In den stillen Stunden dieser Tage hat sich Capa-kaum, der sich gerne mit den Tiefen der Sprache befasst, dazu verstiegen, diesmal eine kurze Geschichte zu verfassen. Zugegeben: Etwas seltsam klingt sie bei erstem Hinsehen, aber sie ist ja auch als Sprachrätsel gedacht – wer will kann versuchen, den Umschreibungen der insgesamt 30 gesuchten Worte im folgenden Text auf die Spur zu kommen. Weiter unten, unter dem Titel „Im Klartext“ findet sich – als Auflösung – dann dieselbe Geschichte unter Verwendung der einfachen, heute gebräuchlichen Worte und danach, für Interessierte, in Kurzform deren etymologische Herleitung.

Capa-kaum hat bei den Umschreibungen (kursiv fett geschrieben) die oft Jahrhunderte alten Bedeutungen verwendet, auf die das entsprechende Wort unserer heutigen Sprache zurückgeht. Manchmal verwundert es, wie sich die ursprüngliche Bedeutung in einigen Fällen sogar völlig verkehrt hat oder wie es gar nicht leicht nachvollziehbar ist, wie es zur heutigen Bedeutung gekommen ist. Als „Gebrauchsanleitung“ des Textes ein Beispiel: Hieße es im Text etwa „ein Hin- und Herziehen“, so wäre die Auflösung das im Norden Deutschlands gebräuchliche Wort „Gedöns“ für „überflüssiges Getue“ – der Wortursprung kommt von „gedense“ = hin-und herziehen (und hat daher mit Getöne, also Lärm machen, nichts zu tun).

Die Geschichte:

Manchmal beginnt jeder Tag so, als hätte man die Karte aus der Gesäßtasche des Schiedsrichters gezogen. Da kommt man sich wie ein ungarischer Fußsoldat vor und würde am liebsten den ganzen Kram eines Trödlers hinschmeißen. Dazu muss man sagen: Der gepolsterte türkische Liegesessel, auf dem das lockende Mahl die halbe Nacht gelegen war, hatte seinerzeit keinen abgeblasenen Blütenstand des Löwenzahns gekostet – und was ist jetzt: Es ist eigentlich nur noch eine zusammengewürfelte Menge verschiedener Gegenstände, denn es ist total von Syphilis befallen. Da hat auch keine kurze Rügerede im Stehen von mir genützt, sie hat sie nicht einmal angehört, hat ihre Baumwollstoffe aus Genua angezogen und sich wenig Attraktives mit allen Mitteln anziehend gemacht. Obwohl es jetzt im Winter draußen noch dunkel wie im Gefängnis war (man könnte natürlich auch sagen: dunkel wie um Mitternacht), hat sie nicht die Blödigkeit aufgegeben, einfach fortzugehen und das auf der Straße wartende Fahrzeug mit dem Namen des irischen Einsiedlers zu besteigen. Ich blickte ihr nach und dachte, wie ich nur so geistlos wie ein Heldentyp hatte sein können, dieses Haarbüschel, das doch so als alltägliches Brot hergestellt aussah, nein – eigentlich meine ich jetzt war sie eher unansehnlich wie eine Kröte, egal – jedenfalls sie in mein behelfsmäßiges Nachtquartier mitzunehmen. Ich war wohl, als schmutziger Wiedehopf gesagt, ein junger Vogel, dessen Dummheit man besser absichtlich übersehen sollte – oder noch besser: die zur Zucht nicht tauglichen Schafe entfernen sollte. Vielleicht reicht es allerdings auch, ein Ainpöckischi Bier zu trinken und mir eine dem Buch beigegebene Ausführung zu schreiben, damit ich das nächste Mal kein grober Mensch, sondern zumindest bloß ein Slawonier bin, wie die Leibwache des Königs David oder Heinrich und Konrad.

