Ja, so ist er, der Günther Paal. Also Gunkl. Steht eineinhalb Stunden lang wie angewurzelt auf der Bühne und philosophiert mit seiner sonoren Stimme und gestikulierend vor sich hin. Also: natürlich vor sich zu seinem Publikum. Lebensphilosophie im Kleinkunstformat. Man muss es mögen, die Lachmuskeln nicht im Minutentakt durch Gags und Pointen bewegen zu können (wie bei den Privatfernseh-Comedians oder Talkrunden-Klamaukikern), sondern aufmerksam zuhören, den (zugegeben: oftmals verästelten) Gedankensträngen bis hin zur einleuchtenden Schlussfolgerung folgen zu wollen. Und deshalb spaltet Gunkl die Kleinkunstpublikum-Szene.

Capa-kaum ist bei denen, für die ein solcher Abend intellektueller Genuss ist. Auch bei seinem elften Programm, genannt So Sachen – ein Stapel Anmerkungen, mit dem er im Wiener Stadtsaal gestartet ist. Nacherzählen lässt sich da nichts, man muss es einfach erleben, wenn er etwa den Bogen vom Kasperl seiner Kindheit (ist der schwerhörig oder blöd, weil er immer zu Beginn seines Auftritts gleich mehrmals gefragt hat, ob „ihr alle da seid“) zur auf diese Weise sozialisierten Ja-Sager-Gesellschaft unserer Zeit spannt. Oder wenn er über Blitz und Donner reflektiert und dabei auf die falschen Antworten zu den richtigen Fragen (oder die richtigen Antworten auf die falschen Fragen?) kommt. Und dann die Sache mit der Wiedergeburt – gleichsam ein Lehrstück über Religion, Glaube und Wissen, eingefädelt über den Vergleich mit einem belegten Brot und schließlich festgemacht an den Motivationstrainern.

Es ist tatsächlich ein Stapel Anmerkungen, den Gunkl hier auf sein Publikum loslässt, von „einfachen Lebensfragen“, die er selbst wieder in Frage stellt, bis hin zu aktueller Politik und der oftmals seltsamen Verschiebung von gesellschaftlichen Werten, die er an Beispielen wie der unterschiedlichen Behandlung von Zebras und Pferden im Zoo erläutert – oder jenem einer nackten Venusstatue, deren Brüste Prüderie konform für ein amerikanisches Köpfungsexperiment verhüllt wurden.

Es bereitet Vergnügen, Gunkl bei seinem exzellenten Parforceritt durch die Untiefen unserer Gesellschaft zuzuhören – wenn man bereit ist (und an dem Abend nicht gerade Migräne hat), Kleinkunst als Kunst der Worte und Gedanken zu verstehen und nicht Pointenschleuderei erwartet. Spaßig ist es allemal und vor allem anregend.

Gunkl: So Sachen – ein Stapel Anmerkungen (Günther Paal). Stadtsaal, Wien; in den nächsten Monaten in zahlreichen österreichischen Städten sowie München und Zürich.

3 Kommentare zu “Kleinkunstphilosophie”

  • Capa-kaum 7. Oktober 2014

    @Heike: Ganz in der Nähe gibt’s keinen Termin, aber in München (Lach-und Schießgesellschaft (2.-6.12.) und Ende Februar 2015 in einigen bayerischen Städten.

  • heike diehl 7. Oktober 2014

    Hallo, gestehe, habe noch nie von Günther Paal gehört. Würde mich sehr interessieren und beobachten, ob er auch mal im Raume Frankfurt auftritt, Danke für diesen Beitrag.

  • palka 21. September 2014

    der gunkl ist immer wieder ein genuss!!

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