Reizvoll für einen Vergleich: Zweimal Shakespeare in Berlin in ungewöhnlichen Inszenierungen. Mit den derzeit zwei wohl herausragenden Protagonisten der Berliner Theaterszene. Im Deutschen Theater gibt Ulrich Matthes den Macbeth, in der Schaubühne ist Lars Eidinger Richard III. Und – für jene, die gerne hinter den Worten lesen – zeigt Capa-kaums Wortwahl schon auf, wer hier als klarer Sieger hervorgeht.

Der Sieg hat viele Väter, sagt man, und in der Niederlage ist der traurige Held stets allein. Das gilt in dieser Form ein wenig auch für diesen Vergleich schauspielerischer Figurenkraft. Doch der Reihe nach. Beides sind blutschwere Königsdramen, voll von Intrigen, Machtgelüsten und Bosheit. Aber welche Unterschiede der Inszenierung!

Erstens: Thomas Ostermeier hat für Richard III. in seine Schaubühne gleichsam ein Gesamtkunstwerk gesetzt – vom eigens in elisabethanischem Stil aufgebauten und an Shakespeares Globe-Theatre erinnernden Zuschauerraum über die nüchtern-einfache und doch inspirative und lebendig genützte Bühnengestaltung bis zur Konzeption der Figuren. Dagegen für Tilmann Köhlers Macbeth: Ein in den Bühnenhintergrund sich verengender Holzcontainer, der an etliche andere, dramaturgisch sinnvollere Bühnenbilder erinnert – ein Hingucker für 10 Sekunden, nicht mehr.

Zweitens: Der Text. Köhler arbeitet mit der 200 Jahre alten Übersetzung von Dorothea Tieck – mühsam für Schauspieler und Publikum die oft gezwungenen Verssätze. Bei Richard III. dagegen eine von Hausdramaturg Marius von Mayenburg flapsig modern und gekonnt geführte Übersetzung, die den Schauspielern viele Freiräume lässt, die sie auch exzellent nützen. Allen voran Lars Eidinger.

Somit drittens: Die Titelfiguren. Vorweg: Dass der großartige Ulrich Matthes immer wieder für glanzvolle Theaterabende sorgt ist unbestritten. Dass er als Macbeth jedoch dem Verständnis der Figur fern erscheint, ist sicherlich zu gutem Teil ihm selbst zuzuschreiben, nicht zuletzt aber auch der Art der Inszenierung: Eine Macbeth-Aufführung, in der kein Tropfen (Theater-)Blut zu sehen ist, wird einfach dem Shakespeare-Realismus nicht gerecht. So wirkt alles distanziert, klinisch sauber, bleibt Matthes lamoyant, auch wenn er – wohl eher seine eigene Unzufriedenheit in der Rolle als seine Verzweiflung als Macbeth – aus dem Holzkobel ins Publikum schreit. Dagegen lässt man sich bei Ostermeiers Inszenierung gern ganz auf Lars Eidingers Richard III. ein. Eidingers mittlerweile kultiger Hamlet schien kaum überbietbar, doch jetzt zeigt er als Richard III. eine Fülle neuer Facetten seines Könnens. Er nimmt als unsteter Tiger den gesamten Theaterraum in Besitz und lässt die gefährliche Kraft seiner Figur auf sein Publikum überspringen. Matthes lässt zwar in der Ruhe seines Gesichts wie gewohnt in seine abgrunddunklen Augen blicken – doch im Gegensatz zu vielen anderen glanzvollen Bühnenerlebnissen mit ihm ist diesmal in der Tiefe nichts zu finden. Dagegen erweckt Eidinger in seinem jungenhaften Gesicht alle Register der Emotionen.

Schließlich: Auch die wichtigen Frauenrollen zeigen völlig unterschiedliche Aspekte. Ist Eva Meckbach als Elizabeth eine hervorragende Unterstützerin der Eidingerschen Schauspielkunst, spielt Maren Eggert als Lady Macbeth Ulrich Matthes klar an die Wand. Und das trotz der zum Teil hanebüchenen, oft an eigentümlich simple Ideen aus dem ersten Jahrgang der Schauspielschule erinnernden Inszenierung. Und die Inszenierungen geben auch in einer anderen Form der Titelfigur Hilfe (im Richard III.) oder Chancenlosigkeit (Macbeth) mit: In beiden Fällen haben die Schauspieler in den Nebenrollen in jeweils mehrere Figuren zu schlüpfen – bei Ostermeier mit klaren Konzept und Verständlichkeit für den Zuseher, bei Tilmann Köhler ein unverständliches Knäuel verschiedener Menschen.

Capa-kaums Fazit: Richard III. ist für Theaterfreunde in Berlin ein Muss (und wird sicherlich, wie Hamlet, weltweit in Gastspielen für Furore sorgen), Macbeth hingegen ist eine vergebene Chance – denn, ach, sie könnens doch am Deutschen Theater eigentlich besser.

Richard III. (Shakespeare). Schaubühne, Berlin. Regie: Thomas Ostermeier. U.a. mit: Lars Eidinger, Eva Meckbach, Moritz Gottwald, Jenny König, Sebastian Schwarz.

Macbeth (Shakespeare). Deutsches Theater, Berlin. Regie: Tilmann Köhler. U.a. mit: Ulrich Matthes, Maren Eggert, Felix Goeser, Elias Arens, Thorsten Hierse.

2 Kommentare zu “Globe-Theatre vs. Holzkobel”

  • Aquarius 10. April 2015

    Kann ja mal passieren, dass auch ein ganz Großer des Theaters an der Rolle scheitert. Ich freue mich schon auf die nächste Premiere mit Ulrich Matthes und verzeihe ihm sein Versagen bei Shakespeare. Macbeth kann ohne Blut nicht funktionieren, schaurig, aber leider wahr…..

  • Willi L. 9. April 2015

    Unglaublich wie so etwas wie Macbeth am Deutschen Theater passieren kann! Ich habe nur Gebrüll und Lärm gehört, die Schauspieler deklamieren den Text und weshalb Lady Macbeth verrückt wird, weiß niemand. Dass sich Matthes für solch einen Inszenierungsflop hergibt ist unverständlich. Aber man merkt es ihm an, wie sehr er neben sich steht.

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