Capa-kaum muss an dieser Stelle die elementare Frage stellen: Welcher Mann kann von sich schon behaupten, wirklich ein „Frauenversteher“ zu sein? Weshalb diese Frage, mag da jemand fragen.  Tja, weil immer wieder und gerade in letzter Zeit auf Berliner Bühnen bemerkenswerte Stücke zu sehen sind, deren ursprünglich männliche Hauptrollen mit Frauen besetzt wurden. Beste Beispiele der letzten Jahre: Die Herren Armin Petras („Kaufmann von Venedig“) und Luk Perceval („Anatol“, Schaubühne) gerieren sich jedenfalls als „Frauenversteher“ und Jette Steckel („Othello“) lässt es sie glauben.

Nun muss Capa-kaum sofort seines theatergeschmacklich überaus konservativen Freundes B. gedenken. Denn er hat – Gottseidank für ihn – bisher keine der drei Inszenierungen zu Gesicht bekommen. Er hätte nämlich wohl jeweils spätestens nach zehn Minuten, vielleicht auch nach zwölf, seinem persönlich empfundenen Unmut durch mehrere Buh-Rufe freien Lauf gelassen und sich nach weiteren zehn, vielleicht auch zwölf Minuten – je nach Tagesverfassung – seinen Weg aus dem Saal gebahnt.

Nach einer Auszeit von mindestens drei Tagen hätte er Capa-kaum angerufen und ihm Fragen wie diese gestellt: Weshalb lässt Petras sowohl Kaufmann Antonio als auch Finanzhai Shylock von Frauen (Cristin König und Regine Zimmermann) darstellen? Was hat Shakespare der guten Steckel getan, dass sie ihren Othello in Frauenkleider steckt? (Capa-kaum würde B. zumindest sagen: Ein Glück aber, dass Othello von der großartigen Susanne Wolff Leben eingehaucht wird.) Capa-kaum hätte ihm bei dieser Gelegenheit jedenfalls seine – für ihn sicherlich unbefriedigende und für Vertreterinnen emanzipierten Frauenbildes zu Recht ärgerliche – Erklärung dieses Bühnenphänomens angeboten: Frauen eignen sich, so scheint es, nicht nur auf den Covers bunter Hochglanzmagazine als verkaufsfördernde Schauobjekte, sondern offenbar – wie die Erfahrung zeigt – ebenso verkaufsfördernd für Theaterstücke, wenn sie in von den Schöpfern eigentlich für Männer geplanten Rollen besetzt sind.

Möglicherweise hätte der leidende Freund B. zumindest bei Percevals seinerzeitiger Anatol-Inszenierung an der Schaubühne (die seit seinem Weggang leider nicht mehr dargeboten wird) eine Argumentation nachvollzogen: Dass nämlich die wunderbare Jule Böwe in dieser Rolle klar gemacht hat, dass ein Anatol-Verhalten nicht nur einem Mann vorbehalten ist, sondern auch ebenso in Frauen steckt. Es also durchaus gerechtfertigt sein kann, Frauen in Männerrollen zu präsentieren. Aber auch das hätte B. so nicht akzeptiert – obwohl er, der Musikfan, doch an der Mezzosopran-Hosenrolle des Octavian in Richard Strauss‘ „Rosenkavalier“ nichts auszusetzen hat… Naja, Capa-kaum gibt zu: Das ist ja vielleicht auch was anderes.

Othello (William Shakespeare). Deutsches Theater, Berlin. Regie: Jette Steckel. U.a. mit: Susanne Wolff, Meike Droste, Ole Lagerpusch, Peter Moltzen.

Der Kaufmann von Venedig (William Shakespeare). Maxim Gorki-Theater, Berlin. Regie: Armin Petras. U.a. mit: Cristin König, Regine Zimmermann, Ronald Kukulies, Michael Klammer, Julischka Eichel, Peter Jordan.

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