alltag, ich über ihren.

Capa-kaum kann dieser Argumentation durchaus folgen, denn er erlebt es seit langem in der Zusammenarbeit mit Kollegen – etwa für ein regelmäßig publiziertes Projekt: Da gibt es oft täglich ein halbes Dutzend Mal und mehr digitale Kommunikation und es genügen zusätzlich selten auch „analoge“ Gespräche. Zum Vorteil aller Beteiligten, die eben nicht zu einer bestimmten Zeit erreichbar sein müssen.

Und nicht zu vergessen: Während das Wort am Telefon ein flüchtiges ist, lässt sich die digitale Kommunikation von beiden Partnern nachlesen. Ganz abgesehen davon, dass hier der Kontakt mit einer ganzen Gruppe problemlos möglich ist. Und dazu natürlich die Möglichkeit der Bilder und Videos, die mitgeschickt werden – wer sagt da noch, dass die Kommunikation heute so im Argen liegt? Es fragt sich eben nur, wie kommuniziert wird. Und die Hauptsache ist, dass kommuniziert wird.

Wenngleich es natürlich ein Jammer ist, dass diese ganzen wunderbaren WhatsApp-Chats nicht so der Nachwelt erhalten bleiben wie die Briefe Balzacs oder Beethovens.

8 Kommentare zu “Kommunikation – wie?”

  • Aquarius 22. April 2017

    An AusdertonnemitBlick: klar, natürlich auch ein Teil der Wahrheit. Aber jeden Dialog wollen wir nicht führen. Ein bisschen Privatsphäre brauchen wir für uns. Abhängig davon, was uns vom Tage übrig blieb. Wo der momentane Platz in der „Familienaufstellung“ unseres Gegenübers ist. So bieten die neueren technischen Kommunikationsmittel zumindest ein freundliches mehr oder weniger ausgeschmücktes „Hallo“. Wer weiß, vielleicht irgendwann mehr ;). Aber, natürlich hast Du recht, das geht sehr oberflächlich aufeinander zu.

  • AusderTonnemitBlick...aufdenick 22. April 2017

    Lieber Aquarius, ich denke, dass WIE ist genauso von Belang, Wenn das WIE zu frustrierend ist, geht das OB auch nicht auf Dauer. D.h. wenn in einer Kommunikation einer merkt, dass er von der digitalen oder einer anders einseitigen, distanzierten Ebene nicht in eine face-to-face – also in eine befriedigende – Verständigungsebene kommt, dann fühlt er sich missbraucht. Zu Recht. D.h. ein face-to-face-Streit, der einen Sachverhalt betrifft, zu dem die Kommunikationspartner keine Einigung erzielen können, ist immer noch eine befriedigendere Kommunikation als z.B. eine gesendete und später beantwortete SMS mit Smiley versehen oder das Besprechen eines Anrufbeantworters der verspricht, dass der Angerufene sich zurückmelden wird oder ein Brief, der nicht adäquat oder gar nicht beantwortet wird. Außer in unseren sozialen Filterblasen, denke und beobachte ich, haben wir eigenlich so gut wie keine Kommunikation mehr, die Anlass zu einem istallesgutweilegalwie wir miteinander kommunizierne – Wir haben gesellschaftsrelevant kein OB mehr, sondern nur noch ein ALS OB – Das ALS OB-Kommunizieren-Kommunizieren macht unser gesellschaftsrelevant frustireirendes WIE aus. Und es ist keineswegs so, dass darunter nur die Künstler und Frauen leiden, wie es uns die Kunst so gern darstellen und als kapitalismuskritischen Spiegel anbieten möchte, auf dass wir gerührt sind und eine halbe als ganze Wahrheit glauben…

  • Aquarius 21. April 2017

    solange wir miteinander kommunizieren, ist die Welt in Ordnung. Nicht das wie, sondern das ob ist von Belang.

  • Capa-kaum 21. April 2017

    🙂 🙂

  • Heidrun Strasser 21. April 2017

    Ob die Smartphone-Versunkenen nun wenig telefonierend, viel „simsend“, netzflanierend oder ohrstöpselmäßig zugedröhnt auf Gehsteigen und Straßenübergängen in mich hinein donnern oder einfach nur im Weg stehen, da bin ich nicht wählerisch. 🙂
    Oft möchte man sie nur gern her beuteln, hey, Leute, kommt doch gelegentlich wieder runter auf die Erde, Ihr seid nicht allein auf der Welt, da gibt es noch andere!
    Soviel zum Smartphone im öffentlichen Raum. Auf das Beziehungsgedöns in Öffis gehe ich gar nicht ein.

    Aber ernsthaft: Vom Vierteltelefon zum Smartphone, klar hat das die Kommunikation verändert, die Möglichkeiten erweitert. Sprache blieb allerdings auch nicht unbeschadet. Und was die Kommunikationsform an „Echtzeit“ bringt, geht schon auch mal durch Kürze, Ungenauigkeit
    und Missverständnisse wieder verloren. Egal, so ist es. Oder wie Stefanie Sargnagel – not my preference, aber ganz sicher repräsentativ für Mainstream-Smartphone-Kommunizierer – titelt: „Ja, eh!“.

  • AusderTonnemitBlick...aufdenTelefontrick 21. April 2017

    Die interessante Frage im 21. Jahrhundert ist: WAS machen diejenigen gerade, die zu einer bestimmten Zeit, in denen jemand mit ihnen kommunizieren möchte – im Sinne von sich verständigen/austauschen, zu dieser bestimmten Zeit mit seinen zu dieser Zeit vergeblichen und also konservierten Kontaktversuchen?

    Das erinnert ein bisschen an diese Beziehungskisten-Ebene: duschatzwirmüssenreden – jetztnichtspäterichmusserstmalkohlemachen – bistduwahnsinnigwassolldieserbriefmitderscheidungsklage!!! – tjaschatzichhabjagesagtwirmüssenredenaberdu musstestjaaufmeineemotionalenressourcekostenkohlemachen…

  • Capa-kaum 21. April 2017

    @Wanderer: naja, deren „Briefe“ waren doch eigentlich für die Öffentlichkeit bestimmte philosophische und gesellschaftliche Gedankengänge, eben zwar in Briefform, aber meiner Meinung nach doch etwas Anderes als die vielen überlieferten Briefe z.B. von Goethe, Schiller, Zweig, Rilke, Trakl etc.

  • Wanderer 21. April 2017

    Du hast leider die antiken Briefeschreiber nicht erwähnt, Seneca, Cicero, die haben uns in ihrem Briefen so viel Kluges geschenkt

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