Gut ist es, dass gerade jetzt, in diesem politisch so unruhigen Jahr 2014, der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren Anlass gibt zu analysieren, wie es zu diesem ersten totalen Krieg der Weltgeschichte kam, welche politischen und wirtschaftlichen Interessen mit im Spiel waren und in welche weit reichenden Auswirkungen Europa und die Welt durch Fehlverhalten, Machtstreben, Willkür und Ehrgeiz hineinschlitterte. Hervorragende Ausstellungen sind es wert besucht zu werden: Neben der klug zusammen gestellten Schau in der niederösterreichischen Schallaburg (siehe Capa-kaums Blog „Eigentlich bedrückend“) ist es vor allem die umfassende Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin, die einen Einblick in die damalige Gedankenwelt, in politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und militärische Zusammenhänge ermöglicht.

Eine echte Ergänzung findet parallel auf etlichen Theaterbühnen statt. Wobei Capa-kaum eine Besonderheit hervorheben will, die gegenwärtig sowohl in London als auch in Berlin zu sehen ist: Das ungewöhnliche Theaterstück War Horse, zu Deutsch: Gefährten. Das ist, zugegeben, eine melodramatische Story, deren Highlight die sensationellen lebensgroßen Pferdepuppen sind, deren Konstruktion von jeweils drei Akteuren in vollkommener Illusion mit Bewegung und Geräusch zum Leben erweckt wird. Der Hintergrund aber ist die Rolle, die Pferde noch im Ersten Weltkrieg im militärischen Einsatz gespielt haben: In der Kavallerie als Reittiere und für den Transport als Zugtiere. Gerade in verwüsteten Kampfgebieten waren Pferde damals gegenüber motorisierten Fahrzeugen immer noch die zuverlässigeren Transporthelfer.

1914 gab es in der britischen Armee nahezu 500.000 Pferde, im deutschen und im französischen Heer jeweils etwa 700.000. Da niemand mit einem solch langen und verlustreichen Krieg gerechnet hatte, mussten ab 1915 fast ununterbrochen Hunderttausende weitere Pferde requiriert und auch aus Übersee angekauft werden – letzten Endes betrug die Gesamtzahl der im Ersten Weltkrieg eingesetzten Pferde fast 16 Millionen.

Als „die vergessenen Helden“ werden diese War Horses, diese „Schlachtrösser“, in den Dokumentationen zum Ersten Weltkrieg bezeichnet. Denn sie waren nicht nur den damals erstmals breitflächig eingesetzten Mitteln der Militärtechnik – wie Maschinengewehren, Giftgas und Panzern – nahezu schutzlos ausgesetzt, sondern litten auch mit Fortdauer des Krieges zunehmend an Mangel ausreichender Ernährung und Überanstrengung. Insgesamt starben acht Millionen Pferde im Verlauf des Ersten Weltkriegs.

Wie erwähnt: Die Besonderheit der vielfach prämiierten Londoner Produktion War Horse (und auch der Gefährten in Berlin) sind die von südafrikanischen Spezialisten entwickelten Pferdepuppen, die aus Rattan, Leder und Metall bestehen, lebensecht beweglich sind, über 70 Kilogramm wiegen und dank ihres Rückens aus Aluminium auch die Reiter tragen können. Es lohnt sicherlich mehr, die Londoner Inszenierung zu sehen – sie ist authentischer, wenn es um die Kriegsgeschehen zwischen Briten und Deutschen geht. Und überhaupt bietet London noch eine weitere Hommage an die „Schlachtrösser“: Ein, von eiligen London-Besuchern trotz seiner Größe meist übersehenes, eigenes Denkmal am Rande des Hyde Parks, an der Park Lane.

1914-1918. Der Erste Weltkrieg. Deutsches Historisches Museum, Berlin. Bis 30. November 2014. Täglich 10 – 18 Uhr.

Ausstellung Jubel & Elend – Leben mit dem großen Krieg 1914-1918. Schallaburg bei Melk. Bis 9. November 2014. Montag – Freitag 9 – 17 Uhr, Samstag, Sonn- und Feiertag 9 – 18 Uhr.

War Horse (Michael Morpurgo, Nick Stafford). New London Theatre.

Gefährten (Deutsche Adaptierung: John von Düffel). Theater des Westens, Berlin.

Animals in War Memorial. Hyde Park, London (Upper Brook Street Gate an der Park Lane).

Kommentar senden

Jeder Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschalten.
Nähere Hinweise dazu im Urheberrechtshinweis.

Zum Weiterdenken

Aus den Erfahrungen unserer Vergangenheit schöpfen wir unsere Klugheit für die Gestaltung unserer Gegenwart und unsere Weisheit für unsere Vorhaben in der Zukunft.

  • rss
  • rss
  • rss
  • rss
Info-Mail

Capa-kaum sendet Ihnen seine Info-Mails, wenn Sie hier Ihre E-Mail-Adresse eingeben.