Oft sind es gerade die unerwarteten Begegnungen, die bleibenden Eindruck hinterlassen. So wie jene Episode, an die sich Capa-kaum immer wieder erinnert, obwohl sie schon einige Zeit zurückliegt.

Es war in einem jener kleinen Orte am Mittelmeer, deren Strandpromenade in der langsam untergehenden Sonne das Zentrum der Welt zu sein scheint. Und mitten in diesen abendlichen Menschengewühl sah ich sie, langsam ihren Weg suchend, scheinbar etwas scheu, aber zugleich irgendwie selbstbewusst um sich blickend, jedenfalls – wie es mir schien – darauf bedacht, ungestört zu bleiben.

Der Kontakt unserer Augen dauerte kaum ein paar Sekunden, ehe ich vom Menschenstrom weitergezogen wurde. Diese leicht zusammengekniffenen Augen, aus denen die grünen Pupillen so markant hervorleuchteten, ließen mich, das gebe ich zu, in den nächsten Minuten nicht mehr los, hatten sie mich doch so sehr in Besitz genommen, dass ich – wie ich jetzt merkte – alles andere an ihr nicht zur Kenntnis genommen hatte. War sie eigentlich groß oder klein, schlank oder dicklich gewesen?

Geht es Ihnen, liebe unermüdliche Konsumenten der Capa-kaum’schen Zeilen, manchmal nicht ebenso, dass sie derartiges Unsicheres auf der Stelle konkretisieren wollen? Mir war es jedenfalls ein zwingendes Bedürfnis umzukehren. Was hatte sie an sich, dass sie mich so sehr in den Bann gezogen hatte? Waren es bloß ihre Augen? Oder war es die Ausstrahlung ihres Selbstbewusstseins mitten in diesem Trubel achtlos flanierender Menschen?

Es dauerte eine Weile, ehe ich sie neuerlich vor mir sah. Sie hatte sich mittlerweile entschieden, das Menschengewühl zu verlassen, und war auf den Steinen, die zwischen dem Wasser des kleinen Hafens und der Uferpromenade aufgeschichtet lagen, ein Stück hinabgestiegen. Und, obwohl ich sie nun in ihrer ganzen Zierlichkeit wahrnahm, würdigte sie mich keines Blickes mehr. Sie war schließlich dorthin zurückgekehrt, wo sie sich sichtlich wohler fühlte: Im Kreis der anderen Katzen auf der Mole.

1 Kommentar zu “In den Bann gezogen”

  • h.diehl 28. Juni 2013

    …….kenne ja die Mole! Superschön erzählt. !! Liebe Grüsse

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