Prag ist ja allemal eine Reise wert, vor allem für Diejenigen, die an Kunst, Kultur und besonders auch Jugendstil-Architektur interessiert sind. Bis Ende Juni hat die tschechische Hauptstadt allerdings noch etwas Spezielles zu bieten: Die bemerkenswerte Ausstellung Oskar Kokoschka und Prag, die nicht nur das Schaffen des großen österreichischen Malers aus seiner Prager Zeit dokumentiert, sondern auch einen exzellenten Einblick in das politische und künstlerische Umfeld der „Goldenen Stadt“ vor der Annexion der Tschechoslowakei durch Hitler-Deutschland vermittelt. Dementsprechend sind im Messepalast der Prager Nationalgalerie auch zahlreiche Werke von Künstlern zu sehen, die mit dem aus Wien geflohenen Expressionisten befreundet waren und durch ihn inspiriert wurden.

Die politischen Ereignisse in Deutschland hatten Kokoschka nach dem Tod seiner Mutter 1934 veranlasst, Wien zu verlassen. Ursprünglich wollte er nur kurze Zeit in Prag verbringen – die kulturell lebendige Stadt bot sich als Zufluchtsort vor den Nazis an, die Kokoschkas Werke als „entartet“ diffamierten. Schließlich blieb er dort aber bis 1938, am Vorabend der Besetzung der Tschechoslowakei durch das faschistische Deutschland ging er ins Exil nach London. In der Ausstellung sehr gut dokumentiert ist (in Bild und Wort), dass die Prager Jahre einen Wendepunkt in Kokoschkas künstlerischem und privatem Leben markierten. Er selbst stellte fest, dass er hier spezielle Lichtstimmungen erlebte, die seiner Arbeit neue Impulse verliehen haben. Sehr eindrucksvoll ist in den in der Ausstellung gezeigten 16 Bildern von Prager Stadtlandschaften zu sehen, wie hier Farben und Licht seinen expressionistischen Malstil zur Vollendung brachten. Und dazu die zahlreichen wunderbaren Porträts seiner späteren Frau Olda Palkovská, die er in Prag kennen gelernt hatte. Spezielle Beachtung verdient Kokoschkas 1935/36 geschaffenes Porträt des ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomas Masaryk, das nach mehr als  80 Jahren als Leihgabe aus den USA erstmals wieder an seinem Entstehungsort zu sehen ist.

Einen interessanten Überblick bieten dazu die Werke von Künstlern, denen Kokoschka persönlich verbunden war – unter anderem der tschechische Maler und Schriftsteller Josef Capek, der Kubist Emil Filla oder der deutsche Fotomontage-Künstler John Heartfield. So vermittelt die Ausstellung, auch dank zahlreicher Leihgaben, ein umfassendes Bild von Kokoschkas Prager Zeit, meint Capa-kaum.

Übrigens ist der frühere Messepalast, der seit nunmehr 20 Jahren als Forum für moderne Kunst dient, selbst auch bemerkenswert – wegen seiner funktionalistischen Stahlbetonkonstruktion, die bei ihrer Eröffnung 1928 weltweit Aufsehen erregte. Und dazu bieten die sechs Etagen des gewaltigen Gebäudes, abgesehen von dieser Sonderausstellung, noch eine Vielzahl weiterer Gustostücke des 20. und 21. Jahrhunderts: Von Schiele und Klimt bis Rodin und Moore, von Picasso und Monet bis Miró und Munch – und dazu natürlich jede Menge herausragender tschechischer Künstler der Moderne, von Alfons Mucha und Otto Gutfreund bis Frantisek Kupka und Bohumil Kubista.

Oskar Kokoschka und Prag. Veletrzni Palac, Prag-Holesovice. Bis 28. Juni 2015. Dienstag – Sonntag 10 bis 18 Uhr.

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