Irreal real

Posted in Blog, Blog Angemerkt mit 6 Kommentare

Sep2015 29

Kann ein denkender Mensch überhaupt noch mit dem umgehen, was rundum geschieht? Capa-kaum meint damit nicht nur die Flüchtlingsfrage, aber vor allem natürlich sie. An dieser Stelle braucht und soll nicht wiederholt oder ergänzt werden, was hier bereits vor Monatsfrist über „Europas Wendezeit“ geschrieben wurde. Oder was täglich zu lesen oder zu hören ist. Aber…:

Wie ist es möglich, dass angeblich erfahrene Staatsmänner und-frauen so hilflos einer Entwicklung gegenüber stehen, die schon viele Monate lang absolut absehbar war? Wenn schon über die Unterbringung und Integration von, zugegeben, mittlerweile vielen Hunderttausend Menschen kein Plan als Organisierungshilfe vorbereitet war (und das, wohlgemerkt, nicht einmal bei den Hilfsorganisationen, denen man das doch jedenfalls zumessen sollte) – was haben dann diese PolitikerInnen in ihren Schubladen für andere Ausnahmefälle?

Denn sie wissen ja von einem Tag zum nächsten nicht, was sie tun sollen. Grenzzaun aufbauen, nach ein paar Stunden wieder abbauen. Militär an die Grenze, dann wieder zurück, dann wieder hin. Züge zum Transport von Flüchtlingen bereitstellen, dann wieder nicht, dann wieder schon, vielleicht ein paar am Tag – oder weniger.

Ein entsetzliches Bild europäischer nationaler Politik. Kroatien gegen Serbien, Ungarn gegen Serbien, die EU gegen Ungarn, Ungarn gegen Österreich und Deutschland, Tschechien und die Slowakei gegen Deutschland und die EU usw. usw. Dass die EU in ihrer bisherigen Form nur noch auf dem Papier besteht, ist seit der Weigerung einiger Staaten Flüchtlinge aufzunehmen ohnedies klar. Ach ja: Da gibt’s ganz oben in der EU noch den in der Flüchtlingsfrage so besonders Schweigsamen – wo sind eigentlich die zündenden politischen Handlungen des Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker? Als Cheflobbyist der EU in Sachen Asylproblematik gegenüber den Mitgliedsstaaten taugt er sichtlich nichts, er hat sich nach Ablehnung seines seinerzeitigen Flüchtlingsquoten-Vorschlags frustriert zurückgezogen.

Anmerkung für Capa-kaums österreichische LeserInnen: In der rotweißroten Politikszene, in der sich die meisten Bundesländerhäuptlinge monatelang so verhalten haben wie Ungarn, Tschechien & Co auf EU-Ebene, agiert die Regierung nicht minder hilflos (und abhängig vom Goodwill Ungarns und Deutschlands) und hat sich offenbar einen alten Kinderreim zum Lösungsprinzip der Asylfrage hergenommen: „Konrad, sprach die Frau Mama, ich geh fort und du bleibst da.“ Und der Genannte sorgt wenigstens für die eine und andere Lagerhalle, wo man Asylbewerber zumindest unterbringen kann, hat aber keine wirkliche Lösung parat.

Täglich kommen ein paar Tausend Menschen aus dem Nahen Osten, aus Afrika, Afghanistan und Pakistan über die Grenzen der EU. Einige Hunderttausend sind es in diesem Jahr bereits, bis Jahresende wird es weit über eine Million sein. Und abgesehen davon, dass die Meisten von ihnen ins gelobte Land „Germany“ wollen und einige Tausend in Österreich und anderen Ländern bleiben: Die Entwicklung der letzten Wochen hat es selbst hartnäckigen PolitikerInnen gezeigt: Das Aussitzen von Problemen funktioniert in der Flüchtlingsfrage nicht mehr.

Aus allen politischen Lagern mehren sich die Stimmen, die (Capa-kaum meint: zu Recht) thematisieren, dass Europa sein durch die Aufklärung vor einem Vierteljahrtausend aufgebautes Wertebild nicht dem Strom von in diesem und wohl auch in den nächsten Jahren vielen Hunderttausenden mit ganz anderen Wertvorstellungen – von der Stellung der Frau über den sozialen Umgang miteinander bis zur Bedeutung religiöser Dogmen – opfern darf. Dazu kommt die ökonomische Komponente – wie hat es Deutschlands Bundespräsident Gauck als unverdächtiger Zeitzeuge nun sagen müssen: „Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Industrie und Wirtschaft versuchen dennoch heftigen Druck zu machen. Sie wittern viel mehr die Chance auf billige Arbeitskräfte als auf die gerne angesprochenen „Hochqualifizierten“. Arbeitsmarktexperten sprechen jetzt bereits von dadurch steigender Arbeitslosigkeit und steigenden Kosten im Sozialbereich, denn vor der Integration in Arbeit und Leben ist das Erlernen der Sprache unerlässlich. Ein ökonomisch-soziologisches Dilemma, aus dem die Politik keinen echten Ausweg hat.

