Zwei Querköpfe und Aufreger haben sich in Berlin zusammen getan, um der Gesellschaft von heute einen Zerrspiegel vorzuhalten. Das kann man mögen oder auch nicht. Und deshalb löst Freedom and Democracy – I hate you von Mark Ravenhill, inszeniert von Claus Peymann durchaus unterschiedliche Reaktionen aus. Das konventionelle „Feuilleton“ hat, wie Capa-kaum feststellte, gleich einmal an etlichen Details der Inszenierung kein gutes Haar gelassen und kritisiert, dass dieses aus elf Szenen zusammengefügte Stück besser auf eine kleine Werkstattbühne passen würde. Währenddessen bejubelt das Publikum im Berliner Ensemble jede Aufführung dieser zeitgeistigen, immer wieder gewollt überdrehten Szenenfolge.

Sicherlich wird es stellenweise schrill, wie der britische Trash-Drama-Autor Ravenhill mit teilweise bösem Witz und durch Peymann und seinem zur Hochleistung getriebenen Ensemble verstärkter Groteske die politischen und persönlichen Neurosen unserer Gesellschaft darstellt. „Wir sind die Guten“ rufen sie gleich zu Beginn programmatisch ins Publikum. Dieses Leitmotiv begleitet den ersten Teil mit Alltagsterror, Alltagshysterie, Ängste und Intoleranz gegen Nachbarn und Partner – die Kriege haben sich in den Köpfen festgesetzt. Im zweiten Teil verstärkt sich dieses „Gutsein“ – zum Missionieren der Welt mit Freiheit und Demokratie. Die Sinn-und Aussichtslosigkeit der Gegenwartskriege der USA wird zum beherrschenden Thema, mit Folterung, Verzweiflung, Gewaltbereitschaft.

Vor allem Christian Grashof, Corinna Kirchhoff und Swetlana Schönfeld sorgen für schauspielerische Sternstunden. Sie schaffen ein Mosaikbild, das aus einer Wohlstandsneurotikerin ebenso besteht wie aus der Unterschichtmutter eines im Kriegseinsatz gefallenen Sohnes. Das die Angstträume eines Wohlstandskindes ebenso darstellt wie die Verzweiflung der Soldaten und von den „Guten“ „Missionierten“.

Ravenhills Anliegen formuliert er selbst im Kommentar zu der von Peymann gewünschten Titelwahl für die deutsche Erstaufführung: „Heutzutage sind diese beiden Schlagwörter, die in meinen Stücken ziemlich oft in den Mund genommen werden, doch nichts als leere Worthülsen… Ich glaube, Freiheit und Demokratie – das sind so wichtige Begriffe, dass man sie äußerst bewusst, äußerst selten und äußerst präzise einsetzen müsste.“ Politisches Theater, das – so meint Capa-kaum – der Tradition des Berliner Ensemble tatsächlich gut ansteht.

Freedom and Democracy – I hate you (Mark Ravenhill). Berliner Ensemble. Regie: Claus Peymann. U.a. mit: Christian Grashof, Corinna Kirchhoff, Swetlana Schönfeld, Veit Schubert, Ursula Höpfner-Tabori, Friederike Kammer, Harald Windisch, Georgios Tsivanoglou.

1 Kommentar zu “Intoleranz und Ängste”

  • titular 6. November 2010

    Dennoch ist mir die Demokratie noch lieber als alle anderen politischen Formen.

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