In der Scheinwelt

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Sep2015 11

Schnell kann es gehen, dass das Haus der heilen Welt Risse bekommt und einzustürzen droht. Gut hat man sich’s doch eingerichtet im Leben, als Einzelner, als Gesellschaft – aber plötzlich bringt ein unerwartetes Ereignis alles ins Wanken. Mit einem Mal zeigt sich, was bisher in alten Freundschaften von beiden Seiten unter den Teppich gekehrt wurde, versucht Jeder, seine eigene Haut zu retten, ist die Idylle dahin. Und als sich herausstellt, dass man getäuscht wurde, dass alles nicht so ist wie es schien, nimmt man es vorerst gar nicht zur Kenntnis. Will in der gerne gelebten Scheinwelt bleiben – allzu menschlich, doch nicht realisierbar.

Vor genau 180 Jahren hat Nikolaj Gogol die Komödie Der Revisor geschrieben und jetzt hat es der vielfach gefeierte Regisseur Alvis Hermanis am Wiener Burgtheater sträflich verabsäumt, daraus eine zeitnahe Inszenierung zu machen. Stattdessen bietet die erste Premiere der neuen Spielsaison des eben zum Theater des Jahres gewählten Hauses eine Aneinanderreihung von Slapstick-Szenen, in denen die durchaus auch heute geltenden Aussagen der Vorlage zu großen Teilen untergehen oder gar nicht herausgearbeitet werden. Was hätte es für herrliche Möglichkeiten gegeben, den Bogen der Korruption und der provinziellen Kungelei vom Russland des Jahres 1835 ins Österreich des 21. Jahrhunderts zu spannen!

Capa-kaum stellt klar: Nicht immer ist er dafür, dass bekannte, oft gespielte Stücke in die Regiemangel genommen und mit aktuellen Bezügen versehen werden. Doch bei einem Stoff wie diesem bietet sich das ohne besondere Umwege gleichsam auf dem Silbertablett an. Hat man in Wien ja auch schon vor einigen Jahren am Theater in der Josefstadt exzellent dargeboten gesehen. Dort agierte unter anderem mit Heribert Sasse ein schmieriger Bürgermeister aktuellen Zuschnitts, während nun am Burgtheater Michael Maertens zwar großartig alle Register seines vielschichtigen Könnens spielen darf, jedoch in der situativen Groteske ohne weiteren Anspruch gefangen bleibt. Ist ja auch so von der Inszenierung vorgegeben, allein schon durch die herrlich Comic-haften Kostüme und ein hübsches, aber langatmiges chorisch-orchestrales Töpfeklappern zu Beginn und plötzlich auch wieder mitten im Stück.

Ja, man kann sich zeitweise schon gut unterhalten. Doch allzu deutlich wird trotz des Bühnen-, Kostüm- und Regieaufwands bewusst, dass der Inhalt des Stückes dünn ist und die vier Stunden des Abends einfach nicht trägt (obwohl seit der Premiere vor einer Woche bei der von Capa-kaum besuchten vierten Aufführung schon um eine gute halbe Stunde gekürzt wurde). Dazu noch die manchmal fast unerträgliche Dehnung von Szenen und (besser zu streichenden) Textpassagen. Da können auch das bis in die letzte Nebenrolle sehr intensiv agierende Ensemble und die immer wieder auf der Bühne auftauchenden drei großen (echten) Hühner nichts retten. Zwei Stunden täten’s auch, aber dagegen steht doch wohl die in vielen Details merkbare Absicht von Regisseur und Theater, mit dieser Inszenierung kraft ihrer zur Schau gestellten Originalität Preise einfahren zu wollen und doch hoffentlich wieder zum Berliner Theatertreffen eingeladen zu werden.

Wie war das mit der Scheinwelt?

Der Revisor (Nijkolaj Gogol). Burgtheater, Wien. Regie: Alvis Hermanis. U.a. mit: Michael Martens, Fabian Krüger, Maria Happel, Dörte Lyssewski, Oliver Stokowski, Falk Rockstroh, Johann Adam Oest, Brigitta Furgler.

1 Kommentar zu “In der Scheinwelt”

  • d. 13. September 2015

    Ach, ist das so berechenbar geworden mit diesen Einladungen zum Theatertreffen nach Berlin? Das habe ich gar nicht gewusst. – Danke Capa-Kaum. Ich schätze Deine knappen Lage-Schilderungen und Bestandsaufnahmen ja ungemein, nur manchmal denke ich, dass Du bei den kulturellen Themen die Zeitläufte etwas außer Blick verlierst. Dass find ich gut, ich verliere sie viel zu selten aus dem Blick. Und dann ist Deine Seite für mich oft ein Regulativ gewesen. Z.B. diese alten Freundschaften… Was von Ferne nach Schein aussieht, war doch einmal auf Nähe ein Sein? Wir ändern uns und die alten Freunde sich auch. Manche rücken weiter weg, manche näher ran. Manches, was heute unter den Teppich gekehrt auschaut, war in jüngeren Jahren vielleicht nur nachlässig vergessen? – Hofft man. – Zuletzt enttäuscht war ich vom Burgtheater von einem Gespräch – ich erinnere „Kurier“. Da sagte Frau Bergmann, sie habe nach ihrem ersten Jahr „Blut geleckt“ – Wessen? schoss es mir da durch den Kopf… Vielleicht hat’s nur der Kurier so verzapft – zu wünschen wär’s.

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