Nein, es geht diesmal nicht um TTIP, aber: Ja, es geht wieder einmal um die EU und das, was hier hinter verschlossenen Türen klammheimlich vorbereitet wird. Es ist nämlich ein geradezu unverfrorenes Spiel mit der Gesundheit, das sich hier im Zusammenspiel zwischen EU-Kommission und Lobbyisten der Lebensmittelbranche anbahnt. Im Mittelpunkt stehen die Fische, die im Hinblick auf gesunde Ernährung so gern als unverzichtbar genannt werden. Wenn da nicht das zwar seit langem bekannte, aber von den Ratgebern stets beiseitegeschobene Problem Quecksilber wäre. Und gerade dieses Problem soll nun nach den Plänen der EU weitgehend gelöst werden – allerdings zu Gunsten der Fischindustrie und zum Schaden der Konsumenten.

Man weiß: Dass Fische mit Quecksilber belastet sein können, liegt vor allem an den in Gewässer und Meere geleiteten Industrieabwässern und dem Ausstoß aus der Kohleverbrennung. So gelangt es in die Nahrungskette und führt bei Fischen und Meeresfrüchten mittlerweile zu zum Teil extrem hoher Kontamination mit dem äußerst toxischen Methylquecksilber.

Dazu eine Feststellung der CONTAM, des Wissenschaftlichen Gremiums der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). In ihrem von der EU angeforderten Gutachten kam das Forschungsgremium für Kontaminanten in der Lebensmittelkette schon 2004 zum Schluss: „Aufgrund der Anreicherung von Quecksilber in der Nahrungskette weisen Raubfischarten, die am Ende der Nahrungskette stehen, wie Schwertfisch und Thunfisch, höhere Methylquecksilberbelastungen als andere Fischarten auf und stellen somit wesentliche Aufnahmequellen für den Menschen dar. Methylquecksilber ist besonders toxisch für das Nervensystem und das sich entwickelnde Gehirn. Deshalb gilt die Schwangerschaft als kritischster Zeitraum für die Methylquecksilber-Toxizität.“ Weshalb die EFSA und mit ihr Gesundheitsbehörden in etlichen Ländern gerade Schwangere sowie auch Frauen im gebärfähigen Alter, Kinder bis 10 Jahre und Risikogruppen vor übermäßigem Genuss dieser besonders belasteten Fische warnten.

Aber nun sollen, wie die Organisation foodwatch ans Licht brachte, die Grenzwerte des Nervengiftes für Fische am Ende der Nahrungskette wie eben Schwertfisch und Thunfisch von einem auf zwei Milligramm Quecksilber je Kilogramm Fisch, also um 100 Prozent, angehoben werden. Schon jetzt sind diese Fische aber so stark mit Quecksilber belastet, dass auf Grundlage der noch geltenden Grenzwerte etwa 50 Prozent der Fänge nicht verkauft werden dürfen. Nach Verdoppelung der Grenzwerte wären dann nur noch 14,5 Prozent unverkäuflich. Im Gegenzug für diese Lockerung will die EU, so heißt es, die Grenzwerte bei anderen Fischen von derzeit 0,5 Milligramm auf 0,1 Milligramm Quecksilber pro Kilogramm verschärfen. Capa-kaum merkt an: Der Großteil der kleineren dafür in Betracht gezogenen Fische wie etwa der Karpfen ist jedoch ohnedies kaum belastet…

Dagegen überschreitet etwa die Kontamination des Zanders aus dem Rhein die bestehenden EU-Normen um das 25-Fache, jene des Bodensee-Aals um das 23-Fache, und sogar die Forellen aus dänischer Aquakultur liegen laut einer vom WDR beauftragten Analyse um das 1,3-Fache darüber. Die Belastung durch Quecksilber variiert zwar von Land zu Land, die geschätzten Aufnahmemengen der europäischen Verbraucher liegen jedoch laut EFSA jetzt schon im oberen Bereich der international anerkannten Sicherheitsgrenzwerte.

Eigentlich gelten vor allem nur Karpfen, Seeteufel, Hering, Kabeljau und Flussbarsch als unbedenklich. Dagegen sollte man, den Hinweisen folgend, also jedenfalls neben dem Schwertfisch insbesondere auch den Zackenbarsch oder die Königsmakrelen überhaupt vom Speisezettel streichen. Und höchstens 2- bis 3-mal im Monat sollten Thunfisch, Heilbutt, Blaubarsch oder Meerforellen verzehrt werden.

Dennoch bereitet die EU-Kommission die Anhebung der Gefahren-Grenzwerte vor – obwohl man all das weiß und es auch erwiesen ist, dass die Aufnahme selbst kleinster Mengen von Quecksilber Nervenstörungen verursacht und auf Dauer zu Mattigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen und Entzündungen des Zahnfleisches führt. Auch Leber- und Nierenfunktionsstörungen und die Schädigung des Zentralnervensystems wie Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen und psychische Symptome wie Angst, Schreckhaftigkeit und Erregungszustände gelten als typisch. Und dass mittlerweile empfohlen wird, deshalb die vor einigen Jahren so heftig beworbenen Quecksilber-Sparlampen nicht zu verwenden, hat sich ebenfalls herumgesprochen.

Aber was soll’s, scheint die Devise der unheiligen Allianz zwischen Fisch-Lobby und EU-Experten zu sein – Hauptsache der kontaminierte Fisch kann verkauft werden.

4 Kommentare zu “Klammheimlich und unverfroren”

  • wibek 14. November 2015

    Die Rolle der EFSA ist sehr eigenartig. Sie soll für Lebensmittelsicherheit sorgen, setzt jedoch die Grenzwerte nach Belieben (der EU??) fest. Zum Beispiel auch für Glyphosat (=Unkrautvernichtungsmittel Roundup von Monsanto). Zwar hat die Internationale Krebsforschungsagentur das Mittel für die WHO erst vor ein paar Wochen als krebserregend eingestuft, aber die EFSA ist anderer Meinung und schlägt sogar für die Zukunft einen höheren Grenzwert für die tägliche Aufnahme als bisher vor (statt 0,3 Milligramm pro kg Körpergewicht auf 0,5. Unglaublich aber wahr!!

  • Lilli 13. November 2015

    Dein Artikel über Fisch&Co ist beängstigend! Ganz schlimm auch, dass die EU jetzt die Grenzwerte von Fructose/Glucose in (fast allen) verarbeiteten Lebensmitteln von 5 auf 20 % erhöht. Die Medizinindustrie braucht noch mehr Kunden…

  • Aquarius 13. November 2015

    Mir wird richtig schlecht, beim Lesen.

  • mondi 13. November 2015

    wenn ich das lese sind mir silberfische noch immer lieber als quecksilberfische 🙂

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