 

Wer das 30-Worte-Rätsel lösen will, sollte hier noch nicht weiterlesen…

 

 

 

Im Klartext:

Manchmal beginnt jeder Tag so, als hätte man die Arschkarte (1) gezogen. Da kommt man sich wie ein Tollpatsch (2) vor und würde am liebsten den ganzen Krempel (3) hinschmeißen. Dazu muss man sagen: Der Ottomane (4), auf dem das Luder (5) die halbe Nacht gelegen war, hatte seinerzeit keinen Pappenstiel (6) gekostet – und was ist jetzt: Es ist eigentlich nur noch Ramsch (7), denn es ist total versifft (8). Da hat auch keine Standpauke (9) von mir genützt, sie hat sie nicht einmal angehört, hat ihre Jeans (10) angezogen und sich aufgebrezelt (11). Obwohl es jetzt im Winter draußen noch stockfinster (12) war (man könnte natürlich auch sagen: zappenduster (13)), hat sie sich nicht entblödet (14), einfach fortzugehen und den auf der Straße wartenden Fiaker (15) zu besteigen. Ich blickte ihr nach und dachte, wie ich nur so blauäugig (16) hatte sein können, diesen Zobel (17), der doch so hausbacken (18) aussah, nein – eigentlich meine ich jetzt war sie eher grottenhässlich (19), egal – jedenfalls sie in meine Penne (20) mitzunehmen. Ich war wohl, salopp (21) gesagt, ein Gelbschnabel (22), dessen Dummheit man besser geflissentlich (23) übersehen sollte – oder noch besser: ausmerzen (24) sollte. Vielleicht reicht es allerdings auch, ein Bockbier (25) zu trinken und mir einen Waschzettel (26) zu schreiben, damit ich das nächste Mal kein Tölpel (27), sondern zumindest bloß ein Schlawiner (28) bin, wie Krethi und Plethi (29) oder Hinz und Kunz (30).

Anmerkungen:

(1) Der Fußball-Schiedsrichter hat dort die rote Karte für den Ausschluss eines Spielers stecken, gebräuchlich seit den 1990er-Jahren (2) Im 17. Jahrhundert aus ungarisch „talpas“ = breitfüßig, weil die Soldaten statt Schuhe breite mit Schnüren befestigte Sohlen trugen (3) Aus mittelhochdeutsch „grempeler“ = Trödler, was auf italienisch „comprare“ (kaufen) zurückgeht (4) Ursprünglich für das Sitzmöbel aus arabisch „Utman“, dann französisch „ottoman“ (5) mittelhochdeutsch „luoder“ = Lockspeise (6) Im 16. Jahrhundert umgangsprachliche Umdeutung des Bildes vom abgeblasenen Löwenzahn, „der so kahl ist wie der Kopf eines Pfaffen“ (7) Im 18. Jahrhundert aus französisch „ramas“ = Durcheinander, zu mittelniederdeutsch „ramp“ (8) Im 20. Jahrhundert vulgäre Abkürzung „Siff“ für Syphilis (9) Im 19. Jahrhundert unter Studenten Verschärfung der früheren Worte „Standrede“ und „Rügerede“ (10) Im 16. Jahrhundert französisch „Genes“ für die Stadt Genua, die mit dem speziellen Stoff handelte, daraus mittelenglisch „Gene“ und später „Jene“ (11) Im 20. Jahrhundert entstanden in Anlehnung an die nach dem Aufbacken wieder wohlschmeckenden alten Brezeln (12) Zurückzuführen auf das „Stockhaus“, wie das (finstere) Gefängnis früher genannt wurde (13) Leitet sich vom jiddischen „Zophon“ = Mitternacht ab (14) Im 17.Jahrhundert bedeutete „die Blödigkeit aufgeben“ noch „sich nicht scheuen etwas zu tun“, dann wurde die Wendung nicht mehr verstanden und es wechselte die positive Bedeutung zum Negativen (15) Die Mietkutschen hatten in Paris ihren Standplatz vor einem Haus mit dem Bildnis des hl. Fiacrius, man nannte sie daher „fiacre“, wovon der Begriff im 18. Jahrhundert in Österreich entlehnt wurde (16) Der romantische Held mit seinen blauen Augen wurde Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend kritischer gesehen und ihm Naivität zugeschrieben (17) Seit dem 16. Jahrhundert in Gebrauch für „unsauberes Frauenzimmer“, schwäbisch „zobele“ = Haarbüschel und übertragen: zerzauster Mensch (18) Seit dem 16. Jahrhundert in der Alltagssprache, hausgebackenes Brot gilt im Gegensatz zum Bäckerbrot als einfach (19) Der Wortstamm kommt nicht von der Grotte, sondern dem süddeutschen „Krotte“ = Kröte (20) Im 17. Jahrhundert entstanden als Vulgärform aus westjiddisch „binjan“ = Gebäude, dann Herberge (21) Im 18. Jahrhundert entlehnt aus dem alten französischen „sale“ = schmutzig sowie „hoppe“ = Wiedehopf – dieser gilt seit der Antike als schmutzig, weil er sich zur Tarnung mit Erde bedeckt (22) Seit dem 16. Jahrhundert verwendet, weil die Haut am Schnabelansatz junger Vögel gelblich ist (23) Ursprüngliche Bedeutung „absichtlich“ aus mittelhochdeutsch „vlizen“ (24) Seit dem 15. Jahrhundert in Gebrauch, jeweils im Frühjahr (März) werden die Schafherden verkleinert – also „ausgemärzt“ (25) Seit dem 17. Jahrhundert gebräuchliche Verkürzung für den Namen des sogar in München begehrten Starkbiers aus der niedersächsischen Stadt Einbeck, hat also nichts mit dem oftmals auf dem Etikett abgebildeten Ziegenbock zu tun (26) Zettel, auf dem verzeichnet wird, welche Stücke zur Wäsche gegeben werden – im 19. Jahrhundert übertragen auf Schriftstücke, die einem Buch beigegeben werden, später verwendet für Presseunterlagen (27) Aus mittelhochdeutsch „dörper“ = grober Klotz (28) Seit dem 19. Jahrhundert – die slowenischen Hausierer galten als besonders durchtrieben (29) Die unbeliebten Krether und Plether (Philister) waren ein Teil der Streitmacht König Davids (30) Für „Jeder Beliebige“ verwendet man schon seit dem 15. Jahrhundert zwei der gebräuchlichen altdeutschen Vornamen in ihren alten Kurzformen.

