Na gut, Natascha Kampusch hat nun ihr Buch veröffentlicht und nach eigener Angabe damit alles gesagt, was zum weltweit aufsehenerregendsten Entführungsfall zu sagen ist. Und dennoch bleiben viele Fragen offen.

Vorweg muss Capa-kaum die Feststellung treffen: Selbstverständlich ist die junge Frau, die es durch ihr jahrelanges Martyrium zu trauriger Berühmtheit gebracht hat, in jedem Fall ein Opfer. Auch wenn zu Vieles rund um diesen spektakulären Kriminalfall ungelöst ist. Immer wieder kreisen seit Kampuschs Flucht voyeuristische Gedanken von Boulevardmedien und Öffentlichkeit um die mehr als acht Jahre, die das heranwachsende Mädchen bei ihrem Täter, wie sie ihn nun vorwiegend nennt, verbracht hat. Ein Schauplatz, über den Natascha Kampusch zu Recht nicht in jedes Detail gehen will. Mehr Beachtung sollte, findet Capa-kaum, das Umfeld, das Vorher und Nachher finden.

Weshalb etwa hat man (erst wenige Tage vor Erscheinen des Kampusch-Buchs) nur eine Kurzverhandlung benötigt, um Wolfgang Priklopils Freund von der Mitwisser- oder gar Mittäterschaft frei zu sprechen? Ohne Vernehmung von Zeugen – Nachbarn, Bekannten oder auch Priklopils Mutter…

Und Priklopils Mutter: Wieso hat sie es stets abgelehnt, das Opfer ihres Sohnes kennen zu lernen? Vielleicht weil sie Natascha Kampusch, die ja in den letzten Jahren der Gefangenschaft häufig in Haus und Garten gehen durfte, ohnedies kannte und ihr wegen ihrer Flucht die Schuld am Tod ihres Sohnes gibt?

Wieso kam der namhafte Spitzenjurist Ludwig Adamovich als Leiter der Kampusch-Kommission nach Durcharbeit der Ermittlungsakten zur Ansicht, dass hinter diesem Entführungsfall mehr steckt als die Öffentlichkeit weiß? Gab es nicht doch Mitwisser in Kreisen und Positionen, deren Kinderporno-Affinität nicht ans Tageslicht kommen sollte? Ein erfahrener Jurist wie Adamovich attackiert die Ermittler der Staatsanwaltschaft doch nicht einfach ohne Hintergrundwissen…

Übrigens: Was hatte es vor der Entführung mit den häufigen Wochenendfahrten des Vaters mit seinem Kind nach Ungarn wirklich auf sich, wenn es gleichzeitig aus jenen Jahren ein ungewöhnliches Kinderfoto im Sexy-Look mit hohen Stiefeln gab? Mit ihrem Vater, der – wie sie sagt – „das zehnjährige Mädchen sucht“, will Natascha Kampusch jedenfalls keinen Kontakt mehr haben…

Wie konnte Priklopil, wie Natascha Kampusch nun die Behauptung ihres Entführers wiedergibt, aus einem Klassenfoto gerade sie als Opfer auswählen? Weshalb gerade diese Schulklasse – und wie kommt ein Fremder zu einem Klassenfoto?

Natürlich auch: Wieso den Hinweisen eines Polizisten auf Priklopil als möglichen Entführer seinerzeit nicht entsprechend nachgegangen wurde? Täuscht der Eindruck, dass die Ermittlungen hauptsächlich um das Opfer Kampusch kreisten – wie sollte ein die meiste Zeit weggesperrtes Mädchen Umfeld oder nähere Umstände kennen? Wie sollte sie es wissen, ob Priklopil nicht ein gutes Geschäft mit Videoaufnahmen von ihr machte und ob nicht immer wieder Mitwissende im Haus waren, während sie weggesperrt war?

Capa-kaum weiß: Das sind alles nur Gedanken, die Wahrheit könnte ganz nah und anders liegen als man denkt. Aber Gedanken darf man sich schon machen, wenn so viele Fragen im Fall Kampusch ungelöst bleiben.

5 Kommentare zu “Fall Kampusch ungelöst”

  • kalinka 6. Oktober 2010

    woher weißt du, dass diese Bücher reiner Voyeurismus sind, wenn du sie nicht gelesen hast?

  • Bednar 6. Oktober 2010

    Kampusch hat mich noch nie interessiert, auch Schirach werde ich aus diesem Grund nicht lesen, ist doch Voyeurismus pur, das Mädchen ist so oder so mit ihrem Leben fertig, was soll so ein Mensch etwa beruflich, aber auch privat noch machen?

  • manitu46 20. September 2010

    da werden schon einige kapazunder mitbeteiligt sein, werden ja bei allen kinderporno-internet-razzien immer auch anwälte, lehrer, polizisten dingfest gemacht, warum nicht auch im fall kampusch z.b. irgendwelche bekannte personen

  • aquarius 10. September 2010

    Was muß diese arme Frau noch tun, dass ihr endlich geglaubt wird? Es geht ihr doch nur um Gerechtigkeit und Akzeptanz in ihrem neuen Leben in Freiheit. Ende der Fragen und keine weitere Verletzung ihrer Intimsphäre. Sie hat uns ohnehin mehr erzählt, als wir vertragen können. Nur die Täter, die Kinder als Sexspielezeug sehen, die interessieren niemanden. Oder doch; warum wird da nicht viel schärfer untersucht? Kinder brauchen mehr Schutz, mehr Information über ihre Rechte. Seriöse, weltliche (!) Ansprechpartner, die helfen. Weiters keine Verjährung bei sexuellem Mißbrauch von Kindern. Warum dauert das alles so lange?

  • kalinka 10. September 2010

    Ich finde die Geschichte von Natascha Kampusch unvorstellbar grausam. Dass sie diese Zeit ihrer Gefangenschaft überhaupt überlebt hat, verdient unser aller Respekt. Und wenn es heute noch immer Menschen gibt, die sie für ihre Abgehobenheit kritisieren, dann haben die gar nichts begriffen. Wie anders hätte das OPFER Natascha Kampusch überleben können?

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