Großes Wehklagen der regierenden Politik jedoch, wenn „ihr“ Volk mit solchen Zuständen unzufrieden ist – und die Rechtspopulisten fröhliche Urständ‘ feiern (um diesen alpenländischen Ausdruck zu verwenden). Keine gute Entwicklung für ein Europa, das gemeinsam zusammenwachsen wollte. Aber das ist ohnedies seit den jüngsten Ereignissen tatsächlich Vergangenheit.

Für den politisch bewussten, denkenden Betrachter der Lage stellt sich die gegenwärtige Situation seltsam irreal dar. Und ist doch real. Ein Trauerspiel, für das die Politik verantwortlich ist und das die Gefahr in sich birgt, üble und nachhaltige gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zu ziehen.

Gerne sagt man bei solchen Gelegenheiten: Ich denke, ich bin im falschen Film. Nein, sorry. Wir sitzen erste Reihe fußfrei und vor uns läuft genau der Film ab, der für uns bestimmt ist, hier und jetzt. Aufstehen, fortgehen oder gar weglaufen gibt’s nicht. Wir sind Teil dieser Veranstaltung, in jeder Hinsicht – ob wir’s wollen oder nicht. Und deshalb ist jeder Einzelne gefordert, schonungslos mitzudenken und sozial vernünftig mitzugestalten, wie dieses Europa in Zukunft aussehen soll.

 

6 Kommentare zu “Irreal real”

  • Aquarius 1. Oktober 2015

    Viele Fehler von Anfang an. Die EU hätte selbstverständlich, mit allen zuständigen Organisationen, die Nachbarländer Syriens (vor allem finanziell) unterstützen müssen. War z.B. der Türkei seitens der EU auch zugesagt. Die Flüchtlinge hätten „grenznah“ Quartier beziehen können und ein schnelles, ordentliches Asylverfahren bekommen müssen. Und man hätte viel eher doch mit den arabischen Nachbarn Syriens auf internationaler Ebene diese unhaltbaren Zustände verhandeln und überlegen müssen. Jeder Schritt, der bisher getan wurde, war absolut falsch. Wir haben unsere Balance, sozial und ökonomisch längst verloren.

  • d. 30. September 2015

    Es wird auch eine Sozialleistungs-Konkurrenz zwischen den Sozialhilfeempfängern gezüchtet, die eine Begründung für weiteren staatlich organisierten Abbau der sozialen Absicherungen für Erwerbslose lieferen (soll und) kann! Denn die in der Masse eingeflohenen Billigarbeitskäfte könnten sich als billiger herausstellen und öffentlich gern als arbeitswilliger dargestellt werden als die bisher hier (in D, über Österreich weiß ich da viel zu wenig) lebenden Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosen. Im zweiten Schritt ist es dann leichter zu sagen: wir gewinnen die Unterstützung der Wirtschaft eher für Sprachkurse der arbeitswilligen Eingeflohenen als für die faulen und bequemen Alt-Eingesessenen, die unsere Sozialsysteme belasten… Das Teure an der Integration der „Neuen“ in den Arbeitsmarkt, sind NICHT die Sprachkurse! Wenn wir das nicht sehen, wird es nicht nur den Deutschen sondern auch Europa sehr teuer zu stehen kommen in einer Form, die in Geld-Maßen nur für die Großwirtschaft zu Buche schlägt! Herr Gauck hätte vielleicht lieber sagen sollen, dass trotz der weiten Politikerherzen die Politik mit ihren Möglichkeiten gegenüber den Wirtschaftsimperien am Ende ist… Wie gewohnt von ck eine beinahe irreal realistische Zusammenfassung der aktuellen Situation in Europa – Danke.

  • Capa-kaum 29. September 2015

    @Tom: Christian Konrad, Ex -Banker und Ex-Landesjägermeister, ist Österreichs Flüchtlingskoordinator

  • Tom 29. September 2015

    An Capa-kaum: Was hat es mit „Konrad“ auf sich?

  • titular 29. September 2015

    Ich empfehle dazu auch die Äußerungen von CDU-Vize Frau Klöckner

  • Herbert53 29. September 2015

    Vergessen: Es gibt immer mehr Konflikte und Schlägereien unter den Asylwerbern!

Kommentar senden

Jeder Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschalten.
Nähere Hinweise dazu im Urheberrechtshinweis.

Zum Weiterdenken

Aus den Erfahrungen unserer Vergangenheit schöpfen wir unsere Klugheit für die Gestaltung unserer Gegenwart und unsere Weisheit für unsere Vorhaben in der Zukunft.

  • rss
  • rss
  • rss
  • rss
Info-Mail

Capa-kaum sendet Ihnen seine Info-Mails, wenn Sie hier Ihre E-Mail-Adresse eingeben.