Pollesch ist Pollesch – ist … schwierig für Nicht-Kenner von Pollesch. Zugegeben: Man muss sich einhören in seine Form, intellektuellen Diskurs vor dem Publikum auszubreiten. Dann kann es nämlich äußerst unterhaltsam sein, was da auf der Bühne geboten wird.

Na gut, die 90 Minuten tragen den Titel Carol Reed, haben aber eigentlich mit dem Oscar-Preisträger und Regisseur des Kultfilms Der dritte Mann bis auf wenige, nur bei genauem Hinsehen und Hinhören erkennbare Zitate nichts zu tun. Dafür umso mehr mit Alfred Hitchcock, der (nicht vorhandenen) Bühnenausstattung und (natürlich) mit dem Leben – von Selbstmordsehnsucht bis Glücksgefühl, von Genieanspruch bis Drogenrauch. Und vor allem mit MacGuffin, jenem vagen Ding, das die Handlung in Gang setzt, um das die Schauspieler bemüht sind, das aber vom Publikum unentdeckt bleibt (eine Hitchcocksche Wortkreation).

Ja: Für Pollesch-Unerfahrene ist Pollesch eine Herausforderung (sogar für so manchen Kulturkritiker, der erstmals mit dieser Art der Theatermache konfrontiert ist). Dabei ist die jüngste Pollesch-Arbeit, die eben im Wiener Akademietheater uraufgeführt wurde, vielleicht die „gegenständlichste“ der letzten Jahre. Da kann man mitdenken, verliert sich nicht (wie so oft bei Pollesch) in komplexen Satzungetümen, die von klugen philosophischen und/oder gesellschaftspolitischen Autoren niedergeschrieben und von Pollesch verdichtet wurden. Hier ist etwa die Rede vom Selbstmord, den alle Vier auf der Bühne eigentlich vorhätten, ihn aber nicht ausführen können, weil sie „doch um halb Acht einen Termin miteinander haben“.

Zu einfach gedacht wäre es zu meinen, in Carol Reed würde einfach zu lange darüber diskutiert, dass die (wegen ihres Minimalismus gefeierte) Bühnenbildnerin Katrin Brack „ihr gesamtes Bühnenbild mitgenommen“ habe. Übrig blieben nackte Wände und ständig auf- und niederfahrende Schweinwerferbrücken – und die Suche nach „dem Ding“, das nicht zu sehen ist. Ein typischer MacGuffin dieses Stückes eben und ein virtuos gedrechselter Gedankenkreis, überhaupt wenn gegen Ende der wunderbare Martin Wuttke als „MacGuffin“ um die wunderbare Birgit Minichmayr herumhüpft und sie ihn nicht einmal ignoriert.

Klar: Capa-kaum mag die unterhaltsame Intellektualität, hat deshalb schon etliche Polleschs gesehen und ist daran gewöhnt, dass die Souffleuse auf der Bühne mit dabei ist – wer kann sich schon die in kompakte Form gegossenen Gedanken bis ins letzte Detail merken? Ach wie gut, dass Pollesch Einsehen zumindest mit seinem Publikum hat und daher wie immer ganze Passagen wiederkehren lässt.

Carol Reed (René Pollesch). Akademietheater, Wien. Regie: René Pollesch. Mit: Martin Wuttke, Birgit Minichmayr, Irina Sulaver, Tino Hillebrand.

1 Kommentar zu “Intellektuell unterhalten”

  • AusderTonnemitBlick...aufdenSpot 30. April 2017

    Na, dann ist das doch für Pollesch richtig gut mit Brack zusammenzuarbeiten, wenn das seine Arbeit eben auch ein bisschen verändert, weil er einen anderen Impuls entwickeln muss auf eine Bühnensituation, die ihm „gegenständlicheres“ Denken und Textarbeit abverlangt. Solche sehr engen Zusammenarbeiten Bühnenbild/Regie sollten nach einer Serie von 3 oder 4 Arbeiten immer schon aus Interesse an eigener Weiterentwicklung aufgebrochen werden. Deshalb kann man ja nach einiger Zeit wieder neu zueinander finden und wieder eine kleine Zusammenarbeitsserie machen- nur wer sich ändert, kann sich eigentlich richtig treu bleiben- Vielleicht.

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