9 Kommentare zu “Eine seltsame Geschichte – Sprachrätsel zum Jahresende”

  • Capa-kaum 7. Januar 2015

    @Robert: Die Antwort sende ich Dir gerne direkt.

  • Robert Sedlaczek 6. Januar 2015

    Großartige Idee. Da ich in letzter Zeit einige Worterbücher mit Etymologien herausgebracht habe, eines meiner Spezialthemen. In Sachen Arschkarte habe ich viel recherchiert. Heinz Fahnler, der Schiedsrichter und UEFA-Beobachter hat mir in einem langen Gespräch klargemacht, dass es nicht aus der Fußballersprache kommt. Es gab nie eine Empfehlung an die Schiedsrichter, die rote Karte in die Gesäßtasche zu stecken und jeder hält es wie er will. Ich habe das in der Folge auch im TV beobachtet. Außerdem müsste es ja heißen: Ich hab schon wieder die Arschkarte gekriegt – nicht gezogen. Hast du anderslautende zuverlässige Quellen? Du würdest mir helfen, eine ungelöste Etymologie zu enträtseln. Liebe Grüße Robert

  • alio 30. Dezember 2014

    Da kommt man auf Sachen drauf! Ich bin nur bei 6 Wörtern nicht gescheitert 🙂

  • Harry 30. Dezember 2014

    Wieder was gelernt. Aber ich konnte nur 9 Worte finden

  • tom32 30. Dezember 2014

    sehr schwierig,habe 7 worte geschafft

  • Aquarius 30. Dezember 2014

    aha…

  • Capa-kaum 30. Dezember 2014

    @ Aquarius: „Ach und Krach“ kommt eigentlich von „Ächzen und Krächzen“ – „ach“ als schmerzhafter Ausruf ist schon seit dem 10.Jht. belegt, dann als Substantiv verwendet und als Überbleibsel in der Phrasenform geblieben – ähnlich verhält es sich mit dem etwa ebenso alten „krah“ für Lärm.

  • Aquarius 30. Dezember 2014

    Interessantes Spiel zwischen den Zeiten mit ihren „Sprachkürzel“. Mit Ach und Krach (woher kommt das eigentlich?) habe ich vielleicht 10 Umschreibungen übersetzen können…

  • wibek 30. Dezember 2014

    Echter Denksport! Mehr als 12 Worte konnte ich nicht entschlüsseln

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